''Tränen der Göttinnen'' : Kreter lügen nicht

Hans Peter Duerr über die Minoer in Nordfriesland

Gregor Dotzauer
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Seine Abrechnung mit der Zivilisationstheorie des Soziologen Norbert Elias lebte von der Suche nach den Grenzen unserer Rationalität – und einer schriftstellerischen Raffinesse, die nur wenige Wissenschaftler aufbringen. Wo Elias die Bewohner einer archaisch-magischen Welt in anhaltende Furcht und ewigen Schrecken gebannt sah, ging der Ethnologe Hans Peter Duerr in fünf dicken Suhrkamp-Bänden dem „Mythos vom Zivilisationsprozess“ nach, um zu zeigen, dass aufgeklärte Menschen nicht unbedingt die glücklicheren Menschen sind. Dabei argumentierte er – etwa am Beispiel der Scham – mit anthropologischen Konstanten, die er nicht als zivilisatorische Errungenschaften werten wollte.

Für gewiefte Dialektiker ist es nicht schwer, beiden Positionen etwas abzugewinnen. In der Debatte, die Duerr, seit jeher ein Anarchist des Wissenschaftsbetriebs, nun angestoßen hat, kann aber nur eine Seite triumphieren – wobei nach Jahren des Streits mittlerweile beide ermattet am Boden liegen. Die Frage lautet: Landeten schon 1300 Jahre vor Christus die Minoer in Nordfriesland? Und wurde Deutschland damit nicht schon tausend Jahre vor dem aus Massilia, dem heutigen Marseille, stammenden Pytheas entdeckt? Für Duerr, der sich insgesamt 19 Mal mit Studenten und einem Plattbodenschiff ins heutige Watt begeben hat, liegen die Beweise in Gestalt von Ausgrabungen auf der Hand: Vor allem ein minoisches Siegel dient ihm als Indiz.

Der Gesprächs- und Essayband „Tränen der Göttinnen“ führt ein in die verzwickte Problematik und bereitet nach, was Duerr vor drei Jahren in „Rungholt“, einer Untersuchung über die 1362 in einer Sturmflut untergegangene Stadt gleichen Namens angestoßen hat. Die Sache selbst tritt dabei gelegentlich in den Hintergrund, was nicht allein Duerrs Schuld ist – auch wenn der ein diebisches Vergnügen empfindet, den Landesarchäologen von Schleswig-Holstein als Laie unter die Nase zu reiben, was ein echter Fund ist. „Rungholt und die Folgen – Strategien der Ausschaltung von Außenseitern im akademischen Milieu“ heißt ein Aufsatz. Da ist er ganz in seinem Element – und verneigt sich zum Schluss vor einem alten philosophischen Kombattanten, seinem Freund Paul Feyerabend.

Hans Peter Duerr: Tränen der Göttinnen. Die Reise der Minoer ans Ende der Welt. Mit einem Vorwort von Werner Siefer. Wunderhorn, Heidelberg 2008. 94 Seiten, 17,80 €.

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