Literatur : Turbulenz auf der Nadelspitze

Erinnerungen an die intellektuelle Insel West-Berlin

Moritz Schuller

Der Zug hielt im Bahnhof Zoo. Ein Blick auf die Gedächtniskirche sagte mir: Du musst jetzt aussteigen, das ist Berlin, du bist da.“ Im Oktober 1965 betritt Heinz Dieter Kittsteiner die Insel West-Berlin. Gente war schon da, Foucault schaute nur ab und zu vorbei und ging dann in den „Dschungel“, Kamper kam später. Dieser Insel, die eigentlich aus „vielen kleinen alternativen linken Theorie-Inseln“ bestand, wie die Herausgeber Wolfert von Rahden und Stephan Schlak schreiben, hat die „Zeitschrift für Ideengeschichte“ eine Art Kulturgeschichte gewidmet.

West-Berlin hat heute keinen guten Ruf: Am Ort geblieben zu sein, gilt als seine einzig wirkliche Leistung. Doch West-Berlin, schreibt Gert Mattenklott in seinem Beitrag, „war kein Ort, sondern ein Zustand, Traumpotential in besonderer Verdichtung, Turbulenz auf einer Nadelspitze und erhöhte Temperatur als Dauerzustand. Geschlossene Gesellschaften – ob gewünscht oder erzwungen – neigen zur Exaltation nach innen: Forcierung der Temperamente, Pflege von Besonderheiten aller Art, Dramatisierung von Konflikten.“ Nirgendwo galt das so sehr wie für das akademische Milieu zwischen Rostlaube und Schöneberg.

„Der Merve Verlag versorgte die Frontstadt mit Theorie“, schreibt Philipp Felsch über das Verlegerpaar Gente/Paris aus der Crellestraße, und so kamen die neuen Franzosen nach Berlin. Jacob Taubes ist der Gott der Szene und, wer die politische Situation abhörsicher kommentieren wollte, spielte dabei Klavier (mit Leninmütze auf dem Kopf, wie Mattenklott sich erinnert). Kittsteiner tritt derweil dem SDS bei: „Wenn einmal die Kartei des SDS beschlagnahmt würde, dann sollte mein Name auch dabei sein, sozusagen als Ausweis vor der Deutschen Geschichte.“

An deutsche Geschichte zu denken, war damals kaum in Mode. Konnte man anfangs noch, wie Andreas Hiepko beschreibt, die Insulaner im RIAS singen hören „Der Insulaner hofft unbeirrt/dass seine Insel wieder’n schönes Festland wird“, war die Stimmung bald eine andere: Inseldenken führt ins Posthistoire, schreibt Helmut Lethen in seinem Benn-Stück. Es gab eine Zeit, das belegt das Heft, in der die Wirklichkeitsferne dieser Insel nicht nur absurd, sondern äußerst anregend war. Moritz Schuller

Zeitschrift für

Ideengeschichte. Die Insel West-Berlin. Heft II/4, Winter 2008. Hg. von W.v.Rahden u.a. C. H. Beck Verlag, München 2008, 12 €.

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