Literatur : Tod in Rom

Vom Nutzen und Nachteil der Erinnerung: Dorothea Dieckmanns Roman „Termini“

Einfach aussteigen, und zwar richtig. Seinen Tod vortäuschen und das restliche Leben lang nur von der Seitenlinie aus anschauen, im Verborgenen. Nie wieder fremden Erwartungen entsprechen müssen, nie mehr falsche Sätze sagen: Solche Fantasien kennen viele. In Dorothea Dieckmanns Roman „Termini“ sitzt ein Reporter in Rom einer – fiktiven – deutschen Nachkriegsautorin gegenüber, die seit Jahrzehnten für tot gehalten wird. Als Lydia Marin 1974 angeblich in den Abruzzen abstürzte, war sie auf dem Höhepunkt ihres Ruhms, wurde gefeiert und geehrt wie eine Ingeborg Bachmann. Jetzt will die 79-Jährige ihre Geschichte auf Tonband aufnehmen, will sich selbst noch einmal sprechen hören, wie sie dem Journalisten erklärt.

Der Reporter vom „Spiegel“ dagegen hofft auf die Story seines Lebens – auch wenn ihm die Werke dieser „verwitterten Literaturikone seiner Schülerzeit“ wenig sagen. Als Ansgar Weber, Dieckmanns gefühlstauber Protagonist, am 31. Juli 1996 in Rom ankommt, steckt er längst selbst in einer Identitätskrise. Beruflich erfolgreich, ist sein Leben in Hamburg zum erstickenden Maskenspiel geworden; halbherzig träumt der Journalist von Auf- und Ausbrüchen. Symptomatisch für seinen Zustand, dass er gleich zu Beginn am Flughafen in die falsche U-Bahn steigt und statt am Hauptbahnhof Termini in Rom-Ostiense ankommt. Mit seinem Tonbandgerät über der Schulter muss er sich in einer eindrucksvollen Szene mühsam seinen Weg durch überfüllte neonhelle Gänge suchen.

Eigentlich hat Ansgar den Auftrag, über den Prozess gegen den NS-Kriegsverbrecher Erich Priebke zu berichten. Was für seinen Redaktionsleiter ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung ist, ist für Ansgar nur lästige Routine; für ihn steht das Urteil über den ehemaligen SS-Offizier längst fest, der 1944 die Erschießung von 335 italienischen Zivilisten in den Ardeatinischen Höhlen mitbefehligte. Statt auf den Prozess konzentriert sich Ansgar auf den erhofften Coup mit der tot geglaubten Autorin, von deren Auftauchen sein Chef in Hamburg nichts ahnt. Im Geiste formuliert er schon mögliche Überschriften wie „Das lange Schweigen der Lydia Marin“ oder „Interview im Jenseits“.

Aber natürlich kommt alles anders: Lydia Marin zieht sich, nachdem sie sich in einer einsamen Nacht von ihrer Lebensschuld befreit hat, wieder in ihren „Gedächtniskäfig“ zurück. Und Erich Priebke wird zur Empörung der ganzen Stadt freigesprochen. Als der deutsche Reporter von aufgebrachten italienischen Kollegen selbst vors Mikro gezerrt wird, um das Skandalurteil zu kommentieren, vermag er nur Phrasen zu stammeln, die verdächtig nach denen Priebkes klingen: „Ich habe von nichts gewusst“, „Ich habe nichts damit zu tun“. Kurz darauf irrt Ansgar in einem Zustand der Selbstauflösung erneut durch die Unterwelt, diesmal durch die Katakomben.

„Aufgeben: Der Gedanke wiegelte die Schmerzen auf. Unter der Haut, die ihn von der Stille trennte, schien sein Körper zu schwelen; die Zunge klebte am Gaumen; er schluckte. Die trockene Mundhöhle schmeckte sauer. Bleiben also. Allein mit sich selbst. Er presste die Hände aufs Gesicht. (...) Wer war Ansgar Weber? Einer, der sich immer im Dunkeln bewegt hatte. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen, während ringsum die Tatsachen zum Himmel schrien. Ganz Rom ist erschüttert. Nur er hatte es nicht begriffen. Sprachlos hatte er dagestanden, Kopfhörer auf den Ohren, Blick ins grelle Nichts. Ein Wort von Ihnen, Herr Weber: Die schlimmsten Affen hatten seine Affennatur bloßgestellt, live ...“

Eine Identifikationsfigur ist dieser Ansgar Weber sicher nicht. Als Vertreter seiner Generation erscheint er ähnlich spröde wie die Erzählweise des Romans. Auf den über dreihundert Seiten stolpert man zwischen sinnlich-luziden Beschreibungen immer wieder über konventionelle Vergleiche und klischeehafte Wendungen.

Dorothea Dieckmann, 1957 geboren, gehört fraglos zu den ambitioniertesten Vertreterinnen der deutschen Gegenwartsliteratur. Ihren Kollegen wirft sie vor, die Errungenschaften der ästhetischen Moderne zu Gunsten leicht verkäuflicher Unterhaltungsliteratur verabschiedet zu haben. 2005 veröffentlichte die Autorin einen Essay über den „Nutzen und Nachteil der Erinnerung in der Literatur“, dessen Forderungen sie nun offenkundig einlösen will: die Vergangenheit nicht als ausgestandene Erfahrung sondern als unvollendete Schwester der Zukunft mit all ihrem beunruhigenden Potenzial für die Gegenwart.

In „Termini“ ist die Vergangenheit so untot wie der reale Erich Priebke, der noch heute 96-jährig unter Hausarrest in Rom lebt und sich auf seiner Webseite als „ältesten Kriegsgefangenen der Welt“ bezeichnet. Und die Zukunft erscheint bei Dieckmann so aussichtslos, dass selbst jener Kartenleger von der Piazza Navona, der den Journalisten in die Unterwelt führt, an ihr verzweifelt.

Bei Walter Benjamin wird der Engel der Geschichte von einem Sturm aus dem Paradies geweht. Bei Dorothea Dieckmann ist Rom, die „ewige Stadt“, ein gärender, katastrophischer Ort, von dem man nicht weiß, ob dieser Sturm bereits stattgefunden hat oder erst noch bevorsteht. Die atmosphärischen Beschreibungen der hitzeflimmernden Stadt, die den Gefühlspanzer der Hauptfigur schmelzen lässt, zählen zu den Stärken dieses ehrgeizigen Romans.

Im Übrigen gilt aber: Weniger wäre mehr gewesen. Mit Anspielungen und Zitaten hat die Autorin nicht nur die Literatur der Adenauer-Ära in den Roman gepackt, die von Alfred Andersch bis Wolfgang Koeppen zwischen Erinnerung und Verdrängung schwankte. Sondern ebenso die Kriegsbegeisterung von 1914 oder, in Gestalt ostdeutscher Touristen, die Wiedervereinigung. Spätestens ab der zweiten Hälfte ächzt die Romankonstruktion merklich unter dem Anspruch und dem Ballast der deutschen Geschichte, die einem hier aus jedem Mauerriss entgegenquillt.

Dorothea

Dieckmann: Termini.

Roman. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2009. 320 S., 21,90 €.

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