Literatur : Stirnbänderdehnung

Wie sich die deutsche Autoren-Nationalmannschaft beim Fußball-Word-Cup in Malmö geschlagen hat.

Moritz Rinke
Moritz Rinke
Moritz Rinke. -Foto: dpa

Als die Maschine in Kopenhagen aufsetzte, sah Torwart Albert Ostermaier aus dem Fenster und sagte: „Ich spüre, dass wir hier Weltmeister werden!“ Allerdings mussten wir noch weiter nach Malmö (Schweden), über die Öresundbrücke.

Seit einem Jahr hatten wir uns systematisch vorbereitet. Montags Training unter Anleitung unseres Coachs, Ulli Kuper, B-Lizenz. Samstags Spiele, oft auch englische Wochen. Im Trainingslager in Herzogenaurach und Nürnberg dann letzter taktischer Schliff durch Hans Meyer, den Bundesliga-Trainer vom Pokalsieger, er hatte uns schon 2005 ins Finale von San Casciano (Italien) geführt, wo wir dem dreimaligen Weltmeister Schweden unterlagen und Ostermaier fünf Mal hinter sich greifen musste.

Doch nun ist Malmö 07! Städtischer Empfang der Mannschaften aus Dänemark, Ungarn, Italien, England, Deutschland und Schweden. Ostermaier erklärt auf dem Rathausbalkon der mitgereisten „ZDF-Sportreportage“, er spüre immer noch, dass wir Weltmeister werden. Auch ich erkläre der „Deutschen Welle“, dass ich mit einem guten Gefühl ins Turnier gehe.

Habe ich eigentlich schon gesagt, dass wir Schriftsteller sind?

Seit Monaten verschieben sich die Gewichte, ich weiß schon selbst nicht mehr, was ich bin. Vor den Kameras imitiere ich das Fußballervokabular, merke aber immer in der Mitte des Satzes, dass ich das so nicht stehen lassen kann, und schiebe noch etwas anderes hinterher. Dem BR sage ich, dass die „Truppe Moral beweisen muss“, so wie Frings das immer sagt, aber in der Mitte des Satzes fällt mir wieder ein, dass ich eigentlich nicht Frings bin. Wenn ich „Moral“ sage, müsste ich spätestens in der zweiten Satzhälfte irgendwie zu Immanuel Kant hinüberleiten oder zu Friedrich Schiller, einfach so „Moral“ wie Frings geht nicht.

Obwohl ich ein bisschen aussehe wie Frings, ich spiele mit Stirnband. Klaus Döring, mein Zimmerpartner, sieht aus wie Ronaldinho in blond, spielt auch ein bisschen so. Döring („Benjamin Blümchen“) spricht auch im Schlaf. Vor dem Spiel gegen Dänemark hat er mitten in der Nacht gerufen, ich soll den Ball abklatschen lassen.

So wie in Herzogenaurach! Im Testspiel gegen eine von Jogi Löw zusammengestellte Betreuermannschaft des DFB-Teams. Da spielte Oliver Bierhoff („Golden Goal“) überraschenderweise als Manndecker gegen mich, da konnte ich immer nur auf Döring abklatschen lassen. Herzogenaurach hat unsere Mannschaft dennoch geadelt. Sönke Wortmann, der bei uns auch mitspielt, weil sein „Sommermärchen“ ebenfalls als Buch erschien, organisierte danach den Originalnationalmannschaftsbus im Rahmen des San-Marino-Spiels nach Nürnberg. Was für Momente, was für ein Bus! Christoph Nußbaumeder („Mit dem Gurkenflieger in die Südsee“) saß auf dem Platz, wo Schweinsteiger im „Sommermärchen“ saß; Falko Henning („Volle Pulle Leben“) nahm vorne rechts den Sessel von Odonkor ein. Wir wurden auf der Autobahn verfolgt von Bundesbürgern im Pkw bis zum Hotel. Im Bus dachte ich schon wieder, ich sei Frings, obwohl ich mich schon vorsichtshalber auf den Platz von Arne Friedrich gesetzt hatte.

Je länger ich aber nun in Malmö bin, denke ich, ich bin’s doch. Zum Eröffnungsspiel Schweden-Dänemark laufen die Mannschaften Fifa-gerecht mit 22 Kindern an der Hand aus den Katakomben des Stadions „Gamla IP“ ein, bei uns morgen bestimmt auch, mit Nationalhymnen und dem Hochziehen der deutschen Fahne. Abends vorm Einschlafen noch „Einigkeit und Recht und Freiheit“ von von Fallersleben pauken. Ich nehme mir auch vor, „Moral in der Truppe“ jetzt einfach völlig ungebrochen der „ZDF-Sportreportage“ zu sagen und schon vor dem „Danke“ des Reporters wie Frings aus dem Bild in die Kabine zu gehen.

Wir sind in der Todesgruppe A mit den Schweden, deren Kapitän Fredrik Ekelund früher bei Malmö FF spielte und deren Spielmacher Niclas Kindvall beim HSV Profi unter Benno Möhlmann war, blöderweise hat er danach auch noch verkehrspädagogische Kinderbücher geschrieben. Eigentlich haben wir schon genug Probleme: Ralf Bönt („Icks“) laboriert wie Borowski die ganze Saison über an einer Reizung des Gesäßnervs. Tobias Hülswitt („Ich kann dir eine Wunde schminken“) geht wie Ballack mit einer Wadenzerrung ins Turnier. Ostermaier („Ode an Kahn“) hat sich kurz vor der WM noch bei Müller-Wohlfahrt (FC Bayern) einer Leisten-OP unterzogen, und Klaus Cäsar Zehrer („Der Buddhist im Stadion“) hat dem Feuilleton der FR dieser Woche seine gesamten osteopathischen und kryotherapeutischen Behandlungsmaßnahmen geschildert. Wahnsinn eigentlich, über Zehrers Bänderdehnung im linken Sprunggelenk wurde mehr berichtet als über die Nominierung unserer Spieler Jan Böttcher, Jochen Schmidt und Roland Reng zum Klagenfurter Bachmannpreis. Würde sich die Presse auch so auf Hitzlspergers Schreibblockaden stürzen?

Als Döring morgens am Tag des Dänemarkspiels aufwacht, sagt er, er habe geträumt, ich sei Filippo Inzahgi und er Clarence Seedorf. Mir ist schlecht. Ich fühle mich eher wie Klose. Ich habe mentale Probleme. Kurz vor dem Auflaufen gegen Dänemark stehe ich in den Katakomben auf der Toilette vorm Spiegel und denke: Frings oder Inzaghi oder Klose, bevor du jetzt ganz durchdrehst, gehst du einfach raus und spielst wie Rinke. Moral kannst du danach immer noch beweisen. So habe ich es dann auch gemacht.

P. S.: Die deutsche Schriftsteller-Nationalmannschaft wurde auch nicht Weltmeister. Sie unterlag im Halbfinale Schweden mit 1:5, besiegte aber Ungarn im Spiel um Platz 3 mit 2:1.

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