Thomas Glavinics "Das Leben der Wünsche" : Das bin doch nicht ich

Am Abgrund der Freiheit: Thomas Glavinic erkundet in seinem Roman "Das Leben der Wünsche".

Gerrit Bartels
Glavinic
Bizarre Einfälle. Der 1972 in Graz geborene Schriftsteller Thomas Glavinic. -Foto: dpa

Wer hat nicht schon einmal beim Anblick einer Sternschnuppe darauf gehofft, dass sich der insgeheim geäußerte Wunsch irgendwann erfüllt? Und wer gibt sich nicht gern mal der Täuschung hin, dass das Leben eine Art Wunschkonzert ist? Trotzdem würde man stutzig, wenn sich eines Tages ein Mann zu einem setzen und anbieten würde: „Ich erfülle Ihnen drei Wünsche.“ Vermutlich würde man den Mann für wahnsinnig halten. Vielleicht ihm auch rüde entgegnen, so wie es Jonas macht, der Held aus Thomas Glavinics neuem Roman „Das Leben der Wünsche“: „Aber was gehen sie meine Wünsche an? Ich weiß ja gar nicht wer sie sind.“ Und vielleicht würde man sich dann auch wie Jonas aus Spaß und Neugier darauf einlassen: „Ich wünsche mir, dass sich alle meine Wünsche erfüllen. Dies ist mein erster Wunsch, und auf die anderen zwei kommt es nun nicht mehr an, ich schenke sie Ihnen.“

Jonas bekommt von dem Mann noch mit auf den Weg, seinen Wünschen Zeit zur Entfaltung zu geben, und nach diesem Intro schildert Glavinic zunächst recht gemächlich das Jedermannsleben seines 35-jährigen Helden: Jonas ist mit Helen verheiratet, die er nicht mehr so liebt. Er hat zwei Kinder mit ihr, zwei Jungen, die er abgöttisch liebt. Und er hat eine Geliebte, Maria, die er auch sehr liebt. Sein Job in einer Werbeagentur dagegen liegt ihm so gar nicht am Herzen, aber irgendwo muss das Geld ja herkommen.

Das alles ist nicht weiter spektakulär und eher langweilig, wäre da nicht das Intro, das diesem Roman von Beginn an eine zwielichtige, wenn nicht gar düstere Atmosphäre verleiht und ihn buchstäblich sein eigenes Leben führen lässt. Denn jeder neue und noch so kleine Vorfall in Jonas’ Leben wird mit Bedeutung aufgeladen, und manchmal mit einer, die er gar nicht zu verdienen scheint. Jonas’ Leben ist auf unerklärliche Weise ins Rutschen geraten. Man könnte auch sagen: Jonas lebt plötzlich in einer Parallelwelt, und in dieser lebt er ganz allein.

Womit wir gleich ganz in der bizarren Romanwelt von Thomas Glavinic wären. Ständig neue Einfälle sind ihr oberstes Charakteristikum. Glavinic will nicht immer wieder dieselbe Geschichte erzählen, nur jedes Mal besser, sondern immer wieder eine andere – sei es wie vor zwei Jahren in „Das bin doch ich“ über einen neurotischen Schriftsteller im Literaturbetrieb. Sei es in dem Roman „Der Kameramörder“, in dem ein Schwerverbrecher erzählt, wie er zwei Kinder zum Selbstmord gezwungen und dabei gefilmt hat.

Jonas zumindest kennen Glavinic-Leser schon aus dem Roman „Die Arbeit der Nacht“, wo er eines Morgens aufwacht und tatsächlich allein auf der Welt ist. Im Verlauf des Romans bemüht Jonas sich, der Sache auf den Grund zu gehen, mit Videokameras genauso wie mit zahlreichen Erinnerungen an sein bisheriges Leben: „An ihm war es nun, das Alte wiederherzustellen. Falls er etwas auf der Welt sein Eigen nennen wollte.“

So dunkel und rätselhaft „Die Arbeit der Nacht“ ist, so wenig trägt der Roman seine Idee auf vierhundert Seiten. „Das Leben der Wünsche“ dagegen funktioniert um Klassen besser: Jonas will das Alte jetzt nicht mehr wiederherstellen, sondern abstreifen. Er versucht, der Fremdheit seines Lebens zu entkommen, etwas Eigenes zu entwickeln. Nur weiß er nicht, ob er die Kontrolle über sein Leben hat. Oder ob ihn jemand kontrolliert?

Er weiß nicht, wie frei er in seinen Gedanken, Wünschen und Entscheidungen wirklich ist, was überhaupt für Obsessionen in ihm schlummern. Und wie sicher die vermeintlichen Sicherheiten seines Lebens sind. Daraus bezieht „Das Leben der Wünsche“ lange seine Spannung, und dramatisch gut zudem ist, wie Glavinic all das fast gleichmütig erzählt: in einer trockenen, ohne Schnörkel und lange Sätze auskommenden Sprache. Und in kurzen Kapiteln, in denen Jonas’ Welt Stück für Stück aus den Fugen gerät, ohne dass er oder der Leser wüssten, ob das Ganze nun maßloses Glück verspricht oder katastrophische Ausmaße annimmt.

Erst sind es nur Jonas’ Aktienkurse, die steigen; sein (zu) kleiner Sohn erfährt einen Wachstumsschub, an den seine Eltern nicht mehr geglaubt hatten, es gibt merkwürdige Unfälle, deren Augenzeuge Jonas wird. Dann aber liegt seine Ehefrau Helen tot in der Wanne, steigt er nicht in ein Flugzeug, das später abstürzt, hört er von der wundersamen Heilung einer krebskranken, moribundenFreundin.

Alltagsrealität und dunkles Unterbewusstsein gehen bei Jonas zunehmend ineinander über, die Wünsche, geäußert oder nicht, übernehmen machtvoll die Regie. Trotzdem hat man nie das Gefühl, einen phantastischen Roman zu lesen. Auch Jonas bleibt lange Zeit standhaft und entwickelt nur selten Gedanken wie diesen: „Wenn die Buddhisten recht hatten, dachte er, (...), wenn all jene recht hatten, die an ein Weiterleben nach dem Tod glaubten, dann wünschte er sich nur, in einer vollkommen anderen Welt als dieser wiedergeboren zu werden“.

Thomas Glavinic tut ihm diesen Gefallen im letzten der drei großen Kapitel, das zu den vorhergehenden allerdings abfällt. Darin verbindet er die Liebe, den Tod, das Paradies und den Untergang der Welt, vielleicht etwas zu lax, etwas zu obenhin, etwas zu großtuerisch, aber doch so, dass man weiß: Seine Wünsche behält man lieber für sich. Und ihre Erfüllung ist auch nie der Weisheit letzter Schluss.

Thomas Glavinic: Das Leben der Wünsche. Roman. Hanser Verlag,  München 2009.  320 Seiten, 21, 50 €.

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