Literatur : Travestie der Gefühle

Italo Svevos Debüt „Ein Leben“ in einer vorzüglichen Neuübersetzung

Oliver Pfohlmann

Ginge es einmal darum, nicht den schönsten ersten Satz, sondern die originellste Liebeserklärung der Weltliteratur zu prämieren, Italo Svevos Debütroman „Ein Leben“ von 1892 hätte gute Chancen zu gewinnen. „Gewiss, ich liebe Sie“, bekennt darin der Protagonist Alfonso Nitti, „aber nicht so sehr, dass ich auch Ihre Fehler lieben und tolerieren würde. Seit dem Tag, an dem ich Sie kennenlernte, habe ich Sie gehasst und verachtet, manchmal auch dann, wenn ich Ihnen Liebe zeigte.“

Die Sprache des Herzens ist das nicht gerade. Eher das, was Psychologen eine Kompromissbildung nennen. Alfonsos aparte Offenbarung soll die Erwartungen der Gegenseite befriedigen, aber zugleich sicherstellen, dass nichts Unwiderrufliches folgen wird. Wohl auch deshalb bekommt die Angesprochene, die hochmütige Tochter von Alfonsos Chef, Annetta, sie erst gar nicht wirklich zu hören; das Geständnis wird nur in der Fantasie abgelegt.

„Ein Untauglicher“ – so hatte Italo Svevo, einer der großen literarischen Außenseiter, sein Debüt ursprünglich betiteln wollen. Bei Manesse ist es jetzt in einer vorzüglich lesbaren Neuübersetzung wiederzuentdecken: ein früher, von Schopenhauer und dem aus Frankreich kommenden psychologischen Realismus beeinflusster Geniestreich des „italienischen Schwaben“, der mit bürgerlichem Namen Ettore Schmitz hieß.

Untauglich für die Anforderungen des Lebens ist der mit seinen Gefühlsambivalenzen ungemein modern anmutende Protagonist in der Tat. „Wie immer war sein Nachdenken nichts als eine Travestie seiner Gefühle“, spottet der auktoriale Erzähler dieses wohl ersten Angestelltenromans der Literaturgeschichte über Alfonso, der sich während seiner stumpfsinnigen Bürotätigkeit Tagträumen von literarischem und gesellschaftlichem Erfolg hingibt. Dauernd verstrickt in Selbsttäuschungen, wird jede Emotion sofort von einer pseudomoralischen Reflexion zersetzt, die jedes authentische, spontane Handeln verunmöglicht. Ein Prozess fortschreitender Selbstentfremdung, zu dem noch das beruflich und gesellschaftlich erwartete Maskenspiel der Zeit beiträgt. Mit ihm war Svevo als langjähriger Angestellter der Triester Filiale der Wiener Union-Bank wohlvertraut.

Auch sein Protagonist, ein junger Landarztsohn, hat eine Stelle als Auslandskorrespondent bei einer Bank in Triest angetreten. Umgeben von rivalisierenden Vorgesetzten und katzbuckelnden, intriganten Kollegen, flüchtet sich Alfonso ins Reich des Geistes. Sein großer, die Philosophie revolutionierender Traktat über die Ethik in der modernen Welt gelangt zwar nie über die Einleitung hinaus, verschafft ihm aber eine Einladung ins Haus seines Chefs, wo die kapriziöse Tochter im Kreise ihrer Verehrer eigenen literarischen Ambitionen nachgeht.

Mit Alfonsos Hilfe, besser gesagt Zuarbeit, soll ihr erster Roman gelingen, dessen verkitschte Handlung die von Svevos Debüt köstlich karikiert. Zwischen Annetta und Alfonso entspinnt sich ein brillant in Szene gesetztes Liebesduell, bei dem sich Lust an der Demütigung und gesellschaftlicher Ehrgeiz, erotisches Begehren und inszenierte Leidenschaft verquicken. Der überraschende Erfolg des schüchternen, mittellosen Angestellten führt, Svevo-typisch, umgehend zu Abwehrreaktionen, aus der idealisierten Geliebten wird die „Gefallene“, die Hure. Statt, wie Annetta es erwartet, um sie zu kämpfen, flüchtet sich Alfonso für eine Weile zurück aufs Land, um bei seiner Rückkehr seine heimliche Hoffnung erfüllt zu sehen: Die „kompromittierte“ Geliebte hat in der Zwischenzeit einen anderen, Standesgemäßeren geehelicht.

Was sich jedoch trotzdem nicht erfüllt, ist Alfonsos Wunsch nach Seelenfrieden. Von den Kollegen fühlt sich der Übersensible verachtet, vom Chef gemobbt – noch einmal flüchtet er, diesmal in den Tod. Alfonsos Rückzugsbegehren ist das seines Autors: Das, wie Svevo empfand, höhnische Schweigen der Kritik, das ihm nach seinen ersten beiden Romanen entgegenschlug, bewog Ettore Schmitz, sein Pseudonym in stillem Protest verschwinden zu lassen. Wie als Widerruf auf seinen Erstling heiratete der Bankangestellte eine Fabrikantentochter und stieg 1899 in die Firma seines Schwiegervaters ein.

Wäre sein Englischdozent nicht ein gewisser James Joyce gewesen, Svevos Werk wäre wohl in Vergessenheit geraten. Joyce’ Ermutigung führte zur Entstehung von Svevos „Zeno Cosini“ (1923), mit dem sich der Austro-Italiener endgültig zu den großen kakanischen Zeitdiagnostikern der Moderne wie Musil, Kafka und Broch gesellte. Für Svevo waren die männlichen Protagonisten seiner drei Romane „Brüder“. Zeno hätte freilich über Alfonsos Skrupel nur geschmunzelt. Statt sich trotzig umzubringen, versteht Zeno es, den Wahnsinn der Gesellschaft für sich auszunutzen, und gesundet psychisch und finanziell am Ersten Weltkrieg. Wer will, kann darin einen Fortschritt sehen.

Italo Svevo:

Ein Leben (Una vita). Roman. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. Nachwort von Edgar Sallager. Manesse Verlag, Zürich 2007.

704 Seiten, 24,90 €.

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