Tragikomödie : Der ewige Bote

Zwischen Vater und Sohn: Nur wenige erzählen so beschwingt vom Schweren und Unberechenbaren wie Martin Kluger in seinem Roman "Der Vogel, der spazieren ging“.

Ulrich Rüdenauer

Die Geschichte wird von Michel Foucault als Ort absoluter Kontingenz beschrieben: Weder reine Vernunft noch göttliche Vorsehung erklären den Lauf der Dinge. Alles könnte immer auch anders sein – oder gar nicht. Das gilt ebenso für das Schicksal jedes Einzelnen. „Im Leben eines Menschen, so habe ich gelernt, ist alles, absolut alles möglich, aber nichts, absolut nichts beweisbar“, heißt es in Martin Klugers neuem Roman „Der Vogel, der spazieren ging“. Die Literatur aber ist paradoxerweise der Ort konstruierter Kontingenz: Den Figuren steht der Sinn zwar nach allem Möglichen, aber der Autor ist Herr über deren Möglichkeitssinn. In Klugers rasanter Geschichte hat diese Doppelbödigkeit einen ganz besonderen Reiz.

Das Geschehen nimmt, auch wenn wir darüber nichts Konkretes erfahren, seinen Ausgang während der Verfolgung der europäischen Juden. Vertreibung aus einem Land ist zugleich eine Vertreibung aus der biographischen Stringenz – ein Hineingeworfensein in die absolute Kontingenz. Viele jüdische Emigranten suchen neue Namen, neue Mythen, neue Formen. Auch Yehuda Leiser, der Vater des Ich-Erzählers, wird in seinem Emigrationsland, den USA, ein anderer: Jonathan Still nennt er sich nun – was nicht nur eine Übersetzung von „Leiser“ ist und „die Stille“ bedeutet, sondern eben auch „dennoch, doch, noch immer“. Also: sich nicht unterkriegen lassen.

Als Kriminalschriftsteller erschafft er eine katholische Romanfigur namens Paul Perrone. Die Welt, die dieser Jonathan Still nach dem Krieg in Millionenauflage verbreitet, scheint die Gebrochenheit der Lebensläufe in der Ordnung einer Kinderfantasie aufzulösen. Der Vertriebene erfindet sich eine Detektivfigur, die noch jeden Kriminellen aufspürt. In der Wirklichkeit natürlich gibt es so etwas wie Gerechtigkeit nicht: So bilden die Toten, jene, die den Nazis nicht entkommen konnten, den Punkt, von dem aus erst erzählt werden kann.

An der Oberfläche haben wir es mit einer Komödie zu tun, die geradezu filmische Qualitäten besitzt: sich manchmal ins Überdreht-Screwballhafte steigernd, eine Burleske. Das hängt auch mit dem Erzähler zusammen, der diesem berühmten Vater sehr nahe steht und doch sehr fern ist: „Nicht ich bin, sondern mein Vater ist der Schriftsteller in der Familie“, heißt es. „In meiner Geschichte ist er der Absender, ich bin der ewige Bote.“

Vater und Sohn – das ist die deutlichste Leitdifferenz im System Familie. Und in dieser Familie, in der die Nazis den Stammbaum und damit das Erbe abgesägt haben, ist auch nicht viel mehr. Vater und Sohn schlagen sich als Einzelkinder durchs Leben. Der Sohn muss dabei die Übersetzungsarbeit leisten, nicht nur für uns, für sich, sondern auch im wahrsten Sinne des Wortes: Er ist einer von vielen Vasallen aus der Übersetzergarde des Bestseller-Autors Jonathan Still, und in den Büchern sucht er nach Schlüsseln für die „Fragen und Fragwürdigkeiten“ des Lebens seines Vaters.

Samuel Leiser – der Sohn beharrt auf dem Erbe des Namens, auch wenn die Namen sich „als unwirklich erwiesen haben“ – dieser Samuel hatte es nicht leicht mit seinem erotomanischen Vater und hat deshalb den Atlantik zwischen ihn und sich gebracht. Er lebt im Paris der 1960er Jahre, getrennt von der uruguayischen Regisseurin Letitia Weintraub – auch sie Kind einer emigrierten jüdischen Familie. Die Tochter der beiden ist im pubertären Trotzalter und soll für ein Jahr beim Vater in Paris wohnen. Fortan wird alles kompliziert.

Tochter Ashley interessiert sich stärker für die Vergangenheit der Familie als ihr Vater, sie stellt sogar Nachforschungen an, die zu einigen Verwicklungen führen. Verwicklungsreich ist das Geschehen aber auch so: Die Geliebte von Sam verfällt in Depressionen, Letitia reist samt Liebhaber aus England an und Vater Jonathan aus Amerika. Auch Onkel Meyer, ein Geschäftemacher aus der Mafia-Halbwelt, taucht unvermittelt mit Bodyguards im Schlepptau auf – man bräuchte einen Ernst Lubitsch, um dieses Tohuwabohu angemessen zu verfilmen.

Wer sich in Martin Klugers zuletzt erschienenen Erzählungen „Der Koch, der nicht ganz richtig war“ verloren hat, kennt sich schon ein wenig in seinem neuen Buch aus: Einige Figuren schwirren hier wieder durch die Szenerie, die Weintraubs beispielsweise oder der Schauspieler Ringold Schneider. Diesmal aber sind sie in eine geradezu süffig zu lesende, windungsreiche Tragikomödie hineingesetzt. So beschwingt erzählen nur wenige vom Schweren und Unberechenbaren: „Der Vogel, der spazieren ging“ hebt tatsächlich ab, wenn er seine Hauptfigur mit gestutztem Gefieder durch die große Stadt Paris und seinen Vater-Sohn-Konflikt torkeln lässt.

Dabei lässt Kluger vieles in der Schwebe. Kluger glaubt, dass der Schrecken sich nur andeuten lässt: Wenn Onkel Meyer sagt, Identität bedeute Schuld, dann ahnen wir, wovon die Rede ist. Wie schwer es ist, eine Identität wieder aufzubauen, wenn sie einem erst einmal genommen wurde, auch davon spricht dieser Roman dieses wunderbar sprachlistigen, fantasiebegabten Erzählers.

Martin Kluger: Der Vogel, der spazieren ging. Roman. DuMont, Köln 2008. 318 Seiten, 19,90 €.

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