Türkische Literatur : Kerne kauen vor dem Fernseher

Zwischen Istanbul und Ostanatolien: Drei Berichte aus dem Buchmessenland Türkei.

Boris Peter

Kaum ein Land erhitzt die Gemüter so sehr wie die Türkei. Dass die Urteile äußerst unterschiedlich ausfallen, mag auch an seinen krassen Gegensätzen liegen. Während die einen von der aufstrebenden 14-Millionen-Metropole Istanbul im Westen schwärmen, wird das Türkeibild der anderen vor allem von dem rückständigen, verarmten Osten geprägt. Zu den Autoren, die versuchen dem Land mit all seinen Widersprüchen gerecht zu werden, zählen die „Spiegel“-Journalistin Annette Großbongardt und der Brite Christopher de Bellaigue, der für seine grandiose Reisereportage „Rebellenland“ drei Jahre in der ostanatolischen Provinz verbrachte.

Anders verhält es sich dagegen bei der streitbaren Soziologin und Bestsellerautorin Necla Kelek, deren Buch „Bittersüße Heimat“ ebenso emotional wie einseitig geraten ist. Ausführlich beschreibt sie darin zu Beginn, wie ihr Lieblingsonkel, ein Kemalist alten Schlages, in Ankara zu Grabe getragen wird. Symbolisch steht das Begräbnis für den Untergang des republikanisch-säkularen Staates. Nicht dass Kelek dem Kemalismus nachtrauert; denn wie hohl und antiquiert diese Ideologie geworden ist, macht ihr Besuch im Atatürk-Mausoleum in Ankara deutlich. Offenbar scheint der Kemalismus als Garant für einen laizistischen Staat nur noch bedingt geeignet.

Was sie auf der Reise durch ihr Geburtsland beobachtet, wirkt deprimierend. Während ihres Aufenthalts in Afyon wird sie von den schnarrenden Lautsprechern der Gebetsausrufer gepeinigt. Eine Begegnung mit drei Männern, die einen blutigen Rinderkopf vor eine Schlachterei wuchten, lässt sie verstört zurück und obendrein schlurft auch noch „eine verschleierte Frau in Plastiklatschen“ vorüber. Auf knapp anderthalb Seiten reiht Kelek ein Klischee ans andere. Das ist umso bedauerlicher, als die Autorin an anderer Stelle Wichtiges zu sagen hat. So schildert sie bedrückende Beispiele von Frauen, die zeigen, dass häusliche Gewalt ein gravierendes Problem darstellt, vor allem in Ostanatolien. Kelek beschränkt sich nicht nur auf Kritik an den Missständen: Durch ihr Engagement konnte sie einer Kurdin mit deutschem Pass, die in einem Dorf bei Malatya festgehalten worden war, zur Rückkehr verhelfen.

Zwar geht die Autorin beiläufig auf die Strafrechtsreformen von 2004/5 ein, mit denen die Strafen für „Ehrenmorde“, eheliche Gewalt und Zwangsehen drastisch verschärft wurden, doch hält sie das für bloße Kosmetik. Damit wird sie aber den Gesetzen nicht gerecht. Immerhin berichtet sie von der in 23 Städten aktiven Frauenrechtsorganisation Kamer, dass sie gut mit den Behörden kooperiert. Es ist kaum anzunehmen, dass sich diese Entwicklung unabhängig von den Neuerungen des Strafrechts vollzieht. Dass ausgerechnet die AKP diese Reformen durchsetzte, scheint nicht in das Weltbild der Autorin zu passen. Noch deutlicher wird ihre Neigung zur Schwarz-Weiß-Malerei am Beispiel der Mädchenbildung im Osten der Türkei: Zu Recht beklagt Kelek zwar, dass dort vielen Mädchen der Schulbesuch verwehrt ist, blendet aber gleichzeitig aus, dass die Regierung versucht, durch Prämien mehr Mädchen in die Schulen zu holen.

Ohne solche Fortschritte zu würdigen, wähnt Kelek die Türkei auf dem Weg zu einem islamischen Staat nach iranischem Vorbild. „Freunde berichten“ ihr, dass in Istanbul Muslimen der Alkoholausschank verweigert würde, „spontanes Zählen“ bestätigt sie in der Auffassung, dass die Zahl der Kopftuchträgerinnen bedenklich zunimmt. Dagegen geht aus Erhebungen des angesehenen Meinungsforschungsinstituts „A&G“ hervor, dass der Anteil kopftuchtragender Frauen rückläufig sei. Als Soziologin sollte sich Kelek vielleicht stärker einer soliden Empirie verpflichtet fühlen.

Wer eine gleichermaßen ausgewogene wie lesbare Darstellung der Türkei sucht, ist mit Annette Großbongardts „Istanbul Blues“ weitaus besser bedient. Zwar sieht auch sie in den Hotels mit nach Geschlechtern getrennten Pools oder im Boom von Wallfahrten nach Mekka Anzeichen dafür, dass die türkische Gesellschaft konservativer und islamischer wird. Gleichzeitig kommt sie aber zu dem Befund, dass die AKP keine Politik gemacht hat, „die den Weg in einen islamischen Staat ebnen könnte“. Die Partei habe sich nicht nur für die Verbesserung der Frauenrechte eingesetzt, sondern auch für die Bekämpfung der Folter, womit sie auch beim linksliberalen Spektrum auf Zustimmung stieß. Allerdings habe die AKP mit dem gescheiterten Versuch, an den Hochschulen das Kopftuchverbot aufzuheben, Sympathisanten irritiert oder gar verprellt.

Großbongardt registriert, dass der Reformeifer der AKP inzwischen erlahmt ist. Dem berüchtigten Paragraphen 301, der die „Verunglimpfung des Türkentums“ unter Strafe stellt, sei man nur halbherzig zu Leibe gerückt. Freilich ist der Spielraum der Partei begrenzt, zumal man sich nur ungern des Verdachts mangelnder Vaterlandsliebe aussetzt. Nicht in einer zunehmenden Religiosität, sondern einem übersteigerten Nationalismus sieht Großbongardt folgerichtig das Problem: „Die Konfrontation mit den dunklen Kapiteln ihrer Vergangenheit hat die Türkei bisher tunlichst vermieden.“ Manche Türken seien mental in den Gräben des ersten Weltkrieges steckengeblieben und pflegten absurde Vorstellungen von einer EU, die mit den USA danach trachte, die Türkei – so wie im Vertrag von Sèvres 1920 – zu zerstückeln. Dass sich dieses trübe Gedankengut gelegentlich in offener Gewalt entlädt, zeigen die Morde an einem Priester in Trabzon, drei weiteren Christen in Malatya sowie dem armenischen Journalisten Hrant Dink. Angelastet werden die Bluttaten Ergenekon, einem konspirativen, rechten Netzwerk aus Militärs, Journalisten, Kriminellen und Justiz.

Auch Christopher de Bellaigue ist der Meinung, dass die nationalen Mythen der Türkei seziert werden müssen. Der Journalist, der sich für den „Economist“, den Leuchtturm liberaler angelsächsischer Gesinnung, viele Jahre in Istanbul und Teheran aufgehalten hat, tut das auf eher unkonventionelle Weise. Statt nur in Archiven und Büchern zu wühlen, wollte er „sich in den Bauch des Schiffes begeben und sich im Unterdeck unter die vergessenen Volksgruppen mischen“. Wie Orhan Pamuks Protagonisten im Roman „Schnee“, verschlug es den Engländer in ein ostanatolisches Provinznest, nach Varto, 80 Kilometer südlich von Erzurum. Von dem misstrauischen Polizisten Ergün empfangen, fand er in einem miefigen Lehrerwohnheim Unterkunft, wo die Pädagogen allabendlich in Trainingsanzügen vor dem Fernseher hocken und Sonnenblumenkerne kauen.

Während seines ausgedehnten Aufenthalts im „Rebellenland“ trifft er auf Armenier, Aleviten und Kurden. Er redet mit Bauern und Beamten. Auf der Suche nach Resten der armenischen Kultur kommt er zum Kloster Surb Karapet, das einst Knochen Johannes des Täufers zu seinen Reliquien zählte, aber längst zu einer Ruine verfallen ist. Als de Bellaigue in das Tal Newala Ask wandern will, wird er unter einem Vorwand aufgehalten. Dass dort im Juni 1915 ein Treck mit Tausenden Armeniern von raubgierigen kurdischen Milizen massakriert wurde, erfährt der Autor erst später.

Anfang der 1920er Jahre gerieten die Kurden selbst in das Visier der staatlichen Homogenisierungspolitik. Im Widerstand gegen die Türken, der im gescheiterten Aufstand von 1925 gipfelte, spielte Halit Bey, ein Mann aus Varto, eine Schlüsselrolle. Einige Dekaden später verlegte sich der türkische Staat erneut darauf, dem Minderheitenproblem mit militärischen Mitteln beizukommen. Mit der Gefangennahme des PKK-Führers Öcalan ist der Konflikt noch nicht ausgestanden, wie der jüngste Angriff der PKK auf einen Armeeposten nahe der irakischen Grenze beweist.

Dennoch verlässt de Bellaigue die Stadt Varto, die von Kriegen, Massakern, Aufständen und Erdbeben heimgesucht wurde, nicht ohne Hoffnung. Das führt er vor allem auf die Regierung Erdogan zurück, welche die Sonderkommandos an die Kandare genommen und den Exzessen im Kurdengebiet Einhalt geboten habe. Als er kurz vor seinem Abschied eine Wahlveranstaltung besucht, skandieren Tausende Teilnehmer separatistische Parolen, während die wenigen Polizisten teilnahmslos am Rande stehen.

Necla Kelek: Bittersüße Heimat. Bericht aus dem Inneren der Türkei. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008. 301 Seiten, 16,95 Euro.

Annette Großbongardt: Istanbul Blues. Die Türkei zwischen Tradition und Moderne. Rowohlt Verlag, Berlin 2008. 220 Seiten, 17,90 Euro.

Christopher de Bellaigue: Rebellenland. Eine Reise an die Grenzen der Türkei. Verlag C H. Beck, München 2008. 344 Seiten, 19,90 Euro.

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