Svenja Goltermann : Die Gesellschaft der Überlebenden

Svenja Goltermann untersucht die Leiden der Heimkehrer in die deutsche Nachkriegsgesellschaft.

Bernhard Schulz

Manchmal genügt ein Buchtitel, um einem ganzen Zeitabschnitt ein Motto zu geben. 1967 erschien die Essaysammlung „Die Unfähigkeit zu trauern“ von Alexander und Margarete Mitscherlich, deren Titel zum geflügelten Wort wurde. Längst ist vergessen, dass sich diese Überschrift nicht auf das Verhältnis der bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft zu den Opfern des „Dritten Reichs“ bezieht, sondern auf das eigene Befinden, auf den kollektiven Narzissmus derer, die sich zu Unrecht der Untaten des NS-Regimes beschuldigt fühlten.

In besonderem Maße hätte diese kollektive Abwehrhaltung auf die Millionen von Soldaten zutreffen müssen, die sich von den Nazi-Schergen – in Frankfurt begann Ende 1963 der Auschwitz-Prozess – absetzten. Wie es um die psychische Verfassung der Kriegsheimkehrer stand, hat nun die Historikerin Svenja Goltermann in ihrer Habilitationsschrift anhand von Aktenfunden unter anderem in den Bodelschwinghschen Anstalten zu Bethel umfassend dargestellt. Eine solche Arbeit, die in Bielefeld begonnen, in Bremen und Southampton fortgesetzt und in Freiburg abgeschlossen wurde, kann nicht anders als umfangreich sein. Für den allgemeinen Leser stellt sich die Lektüre des auf 592 Buchseiten angeschwollenen Werks dadurch streckenweise mühsam dar.

Im Grunde handelt es sich um eine Geschichte der Psychiatrie und benachbarter Wissenschaften in den ersten beiden Jahrzehnten der Bundesrepublik, zumal in ihren allerersten Jahren. Die Freiburger Privatdozentin hält sich darum auch eng an Fallgeschichten, die die sich wandelnden Auffassungen über die Leiden und Störungen bei den Kriegsteilnehmern – immerhin elf Millionen gerieten in alliierte Gefangenschaft – spiegeln. Zu der heutzutage inflationären Verwendung des erst im Gefolge des Vietnamkriegs definierten Krankheitsbildes der „Posttraumatischen Belastungsstörung“ hält die Autorin gebührenden Abstand. In der frühen Bundesrepublik wurde augenscheinlich noch sehr genau untersucht und protokolliert, statt pauschal auf Schädigung zu plädieren.

Es erstaunt, wie eng diese Problematik in der jungen Bundesrepublik mit dem Streit um die Anerkennung als Kriegsfolgen und somit der Gewährung von Rentenzahlungen zusammenhängt. Bisweilen drängt sich bei Lektüre des Buches der Eindruck auf, die Verarbeitung des Kriegserlebnisses habe überhaupt nur auf dieser materiellen Ebene stattgefunden – als eine Debatte, an der jedermann jenseits der ansonsten geltenden „Sagbarkeitsregeln“ teilnehmen konnte. Das gilt nicht zuletzt für die Medien, die sich in den 1950er Jahren oft über Simulanten und Rentenbetrüger erregte: „Die Verdachtsäußerungen auf ,rentenneurotisches Verhalten‘ oder ,Rentenbegehren‘ stiegen merklich an.“ Auch die ärztlichen Auffassungen wandelten sich: „Mit dem Eintritt in die zweite Hälfte der 1950er Jahre begegnet man diesem zeitlichen Argument, das eine ,Kriegsbedingtheit‘ von Leiden ohne nachweisbare körperliche Schädigung ausschloss, in wachsender Zahl.“ Seit Beginn der 60er Jahre überlagerte dann die juristische Aufarbeitung des NS-Völkermordes die Ansprüche der Wehrmachtsangehörigen; es war „aus Mediensicht offenbar undenkbar geworden, eine öffentliche Anwaltschaft für die Kriegsheimkehrer und ihr Anliegen zu übernehmen, die Gleichheit der Menschen vor grausamer Behandlung gegenüber der Politik einzuklagen“.

Aus ihrer Analyse – auch von Romanen, Dramen und Filmen – kommt die Autorin zu dem Schluss, „dass sich die ,Normalität‘ der westdeutschen Gesellschaft gerade nicht dadurch auszeichnete, dass sich der vergangene Krieg und Völkermord hätte ,verdrängen‘ lassen. Vielmehr waren der Tod und die Toten in der persönlichen Erinnerungs- und Vorstellungswelt eines erheblichen Teils dieser Nachkriegsgesellschaft immer wieder gegenwärtig“. Die Gewalterfahrung des Krieges kommt in den zahlreichen, ausführlich zitierten Krankenakten deutlich zum Ausdruck. Aber nicht nur der Blick zurück schreckte: „Es war ein immenses Unbehagen, das viele ehemalige Soldaten in der Nachkriegszeit mit sich trugen. Oft ist kaum zu entscheiden, ob der Blick in die Vergangenheit oder derjenige in die Zukunft den größeren Schrecken einflößte.“

Es ist ein differenziertes Bild, das Svenja Goltermann zeichnet, zwischen den unerklärten Leiden auf der einen Seite und der Auffassung auf der anderen, die psychische Verarbeitungsfähigkeit des Menschen sei immens. Die deutschen Psychiater „schlossen aus, dass länger andauernde psychische Auffälligkeiten von Kriegsheimkehrern ursächlich auf ihre Erfahrungen während des Krieges zurückgeführt werden könnten“. Die heutige Geschichtswissenschaft urteilt anders, sie besagt, „dass die extreme Gewalt des Krieges und das Grauen des Nationalsozialismus in all diesen Gesellschaften, die in den Krieg verwickelt waren, fortdauernde immaterielle Trümmer hinterließen, die den Wiederaufbau überdauerten“.

Bei alldem ist zu beachten, dass die Beschränkung vorwiegend auf Fallgeschichten all die Heimkehrer ausschließt, die sich nicht in Behandlung begeben mussten. Sie blieben weitgehend stumm, auch im familiären Kreis. Für alle gilt aber zweifellos, was Menschen in der Konstruktion ihrer Biografie immer schon gemacht haben: „In den Erzählungen über den Krieg kommt jedoch vor allem auch ein Bedürfnis nach persönlicher Rehabilitation zum Ausdruck.“ Das würde überleiten zu dem empörten Streit um die Wehrmachtsausstellung von 1995, aber das ist ein anderes Kapitel der deutschen Geschichte.

– Svenja Goltermann: Die Gesellschaft der Überlebenden. Deutsche Kriegsheimkehrer und ihre Gewalterfahrungen im Zweiten Weltkrieg. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2009. 592 Seiten, 29,95 Euro.

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