Toni Morrison : Das verlogene Paradies

Obama nennt es die Ursünde: Toni Morrison rechnet in ihrem Roman "Gnade" mit der Sklaverei ab.

Bettina Kaibach
Morrison
Grande Dame. Die 1931 in Ohio geborene Toni Morrison. -Foto: The New York Times/Redux/laif

Der amerikanische Traum und der Albtraum der Sklaverei – für Barack Obama sind sie zwei Seiten derselben Medaille. In seiner Rede über das Rassenproblem vom März 2008 nannte er die Sklaverei die Ursünde der Nation. In der Tat: Dass die Gründungsurkunde der modernen Demokratie lange nur für den weißen Teil der Bevölkerung galt, ist ein Widerspruch, an dem die amerikanische Gesellschaft bis heute krankt.

Jacob Vaark, die zentrale Figur in Toni Morrisons jüngstem Roman „Gnade“, verkörpert diesen Widerspruch in Reinform. Damit richtet Jacob sich selbst und alles um ihn her zugrunde: „Wälder, die seit Noahs Zeiten von keinem Menschen betreten worden waren; Küstenpanoramen, so schön, dass sie zu Tränen rührten; wilde Früchte, die man nur zu greifen brauchte“. So bietet sich ihm die Neue Welt am Ende des 17. Jahrhunderts dar. Und zunächst sieht es so aus, als würde Jacob hier den Garten Eden schaffen. Auf seiner Farm finden Menschen jeder Hautfarbe Zuflucht: eine Patchworkfamilie von Entwurzelten, in der alle Gegensätze überwunden scheinen.

Der Sündenfall kommt unbemerkt, tückischerweise genau in dem Moment, als Jacob besondere moralische Größe beweist. Gerade hat er, ein erklärter Gegner der Sklaverei, die kaum achtjährige Florens gekauft und damit vor sexueller Ausbeutung bewahrt. Da tritt die Versuchung in Gestalt eines Mannes mit dem sprechenden Namen Downes an ihn heran. Downes winkt mit märchenhaften Gewinnen im Zuckerrohrhandel auf dem fernen Barbados: „Feuerwasser, Rohrzucker, (…) ein Geschäft für Generationen.“

Natürlich weiß Jacob, dass dort Sklaven wie Brennholz verheizt werden. Aber Barbados ist ja weit weg. Jacob lässt sich korrumpieren: ein Menschenfreund, der mit Menschenhandel ein Vermögen macht. Seine Geschichte endet nach dem Muster des Teufelspakts. Äußerer Erfolg wird mit innerer Leere bezahlt. Am Schluss hat er sich ein prächtiges Haus errichtet – verkleinertes Abbild jener city upon a hill, von der die Puritaner träumten. Doch keiner mag darin wohnen. Der Erste und Letzte, der Einzug hält, ist Jacobs Leichnam. Toni Morrisons Botschaft ist deutlich. Eine Stadt auf dem Hügel, die mit dem Blut schwarzer Sklaven bezahlt ist, kann kein lebendiges Völkergemisch sein. Sie wird unweigerlich zum Mausoleum toter weißer Männer.

Die amerikanische Kritik stellt „Gnade“ in eine Reihe mit „Menschenkind“, dem Roman, der Morrison 1993 den Nobelpreis eintrug. Hier wie dort gibt eine Mutter die eigene Tochter preis, um sie vor dem Schrecken der Sklaverei zu bewahren. Die entlaufene Sklavin Sethe tötet ihr Menschenkind, als die Häscher nahen. Florens’ Mutter dient ihre Tochter Jacob an. Sie wird ihr Kind nie wiedersehen. Eine schärfere Anklage gegen die Sklaverei ist kaum vorstellbar. Die Opfer sind fürs Leben traumatisiert. Die Kindsmörderin Sethe wird vom Geist ihrer Tochter heimgesucht. Florens bleibt Sklavin ihrer eigenen Verlustangst. Getrieben von einem unstillbaren Liebeshunger, zerstört sie, was sie am meisten begehrt: Ihre Liebe zu einem freien afrikanischen Schmied mündet in Gewalt.

Jacob Vaark ist ein amerikanischer Adam, der ein Paradies vorfindet und eine Hölle hinterlässt. Die Sklaverei ist jedoch nicht der erste Sündenfall. Schon in ihrem vorletzten Roman „Paradies“ erkundete Morrison das Problem der Herkunft des Bösen in radikalerer Weise. „Wie war es möglich, dass eine so reine und glückselige Vision sich selbst verschlang und zu der Welt wurde, der sie entronnen waren?“ Diese Frage erscheint hier als ewige Menschheitsfrage. In „Gnade“ entwirft Morrison nun einen feministischen Gegenmythos zur biblischen Vertreibungsgeschichte. Ein Märchen, das die Indianerin Lina auf Jacobs Farm ihrer Ziehtochter Florens erzählt, liefert die gleichnishafte Erklärung für alles Ungemach – von häuslicher Gewalt bis hin zur ökologischen Katastrophe.

Einst, so Linas Geschichte, saß eine Adlermutter auf ihrem Gelege und beschirmte die Eier gegen alle Gefahren der Welt. Nur gegen eines ist sie nicht gefeit: „die bösen Gedanken der Menschen.“ Prompt dringt ein Wanderer ins Paradies, nimmt die Natur in Besitz und schlägt die Adlermutter auf die Flügel, dass sie in den Abgrund stürzt. Die Eier brüten sich von alleine aus.

Realismus war noch nie ein Merkmal von Sündenfallgeschichten. Auf den Symbolgehalt kommt es an. In Morrisons Roman sind alle Menschen Waisen, wörtlich oder im übertragenen Sinn. Und Waisenkinder sind unersättlich destruktiv in ihrer Gier nach Zuwendung. Florens bearbeitet ihren Geliebten schließlich mit dem Schmiedehammer. Die Europäer vergewaltigen die Mutter Erde, der sie entfremdet sind. So präsentiert Toni Morrison die Vertreibung aus dem Paradies: als Trennung von Mutter und Kind als Urtrauma, den Mann als Verursacher, das Ganze im umweltverträglichen Ethno-Gewand. „Politisch korrektes Gesülze“, schrieb ein amerikanischer Kritiker.

Recht hat er – und doch wieder Unrecht. Gewiss, bisweilen kommt Morrisons Botschaft gar zu aufdringlich daher. Zum Beispiel, wenn sich eine von Jacobs Schutzbefohlenen nach der Geburt ihres vaterlosen Kindes von „Sorrow“ in „Complete“ umbenennt: die Ganzgewordene. Hier möchte man das Buch am liebsten zuklappen – und liest dann doch gebannt weiter. Denn „Gnade“ gibt letztlich doch keine einfachen Antworten. Während Morrison in „Paradies“ noch andeutete, dass Frauen in „glückseliger Männerlosigkeit“ zumindest ein temporäres Eden finden könnten, stellt sie nun klar: Der Mensch braucht größere Bezüge. Jedes Paradies, das auf Ausschließlichkeit beruht, muss am Ende scheitern. Wie aber ist es auf Dauer zu erreichen, das multikulturelle Miteinander in einer Nation? In „Gnade“ bleibt die Frage offen. Jacobs bunte Familie zersplittert nach dem Tod des Patriarchen.

Oder gibt es doch eine Lösung? In ihrer Nobelpreisrede von 1993 verfolgte Morrison einen eigenartigen Gedanken: Vielleicht liegt ja das wahre Paradies längst vor unseren Füßen. Vielleicht fänden wir schon in der babylonischen Sprachverwirrung einen Himmel auf Erden, wenn wir uns nur die Zeit nähmen, die Vielfalt der Sprachen und Sichtweisen zu verstehen.

Eben diese Idee erhebt sie in „Gnade“ zum Kompositionsprinzip. Ihr Roman ist ein polyphones Gebilde, ein Chor. Jede Gestalt spricht mit ihrer eigenen, unverwechselbaren Stimme. Jede Episode wird durch eine andere ergänzt und korrigiert. Ebenso vielstimmig ist das Konzert der Mythen, die in den Text verwoben sind. Die Figur des mit Heilkünsten begabten Schmieds, den Florens liebt, entstammt der westafrikanischen Kultur; der Schauplatz des Geschehens heißt Milton – Paradise Lost auf Amerikanisch!

Im letzten Wahlkampf galt Morrisons Sympathie zunächst Hillary Clinton. Dann stellte sie sich aber hinter Obama, den Kandidaten, in dessen Familie sich alle Hautfarben, mehrere Religionen, ja sogar ehemalige Sklaven und Sklavenhalter vermischt haben. Diese Familiengeschichte nimmt Obama selbst als lebenden Beweis dafür, dass die amerikanische Nation „mehr ist als die Summe ihrer Teile, dass wir aus vielen wahrhaft eines sind.“ E pluribus unum: das Versprechen, das der Adler auf der Dollarnote im Schnabel trägt, bleibt für die Familie in „Gnade“ uneingelöst. Doch dank Toni Morrisons Gabe, unterschiedlichste Stimmen zu einem Ganzen zu fügen, wird es beim Lesen immerhin für einen Augenblick greifbar.


Toni Morrison: Gnade. Roman. Aus dem Amerikanischen von Thomas Piltz. Rowohlt Verlag, Reinbek 2010. 224 Seiten, 18,95 €.

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