Literatur : Überall Jauche

Silvio Huonder begibt sich tief ins Brandenburgische

Ulrike Baureithel

In windigen Nächten, will es die Sage, geht Jule noch immer um am See. Sie rächt sich dafür, dass der Müller sie aus Eifersucht an den Flügeln seiner Bockwindmühle festgebunden und drei Tage durch die Luft gewirbelt hat, bis ihr Hals ganz dünn wurde.

Diese Geschichte steht wie ein böses Omen über Silvio Huonders Roman „Dicht am Wasser“, was ganz wörtlich zu nehmen ist, weil der Schauplatz, das fiktive brandenburgische Dorf Neumühl, nahe an dem idyllischen und gleichzeitig unheimlichen Julensee liegt. Dort haben sich Alteingesessene mit den Berliner Zuzüglerfamilien, den „Buletten“, irgendwie arrangiert. Es gibt einen Bürgermeister, der das Dorf an die neue Zeit andocken will, einen ambitionierten Musiklehrer, ein paar engagierte Öko-Freaks und hinter den schön renovierten Fassaden Ehen und Kinder, die nicht glücklicher, mittelmäßiger oder unglücklicher sind als anderswo auch.

Bis eines Tages der neunjährige Nelson nach der Musikstunde spurlos verschwindet und nicht nur das geordnete Familienleben der Petris auseinanderbricht, sondern, wie vom Julenwind aufgewirbelt, auch die Widersprüche im Dorf an die Oberfläche treiben. „Auf dem Land stinkts nach Jauche“, heißt es irgendwo, natural und zwischenmenschlich: Das betrifft die Jugendlichen, die sich aus Langeweile mit Totschießen zerstreuen, ebenso wie die Erwachsenen mit ihren Seitensprung-Partien.

Das ist nicht besonders spektakulär. Aber wie Huonder im Zuge eines einzigen dramatischen Tages den Ort zum Exerzierfeld verzeihlicher Schwächen und gefährlicher Leidenschaften macht und analytisch aufwickelt, ist psychologisch stimmig und spannend zugleich. Der aus der Schweiz stammende Autor, der im brandenburgischen Ferch am Schwielowsee lebt, mag den Natur- und Menschenpark, von dem er berichtet, vor der Haustür aufgesammelt haben.

Besonders schön sind die pastell-leichten Landschaftsbilder, die wie ein magischer Schleier über dem dörflichen Gefühlsaufruhr liegen. Da verzeiht man auch, dass es mit der Erzählhaltung ein bisschen hapert – die Geschichte wird von einem „Voyeur“ in Form der indiskreten Mauerschau, die von den inneren Befindlichkeit der Akteure nichts wissen kann, kolportiert. Ulrike Baureithel

Silvio Huonder: Dicht am Wasser. Roman. Verlag Nagel & Kimche, Zürich, München 2009.

221 Seiten, 18, 95 €.

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