Tschingis Aitmatov : Mein Herz so weit

Der Schriftsteller Tschingis Aitmatov ist tot. Glühender Patriot und Propagandist seiner Heimat Kirgisien, war er zugleich auch immer Weltbürger. Seine Fans blieben ihm treu.

Elke Windisch
Aitmatov
Tschingis Aitmatov -Foto: dpa

Als Tschingis Aitmatow 2007 auf der Leipziger Buchmesse seinen letzten Roman „Schneeleopard“ vorstellte, wurde er von Lesern mit Autogrammwünschen derartig bedrängt, dass er in einem Nebenraum in Sicherheit gebracht werden musste.

Die Fans sind ihm treu geblieben, bis zuletzt. Kurz vor Vollendung seines achtzigsten Lebensjahres ist Aitmatov am Dienstag an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben. Drei Wochen hatten die Ärzte in einer Nürnberger Spezialklinik um sein Leben gekämpft. Vergeblich. Der Tod war wieder einmal stärker. So wie in den meisten von Aitmatows Werken. Glühender Patriot und Propagandist seiner Heimat Kirgisien, war er zugleich auch immer Weltbürger, was ihm das Sowjetregime übel ankreidete. Aitmatow nahm es gelassen: „Der Mensch“, notierte, „sucht in der Kunst die Bestätigung seiner besten Bestrebungen und die Ablehnung alles Bösen und Ungerechten. Das geht nicht ab ohne Kampf“.

1928 geboren, studiert er zunächst Veterinärmedizin und arbeitet dann an einem Forschungsinstitut. Nebenbei schreibt er als Journalist für lokale Zeitungen, übersetzt kirgisische Prosa ins Russische. Ab 1956 besucht er dann das Moskauer Gorki-Literatur-Institut. „Dshamilja“, seine Diplomarbeit, macht ihn weltberühmt „Die schönste Liebesgeschichte der Welt“ schwört Louis Aragon, der sie ins Französische übersetzt. Sie wird verfilmt und inspiriert Hannes Wader zu dessen Lied „Unten am Fluss".

Die Novelle spielt im Kriegssommer 1943 in Aitmatows kirgisischer Heimat. Dort und im benachbarten Kasachstan sind auch die meisten seiner späteren Werke angesiedelt. Um möglichst viele Leser zu erreichen, schreibt Aitmatow zeitlebens in Russisch. Doch er denkt in den Sprachen seiner Eltern, Kirgisisch und Tatarisch, und das gibt seinen Romanen eine vierte Dimension. Der europäische Leser erahnt sie meist nur, ohne sie rational ganz erfassen zu können. Vom Aufbau her knüpfen Aitmatows Geschichten zwar an die Traditionen russischer und sowjetischer Erzählkunst an. Den eigentlichen Spannungsbogen aber erzeugt er mit Rückgriff auf die Erzählkunst heimischer Steppennomaden. Ihre mündlich überlieferten Epen sind Sammlungen von Episoden, die auf den ersten Blick nichts, auf den zweiten alles miteinander zu tun haben. Die Brücke zur Rahmenhandlung schlagen Verse mit gleichem Maß und identischem Wortlaut. Mit diesem Kunstgriff halten die Akyn, die Volkssänger der Kirgisen, ihre Zuhörer bis heute in Atem.

Vor allem von der Personifizierung der Natur, die sich für die Ignoranz der Menschen letztendlich grausam rächt, lebt „Richtstatt“, die 1987 erschienene Geschichte der blauäugigen Wölfin Akbara – auch sie ein Rückgriff auf alttürkische Mythen. Akbara, die immer wieder mit ansehen muss, wie ihre Jungen getötet werden, raubt schließlich ein Menschenkind, um ihre Mutterliebe auszuleben.

Weitere Steigerung ist danach nicht mehr möglich, was Aitmatow später schreibt, strahlt nur das kalte Feuer geschliffener Diamanten aus, ohne zu wärmen. Zwangsläufig: Die Sowjetunion, mit der ihn zeitlebens Hassliebe verband, gibt es nicht mehr und die enttäuschenden Entwicklungen im postkommunistischen Kirgisien kann er als dessen Botschafter nicht aufs Korn nehmen. Elke Windisch

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