Literatur : Sturmwind des Glücks

Wiederentdeckt: der große brasilianische Roman „Tagebuch des Abschieds“

Christian Schröder
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Keine geringe Augenweide. Rio de Janeiro Ende des 19. Jahrhunderts. Foto: Ullstein-Bild

Eine Leidenschaft, die auf einem Friedhof beginnt, ist von Anfang an vom Tod überschattet. Geheimrat Aires, ein gerade in den Ruhestand entlassener Diplomat, besucht mit seiner Schwester das Grab der Eltern auf einem Friedhof von Rio de Janeiro und sieht dort, ein paar Gräber weiter, links neben dem großen Kreuz, eine junge Witwe, die um ihren Mann trauert. Er findet sie „appetitlich“, „keine geringe Augenweide“ und beschreibt sie wie ein Holzpüppchen: „Ihre Figur scheint gedrechselt, ohne den leisesten Anflug von Starrheit, woran man bei dieser Vokabel vielleicht denken könnte; ganz im Gegenteil, sie ist geschmeidig.“ Doch zum Paar werden der Geheimrat und die schöne Witwe, die ausgerechnet Fidélia heißt, nicht. Denn dieser Roman handelt vom Abschied, langsam zerrinnt die Lebenszeit des Diplomaten, der selber schon Witwer ist, und er muss Abschied nehmen von den Dingen des Daseins.

Joaquim Maria Machado de Assis, wohl der bedeutendste lateinamerikanische Schriftsteller seiner Zeit, war 69 Jahre alt, als 1908 sein „Tagebuch des Abschieds“ herauskam. Zwei Monate danach starb er. Vom Bonbonverkäufer und Ladengehilfen hatte sich der Sohn eines Anstreichers mit afrikanischen Wurzeln und einer portugiesischen Wäscherin bis zum Ministerialdirektor und Gründer der Academia Brasileira de Letras hochgearbeitet. Für einen, der verächtlich „Mulatte“ genannt wurde, hatte er es weit gebracht. So liegt über den Seiten seines neunten Romans das Gefühl einer heiteren Melancholie.

An äußerer Dramatik hat das „Tagebuch des Abschieds“ wenig zu bieten, die Handlung entfaltet sich beiläufig. Nebenfiguren erleiden einen Gehirnschlag und sterben, ein Landgut soll verkauft werden, am Ende verabschiedet sich Aires am Hafen von Fidélia, die sich mit ihrem neuen Mann, einem tatkräftigen Arzt und Politiker, nach Europa einschifft. Das Buch spielt 1888/89, in Brasilien die Epochenschwelle zwischen Kaiserreich und Republik. Ganz gedämpft nur dringen die großen Ereignisse –  die Befreiung der Sklaven, die Nachwirkungen der Niederlage Frankreichs gegen Deutschland – durch.

Die Welt ist hier immer nur so weit, wie das Blickfeld des Ich-Erzählers reicht. Penibel hält Aires in seinem Tagebuch Salonplaudereien und Empfindungen fest, er spottet, schweift ab, philosophiert, skizziert Charakterstudien und Geistesblitze, verspricht auch schon mal: „Ich lege hier die Feder aus der Hand, um schlafen zu gehen, und werde morgen den weiteren Verlauf des Abends notieren.“ Manche Sätze sind funkelnde Kleinode. Über eine Unterhaltung in der Straßenbahn heißt es: „Das Gespräch war das beste Verkehrsmittel; eines von denen, die auf leisen und schnellen Rädern rollen und die Menschen ohne Erschütterungen befördern.“ Und über eine unruhige Nacht: „Die Musik wanderte mit mir und ließ mich nicht schlafen.“ Der Leser dieses pointillistisch hingetupften Meisterwerks glaubt dem Erzähler in den Kopf schauen zu können.

„Lieber mit dem Alten, soweit es geht, und mit dem Neuen nur, soweit es muss“, heißt es im „Stechlin“, Fontanes letztem Roman. Der Geheimrat Aires und dieser Dubslav von Stechlin könnten Seelenverwandte sein, nur dass Aires geschmeidiger ist. Seine Nostalgie richtet sich aufs Private, nicht auf die Politik. „O Zeiten“, seufzt er und erinnert sich an seine Jugend, als man von Verliebten sagte, sie seien „gebissen“. „Das Fähnlein der Verliebten, das waren jene Ritter, die aus Liebe zu ihrer Dame in den Kampf zogen.“ Mit derlei Ironie hält er die Wirklichkeit auf Distanz, seiner eigenen Lächerlichkeit muss er sich bewusst sein.

Aires – ganz Diplomat – ist von mittlerem Temperament, alles Hochtrabende widerstrebt ihm. Fidélia, die anmutige Witwe, fungiert für ihn als Objekt der Begierde, das vergangene Gefühlsaufwallungen, „Sturmwinde des Glücks“, noch einmal lebendig werden lässt. Doch das Interesse lässt nach, je mehr er sie kennenlernt. Anfangs träumt Aires davon, dass Fidélia ihn heiraten wolle. Absichten, sich ihr tatsächlich zu nähern, hat er keine. „Bewunderung genügt.“ Der Müßiggänger schwelgt in Phantasien. Das Schlüsselwort des Buches, noch im letzten Satz zitiert, lautet „Sehnsucht“.

J. M. Machado De Assis: Tagebuch des Abschieds. Roman. Aus dem Portugiesischen übersetzt und herausgegeben von Berthold Zilly, 232 S., 22,50 €. Friedenauer Presse, Berlin 2009.

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