Suhrkamp : Leere Flure

Frankfurter Melancholie: eine Liebeserklärung an den Suhrkamp Verlag

Christoph Schröder
315939_0_1ef90298.jpg Markus Kirchgessner/laif
Ballast oder Zukunftskapital? Diese Bücher aus der Bibliothek Suhrkamp stehen nächste Woche in Berlin. Foto: Kirchgessner/laifMarkus Kirchgessner/laif

Nein, keine Larmoyanz, kein Wehklagen kein bösartiges Nachtreten, aber ein wenig Melancholie. Und auch keine Berlin- Beschimpfung, nur ein bisschen vielleicht, so am Rande, weil sie dazu gehört, aus Frankfurter Perspektive eben. Stattdessen ein imaginärer Gang durch die leeren Flure des Suhrkamp-Gebäudes in der Lindenstraße im Frankfurter Westend. Ein Siebziger-Jahre-Prachtbau, den seine Insassen mit Leben, Charme, Geist und Intrigen gefüllt haben und der nun, nach seiner Räumung, seelenlos wirkt und traurig. Ein Museum der alten Bundesrepublik und deren literarischer Moderne, die hier auf den Weg gebracht wurde, mitsamt dem Mythos, der drumherum gestrickt wurde. Marketingtechnisch genial, unzerstörbar auf Jahrzehnte.

Die Wand mit den Autorenfotos, die man schon vom Eingang sehen konnte: leer. Der klapprige, enge Aufzug, der nur bis in den dritten Stock fuhr. Wer in den vierten, in die Chef- und Lektorenetage, wollte, musste die Treppe nehmen. Eine Einschüchterungsgeste zweifellos – der Weg nach oben, ins Machtzentrum, muss ein wenig beschwerlich sein. Die langen Flure, von denen die engen Büros abzweigen, deren Einrichtung sich seit Jahrzehnten nicht verändert hat, einst vollgestopft mit Büchern und Manuskripten. Die Namensschilder an den Türrahmen. Und das eine, das nie entfernt wurde: Dr. Siegfried Unseld.

Der Suhrkamp-Verlag hat Frankfurt verlassen. „Ab 4. Januar erreichen Sie uns unter unseren neuen Telefonnummern.“ In Berlin. Das Stammhaus in der Lindenstraße bleibt zurück und mit ihm all der Ballast, der mit dem Namen Siegfried Unseld verbunden ist. Das Archiv im Keller ist abtransportiert ins Deutsche Literaturarchiv in Marbach. Das Haus, inmitten einer exklusiven Wohngegend gelegen, soll und muss verkauft werden. Wahrscheinlich wird es abgerissen. Was jetzt noch drin ist, wird mitbeerdigt werden. An materiellem Wert ist es nichts, an ideellem eine ganze Menge. All das bleibt zurück. Der Verlag will sich von seinem Ballast trennen, um weitermachen zu können. Ob es ohne den Ballast überhaupt ein Weiter gibt, ist die andere Frage. Suhrkamp ist gefangen in der Paradoxie seiner Bedeutungsgeschichte.

Es gibt in Frankfurt niemanden, der mit Büchern zu tun hat und nicht seine persönlichen Verbindungen zum Suhrkamp-Verlag hätte. Die Adresse mitsamt Postleitzahl kannte man auswendig, die Telefondurchwahlen ohnehin. Die neue, die Berliner Nummer, ist länger, sperriger. Man wird eine Zeitlang brauchen, um sie sich zu merken. Wenn man das überhaupt will. Der Verlag war in der Stadt, die von ihrer Fläche und ihrer Mentalität her eine Kleinstadt ist, überaus präsent. In Form seiner Ausstrahlung. In Form des Geredes über all das, was sich in der Lindenstraße 29–35 abspielte, besonders in den vergangenen Jahren, seit dem Tod Siegfried Unselds. Das Gerede, das letztendlich, glaubt man der Verlegerin, zu dem Entschluss, die Stadt zu verlassen, beigetragen hat. Vor allem aber in Form seiner Mitarbeiter. Unmöglich, sich in der Mittagszeit im Café Laumer zu verabreden, ohne dort Verlagsbegegnungen zu haben, gewünschte oder unerwünschte, erfreuliche oder peinliche.

Der Suhrkamp-Verlag war etwas in Frankfurt – und damit war auch jeder, der bei Suhrkamp einen Job hatte, etwas. Die zum Teil mit Pomp inszenierte, zum Teil von außen zugeschriebene Aura ist keine Erfindung. Der Name Suhrkamp öffnete in Frankfurt Türen, weil nicht nur der Verlag der Stadt etwas gab, sondern auch umgekehrt die Stadt den Verlag wie ein Kokon schützend umhüllte. Man pflegte und goss die exotische Pflanze. Der Suhrkamp-Verlag lud die Stadt mit Spannung auf, nicht zuletzt weil auch die Konfliktlinien, die den Verlag prägten, jederzeit präsent waren. Suhrkamp, das war auch die Geschichte von Joachim Unseld und der Stiefmutter- Verlegerin. Nun ist Joachim Unseld aus dem Verlag raus und die Stiefmutter weg. Der Gossip in Frankfurt ist um ein bedeutendes Thema ärmer.

Müßig, über die Umstände und wahren Beweggründe für den Umzug zu spekulieren. Nur eine kurze Randbemerkung auch über das Abwerbeverhalten des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, für das wir hier in Frankfurt nur Worte wie „unverschämt“ und „perfide“ übrig haben. Ein Mann, der, wie wir überzeugt sind, mit unseren Steuergeldern aus dem Länderfinanzausgleich ein Kulturschnäppchen in seine in geistiger, moralischer und finanzieller Hinsicht bankrotte Pleitenmetropole geholt hat. Auch müßig, sich über den Umgang mit den Suhrkamp-Mitarbeitern zu empören: Umzug ins „Labor Berlin“ oder Rausschmiss.

Die Zeit dafür ist vorbei. Den kräftigen Tritt, mit dem man bei rationaler Überlegung die Suhrkamp-Geschäftsleitung aus Frankfurt verabschieden müsste – geschenkt. Kein Nachtreten, wie gesagt, nur Melancholie. Denn in Zukunft wird hier etwas fehlen und wir werden etwas vermissen. Und auch der Suhrkamp-Verlag wird nichts hinzugewinnen, selbst wenn die Verlegerin das glaubt. Aber er wird die Aufmerksamkeit, die auch auf ihn ausgerichtete Lebensstimmung einer ganzen Stadt verlieren.

Die Stadtpolitik ist eine andere Geschichte. Berlin ist groß. Ob dort wirklich auf diesen nach wie vor so wohltuend uncoolen Verlag gewartet wird? Man muss Suhrkamp alles Glück wünschen. Macht’s gut da draußen, in der kalten, ungeschützten Welt. Und seht zu, dass ihr überlebt.

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