Literatur : Sündenbock Israel

Scharfe Thesen, dürftige Belege: Zwei Professoren versuchen sich an einer Debatte zur US-Außenpolitik

Christoph von Marschall

Mit Schwindeleien kann man viel Geld verdienen. In der Wirtschaft nennt man das Betrug, im Buchwesen Tabubruch. Zwei amerikanische Politologen, John Mearsheimer von der University of Chicago und Stephen Walt von der Harvard University, haben ein Buch mit dem reißerischen Titel „Die Israel-Lobby. Wie die amerikanische Außenpolitik beeinflusst wird“ geschrieben. Sie behaupten, dass einflussreiche Kreise die US-Außenpolitik fernsteuern – zugunsten Israels und zum Schaden der USA. In den Irakkrieg wurde Präsident Bush angeblich von Israel getrieben. Seine Rhetorik gegen Irans Atomprogramm gehe auf die Israel-Lobby zurück. Und die sei natürlich auch schuld an Terroranschlägen auf US-Ziele – denn, nicht wahr, ohne Nahostkonflikt gäbe es keinen Terror auf der Welt und ohne Amerikas Parteinahme für Israel auch keine Anschläge auf die USA. Das Cover zeigt eine US-Fahne, in der die US-Sterne durch Davidsterne ersetzt wurden.

Das Buch ist die verlängerte Fassung eines Essays, das die beiden 2006 in der „London Review of Books“ publizierten, nachdem „Atlantic Monthly“ den Text abgelehnt hatte. Die Ablehnung war verständlich, das Urteil der Kenner der Materie einhellig: Die Autoren haben nichts Neues beizutragen, sie arbeiten mit Verschwörungstheorien. Selbstverständlich gebe es Lobbygruppen, die für Israel in Washington arbeiten – genauso wie es eine Waffenlobby, eine Pharmalobby, eine Taiwan- oder eine Anti-Castro-Lobby gebe. Aber das sei ein alter Hut. Doch Mearsheimer und Walt interpretierten diese vernichtende Kritik an ihren Thesen als Beleg für eine Atmosphäre, in der man angeblich keine Kritik an Israel äußern dürfe, und erzielten so Aufmerksamkeit. Nach derselben PR-Strategie geht nun ihr Verlag vor: Die Autoren seien Opfer einer Hexenverbrennung, weil sie unangenehme Wahrheiten endlich aussprechen. Schon die Meldungen über üppige Voraushonorare enttarnen diese Schmierenkomödie. Ein Buch, mit dem man sechsstellige Dollarbeträge verdienen kann, trifft gewiss nicht auf eine feindliche Stimmung. Auch von der heftiger Kontroverse kann keine Rede sein. Nahezu unisono kommen die Rezensenten zu dem Schluss, dies sei ein schlechtes Buch. Die Autoren nehmen nur die Fakten auf, die ihre Thesen stützen, und lassen die Gegenargumente unter den Tisch fallen – mit anderen Worten: Sie verstoßen gegen die Regel intellektueller Redlichkeit.

Verwirrenderweise ist der Text mit wissenschaftlich anmutenden Anmerkungszahlen gespickt, aber der Anmerkungsapparat fehlt. Aus Platzgründen, behauptet der Verlag – und schlägt vor, Interessierte könnten die Belege auf einer Internetseite einsehen. Ein Blick darauf belegt erneut die dürftige Methodik: Die Zitate und Belege für ihre Thesen haben die Autoren zum Gutteil aus Zeitungen und Reden abgeschrieben. Immer wieder bedienen sie sich aus der israelischen „Haaretz“ und der „New York Times“, was ihrer Grundthese den Boden entzieht. Tatsächlich kann man nicht nur offen Kritik an Israels Kritik üben, es geschieht täglich, gerade in den USA und in Israel.

Einige der schärfsten Einwände gegen ihr Essay haben sich die Autoren immerhin zu Herzen genommen. Ihre Schuldzuweisungen an die „Israel-Lobby“ hatten manche an Nazisprüche wie „Die Juden sind unser Unglück“ erinnert. Im Buch betonen Mearsheimer und Walt, sie seien keine Antisemiten. Sie fordern sogar, die USA müssten alles tun, um Israel gegen Vernichtungsangriffe zu verteidigen. Nur sei eine solche Gefahr nicht gegeben.

Mit ihrem partiellen Eingehen auf Kritik verwickeln sie sich in neue Widersprüche. Zuerst hämmern sie den Lesern ein, dass Israel US-Finanzhilfe in beispielloser Höhe beziehe, die sich durch Vernunftgründe nicht rechtfertigen lasse. Zig Seiten später trifft der Leser auf Informationen, dass Ägypten und Jordanien für ihre Friedensschlüsse mit Israel ebenfalls belohnt werden. Nun ändern die Autoren plötzlich ihre Argumentation. Auch diese Zahlungen müsse man der Israel-Lobby zurechnen, da Israel doch von dem Frieden profitiere.

Eine ihrer Grundthesen lautet, die USA sollten Israel durch Entzug von Hilfe zu Kompromissbereitschaft gegenüber den Palästinensern zwingen. Doch dann stellen sie fest, Israel sei gar nicht existenziell abhängig von der US-Hilfe. Deshalb könne Amerika Israels Politik nicht durch Strafe, sondern nur durch das Angebot von noch mehr Hilfe beeinflussen. Ja, was denn nun?

Ein ganzes Kapitel lang zählen die Autoren unverhältnismäßige Reaktionen Israels im Kampf mit den Palästinensern auf. Sie wollen damit, wie sie sagen, das Argument schwächen, Israel verdiene als einzige Demokratie in der Region besondere Unterstützung. Doch im Schlusssatz nehmen sie die Anklage, Israel sei der Aggressor, zurück: „Vermutlich hat Israel nicht schlimmer gehandelt als viele andere Länder, aber es war auch nicht besser.“

So ist das ganze Buch gestrickt. Erst wird maßlos übertrieben, um den Eindruck der Außergewöhnlichkeit eines Vorgangs zu erregen. Dann wird zurückgerudert, um dem Vorwurf allzu krasser Schwindeleien zu entgehen. Dem angeblichen Ziel des Buches kann man nur zustimmen: Eine Neubewertung der US-Nahostpolitik und ein Umdenken sind überfällig. Mearsheimer und Walt leisten dazu keinen Beitrag. Immer wieder verdrehen sie Ursachen und Wirkungen. Der Terror sei angeblich eine Folge der US-Hilfe für Israel? Sie schreiben doch selbst zutreffend, die massive US-Hilfe habe erst Ende der 60er Jahre eingesetzt. Da war der PLO-Terror längst Alltag – aber das verschweigen sie.

Und Irak? Es wirkt absurd, dass ausgerechnet diese zwei Bush-Gegner dem Präsidenten die Verantwortung abnehmen wollen, indem sie behaupten, die Israel- Lobby sei schuld am Krieg. Wenn es überhaupt ausländischen Druck gab, Saddam zu stürzen, dann aus Saudi-Arabien, das hat Starjournalist Bob Woodward belegt. Mearsheimer und Walt haben ihre Anklage mit blindem Eifer geschrieben. Der führt bekanntlich in die Irre.





– John J. Mearsheimer, Stephen M. Walt
: Die Israel- Lobby. Wie die amerikanische Außenpolitik beeinflusst wird. Campus Verlag, Frankfurt 2007. 503 Seiten, 24,90 Euro.

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