Thriller : Ansteckende Neugier

Caroline B. Cooney erzählt in einem aufregenden Thriller von Bioterrorismus und Seuchen

Rolf Brockschmidt

„Eigentlich gehörte Mitty nicht in irgendetwas, was das Etikett ’Leistung’ trug. Er war nur in dieser Klasse, weil seine Eltern bei der Schule gewaltig Druck gemacht hatten.“ An einer renommierten Privatschule schlägt sich Mitty nach dem Prinzip des geringsten Aufwands durch, im Bio-Leistungskurs sitzt er nur, weil er die Kursbeste Olivia Clark anhimmelt, aber eigentlich möchte er Rockmusik-Kritiker werden. Jetzt steht die Kursarbeit zu ansteckenden Krankheiten an, etwas, was Mitty zunächst überhaupt nicht interessiert, wohl aber Olivia, und deren Arbeitseifer steckt zumindest ihn an, hat er doch einen Grund, sich mit ihr zu treffen. Das ist die Ausgangslage von Caroline B. Cooneys spannendem Roman „Code Orange“. Bei der Suche nach Material für seine Arbeit – Mitty hat sich für die Pocken entschieden – findet er in einem alten Medizinbuch einen Briefumschlag mit ein wenig Schorf von der Pockenepidemie in Boston 1902. Er berührt den Schorf, der zerfällt, er muss niesen – hat er nun etwas davon eingeatmet oder nicht? Mitty legt erst einmal den Umschlag zurück in das Buch und erzählt niemandem davon. Aber er informiert sich über das Wesen der Pocken und ist plötzlich auch bereit, sich für seine Arbeit zu engagieren. Er will schließlich wissen, wie lange Viren leben und wann die Krankheit unter Umständen ausbricht. New York hat seit dem 11. September seine Erfahrungen mit Katastrophen gemacht, droht jetzt etwa eine neue? Mitty sorgt sich nicht nur über seine Gesundheit, sondern reflektiert auch seine Verantwortung gegenüber der Stadt.

Cooney entwickelt noch einen weiteren Erzählstrang, denn Mitty beschließt in seiner Verzweiflung, Hilfe über das Internet zu suchen. Er bekommt Antworten, mehr als ihm lieb sind, zum Teil von merkwürdigen Absendern. Er sieht ein, dass es leichtsinnig war, vom Besitz der Pockenviren im Netz zu plaudern, aber plötzlich ist es zu spät. Der nachlässige Umgang mit dem Internet und den E-Mails hat für Mitty Folgen, deren Konsequenzen er gar nicht absehen kann – Stichwort Bioterrorismus. Der Roman bekommt eine neue Dimension bis hin zu einem überraschenden Ende, das nicht vorweggenommen werden soll.

Man mag vielleicht angesichts des Verlages vermuten, dass hier nur naturwissenschaftliche Phänomene als Roman verpackt einem vornehmlich männlichen Publikum unterbreitet werden sollen, aber das ist glücklicherweise nicht der Fall. Cooney kann erzählen, weckt Spannung, informiert über die Pocken, aber das ist nicht alles. Natürlich gehört auch eine zarte Liebesgeschichte dazu und die Eltern werden auch mit einbezogen. Es ist erfrischend, dass Cooney ohne Fantasy-Elemente auskommt und sich bemüht, ein relativ lebensnahes Bild unserer Zeit abzugeben.

Der Roman ist innerhalb der Reihe „21st Century Thrill“ erschienen, in dem laut Klappentext „packende Thriller mit den brisanten Themen des 21. Jahrhunderts“ erscheinen und damit einen Gegenpol zum Überangebot an Fantasy-Literatur bilden. Eric Walter schildert in „We all fall down“ die Ereignisse rund um den Angriff auf die Twintowers in New York am 11. September 2001, Matt Wyman thematisiert in „Inside the Cage“ amerikanische Gefangenenlager und Rune Michaels widmet sich in „Genesis Alpha“ dem Thema Gentechnik. Die neue, engagierte Reihe verdient Beachtung und ist ein Lichtblick im deutschen Jugendbuchangebot.

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