Suhrkamp kommt : Bewegung ist der neue Halt

Frankfurt ist Geschichte, Berlin wird hart erarbeitet: Wie der Suhrkamp Verlag seinen Umzug vorbereitet - und meint, dazu auch noch Visionen verbreiten zu müssen.

Gerrit Bartels
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Wunsch-Domizil. Das Nicolai-Haus in Berlin. Der Verlag verhandelt noch. Foto: ddp

Die Mail, die der Suhrkamp Verlag Anfang der Woche an Berliner Medien schickte, hatte etwas unfreiwillig Komisches: „Sehnsucht Berlin“ stand da in der Betreffzeile, als wolle der Verlag seiner Ungeduld ebenso Ausdruck verleihen wie seiner Freude darüber, nun endlich, zu Beginn des nächsten Jahres, von Frankfurt nach Berlin umziehen zu können. Der Inhalt der Mail verwies dann zwar doch nur auf eine Veranstaltung an diesem Sonntag im Babylon-Kino, bei der der slowenische Autor Aleš Šteger aus seinem Berlin-Buch „Preußenpark“ lesen und im Anschluss ein Film mit dem Titel „Sehnsucht Berlin“ gezeigt wird.

Doch passt die Mail natürlich wunderbar in eine Woche, in der Suhrkamp-Verlegerin Ulla Berkéwicz in einem Essay für den „Spiegel“ der Frage „Wohin zieht Berlin?“ nachgeht und „die Chancen der Hauptstadt“ bewertet – als sei ausgerechnet sie besonders kompetent als Berlin-Visionär. Und in der der Verlag in seine Dependance in der Fasanenstraße einlädt, zur Premiere des neuen Buchs von Ralf Rothmann, „Feuer brennt nicht“, eines Berlin-Romans, versteht sich.

Das alles macht den Eindruck, als sei Frankfurt für den Suhrkamp Verlag schon jetzt bloß noch Geschichte. Es wirkt aber auch ganz praktisch Gerüchten entgegen, die während der Leipziger Buchmesse die Runde gemacht hatten: Dass Suhrkamp gar nicht nach Berlin ziehen werde, war da zu hören, und wenn, dann höchstens als Potemkinsches Dorf, als repräsentative Hülle. Und dass dem Verlag nun wirklich bald die Puste ausgehe, ökonomisch betrachtet.

Tatsächlich gehen jedoch in den nächsten Tagen die Änderungskündigungen an die Suhrkamp-Belegschaft heraus. Darin werden die Mitarbeiter aufgefordert, mitzuziehen und neue, für Berlin gültige Arbeitsverträge zu unterschreiben. Oder nicht, was den Verlust des Arbeitsplatzes und entsprechende Abfindungsverhandlungen zur Folge hätte. „Wir hoffen, die meisten gehen mit“, hatte der stellvertretende Verlagsleiter und Suhrkamp-Geschäftsführer Thomas Sparr in den Tagen nach der Umzugsverkündung Anfang Februar gesagt. Aus der Belegschaft heißt es inzwischen, dass man diesem vermeintlichen Werben der Geschäftsführung vertraut und neben Lektoren und leitenden Angestellten auch viele andere Mitarbeiter mit nach Berlin kommen.

Wo diese dann aber ihren Arbeitsplatz finden werden, steht bislang nicht hundertprozentig fest. Das Nicolai-Haus in der Brüderstraße 13 ist die bevorzugte Immobilie des Verlags, sie hat den angestrebten repräsentativen Charakter (was andere vom Berliner Senat angebotene Räumlichkeiten anscheinend nicht bieten). Die Verhandlungen zwischen Senat und Verlag über die Nutzung des Gebäudes sollen sich noch weitere zwei Wochen hinziehen. Thomas Sparr, so sagt er es am Rande der Rothmann-Buchpremiere, findet das selbstverständlich. Das Nicolai-Haus sei schließlich denkmalgeschützt, Änderungen an Fassade und Raumstruktur müssten genau abgesprochen werden.

Geklärt sei hingegen, dass der seit 40 Jahren in einem Seitenflügel mit einem unbegrenzten Mietvertrag wohnende Kunsthistoriker Werner Schade und seine Frau Maria bleiben können. „Damit hat sich die Verlegerin einverstanden erklärt“, so Sparr. Dass das Haus für den Verlag möglicherweise zu klein ist und aufwendige An- oder Umbauten vorgenommen werden müssen, bestreitet wiederum Suhrkamp-Pressesprecherin Tanja Poschpischil. Sie verweist auf die Möglichkeit, in der Umgebung zusätzliche Räumlichkeiten zu mieten. In der Frankfurter Lindenstraße hat man das mit einem dem Verlagshaus gegenüberliegenden Gebäude genauso gemacht.

Beschlossene Sache ist neben der nur allzu logischen Schließung der Dependance in der Fasanenstraße auch die Aufgabe des Insel-Verlagshauses in Leipzig. Das Haus wurde vor allem aus Gründen der Tradition und der Repräsentanz geführt, kann nun aber laut Sparr wegen der Nähe Berlins zu Leipzig und des altersbedingten Ausscheidens der einzigen dort fest angestellten Mitarbeiterin guten Gewissens aufgegeben werden. Unmissverständlich stellt Thomas Sparr jedoch fest: Der Insel Verlag, der 1901 gegründet wurde, dessen westdeutscher Teil seit 1963 Suhrkamp gehört und dessen ostdeutscher Teil nach dem Mauerfall 1991 hinzukam, wird nicht veräußert. Insel bleibt bei Suhrkamp.

Und was bringt der Umzug ökonomisch? Darüber schweigt man sich bei Suhrkamp nach wie vor lieber aus. Die nicht geringen Umzugskosten jedenfalls werden vom Berliner Senat übernommen. Doch spielt Geld bei dieser Veränderung ja auch nur eine sekundäre Rolle. Es gilt vielmehr, wie Ulla Unseld–Berkéwicz im „Spiegel“-Essay schreibt, „die Austauschbarkeit von Menschen und Ideen zu verhindern, die den Mächtigen und Kriegsgewinnlern der neuen weltweiten Wanderbewegung vorschwebt“. Und sie weiß auch: „Wer nur an seinem Ort bleiben will, wird den Halt verlieren. Die Orte sind nicht mehr vorgegeben. Sie müssen erarbeitet werden. Das Zuhause, das wir uns schaffen, wird provisorisch, diasporisch sein.“ Das klingt wie eine weitere Begründung für den Abschied von Frankfurt am Main. Es klingt jedoch nicht so, als solle Berlin (oder gar das Nicolai-Haus) nun ultimative Heim- und Wirkstätte sein. Sondern mehr wie: Der Suhrkamp Verlag und sein ihm innewohnender Geist sind überall zu Hause.

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