Streetart : Ornament der Stadt

Berlin gilt als Zentrum der Street-Art. Sind Bilder auf Fassaden Kunst oder Schmiererei? Ein Fragebogen.

David Wagner
Astronaut
Straße als Galerie. Ein gigantischer Astronaut auf einem Haus zwischen Skalitzer Straße und dem Heinrichplatz in Kreuzberg. -Foto: Zimmermann/Prestel Verlag

Wieso ist in der letzten Zeit eigentlich so viel von Street-Art die Rede? Warum erscheint ein Street-Art-Buch nach dem anderen? Was ist eigentlich Street-Art, und warum gibt es davon in Berlin immer mehr? Handelt es sich da nicht bloß um Schmiererei auf Hauswänden und Bauzäunen, die von theorieverblendeten Bewunderern „Interventionen im öffentlichen Raum“ genannt werden? Ist Street- Art Sachbeschädigung oder vielleicht doch etwas mehr? Ist sie subversiv oder doch nur dekorativ? Ist Berlin insgeheim nicht längst stolz darauf, die europäische, ach was, die Welthauptstadt der Street-Art zu sein?

Ist es nicht so, dass mit die teuersten Townhouses der Stadt gerade in den Bezirken entstehen, in denen die meisten Pochoirs – das sind die kleinen, mit Schablonen gesprühten Bilder, die selten größer als DIN A 4 sind – und die meisten Cut-outs – so werden die aus dünnem Papier ausgeschnittenen, an Hauswände gekleisterten Klebefiguren genannt – zu sehen sind? Sind die in Hauseingängen und Hausdurchgängen angebrachten Bilder nicht längst ein weicher Standortfaktor der Stadtquartiere? Ist es nicht so, dass Immobilenmakler und Projektentwickler Street-Art lieben, solange sie nur originell und witzig und nicht zu kritisch oder gar verstörend ist? Beauftragen sie hin und wieder vielleicht sogar schon heimlich Künstler und bezahlen diese dafür, mal etwas für eines ihrer unvermietbaren Objekte zu tun?

Kommen einige der vielen Berlin-Touristen vielleicht gar nicht, um die Architektur des Potsdamer Platzes zu bewundern, sondern um Berliner Street-Art zu sehen? Marschieren nicht Tausende von Touristen mit Kameras die Kastanienallee hinauf und hinunter und fotografieren kleine und große Klebebilder, bis ihre Speicherkarten voll sind? Warum gibt es denn einen Street-Art-Stadtführer mit herausnehmbarem Stadtplan, der Interessierten den Weg zu bestimmten Werken weist? Und warum sind auf flickr.com zirka zwanzigtausend mit Berlin und Street-Art getaggte Fotos zu sehen?

Wer macht eigentlich Street-Art? Und warum? Ist es der Spaß an der Freude, öffentlichen Raum auf anarchistische Weise mitzugestalten? Kommt es darauf an, ein Gegengewicht zur Werbung – die, was, eigentlich gar nicht wundert, weil sie ja klaut, wo sie kann, eine Affinität zur Street-Art entwickelt hat und deren Stil und Methoden kopiert und usurpiert – zu schaffen? Sähe die Stadt ohne ihre Graffiti nicht kahl und viel zu ordentlich aus? Wäre es ohne die mit Schablone gesprühten Porträtköpfe nicht langweiliger auf den Straßen? Ist es nicht schön, dass jemand das Antlitz von Harald Juhnke auf Bauzäune sprüht? Und dass es andere gibt, die Porträts von Rimbaud, Marlene Dietrich, Johnny Cash, Hitchcock, Brecht, Papst Ratzinger oder Goethe, um nur ein paar zu nennen, in die Stadtlandschaft sprühen?

Ist Street-Art nun ein Ornament der Stadt oder doch nur Sachbeschädigung? Ist es nicht so, dass das Bekleben einer Hauswand nicht einmal einen Strafbestand darstellt, weil Cut-outs sich ja meist rückstandslos entfernen lassen? Und ist es nicht höhere Ironie, dass bei der Sanierung eines Hauses in der Oderberger Straße um ein aufgeklebte Plakat, das zwei süße, aus Schüsseln essende Kinder darstellt und sicher schon von tausenden Besuchern des Cafés „Kauf dich glücklich“ fotografiert wurde, herumrenoviert wurde?

Ist die Straße nicht der eigentliche, der einzige Ort der Street-Art? Wird die Straße so nicht zur Galerie, in der die Hängung sich jeden Tag beziehungsweise jede Nacht ändern kann, weil immer wieder übermalt und abgerissen und überklebt oder renoviert wird? Ist es nicht schön, dass die Cut-outs und Paste-ups meist gar nicht lange zu sehen sind? Und trifft es nicht zu, dass in Galerien ausgestellte, dann oft für eben diesen Zweck angefertigte, dann nur Street-Art genannte Werke sogenannter Street-Art-Künstler meist öde, flach, dümmlich wirken?

Und ist es nicht hanebüchen, dass – mittlerweile wurde die Geschichte schon öfter erzählt – ein scheinheiliger, zurecht lieber unbekannt bleibender Sammler der Stadt Berlin ein Graffito von Banksy, dem berühmtesten Street-Art-Künstler des Planeten, gestohlen hat? Ist es nicht verrückt, dass dieser Straßenkunsträuber zwei von Banksy auf der Wand eines Gebäudes auf dem Garnisonsfriedhof in Mitte mit Sprühschablone hinterlassene Ratten von einer Spezialfirma, die sonst Renaissancefresken sichert, vom Mauerwerk sägen ließ?

Und ist es nicht schön, dass auch Banksy, der großen Banksy, dessen Werk auch schon in einem Film von Woody Allen auftauchte und über den nicht mehr ein Satz geschrieben werden kann, ohne zu erwähnen, dass auch Brangelina sich schon ein Bild von ihm gesichert haben, anonym bleiben muss? Ist es nicht angenehm, dass Street-Art-Künstler in unserer urheberfixierten Zeit ganz anonym, nur durch ihr Werk zu uns kommen, wie unbekannte Meister spätmittelalterlicher Sakralkunst? Und hat es nicht auch sein Gutes, dass Street-Art-Künstler zwangsläufig anonym bleiben müssen und daher große Unbekannte oder eben einfach unbekannt bleiben?

Ist Street-Art zu Recht schon zu einem Gegenstand der Kunstgeschichte geworden? Oder bettelt manches Cut-out – die Madonnenvariationen beispielsweise, die gerade auf dem Umspannwerk in der Auguststraße, in der Nähe der Kunstwerke, kleben – nicht darum, unbedingt als Kunst wahrgenommen zu werden? Brüllen die Madonnen nicht geradezu: „Hallo, ich verarbeite hier die abendländische Kunstgeschichte, hier, an dieser Hauswand“? Aber sehen die neuen, klobigen, von der Telekom seit zwei Jahren fast überall in der Stadt aufgestellten Verteilerkästen bunt beklebt und besprüht nicht viel schöner aus als nackt und grau?

Im Prestel Verlag ist gerade der von Sven Zimmermann herausgegebene Bildband „Berlin Street Art 2“ (96 S., 14,95 €) erschienen.

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