Überlebensbiografie : Der Mönch, der aus dem Ghetto kam

Jude und Katholik: Ljudmila Ulitzkaja erzählt vom gerechten Karmeliter Daniel Stein.

Wilfried F. Schoeller

Die Geschichte selbst ist wahr. Es handelt sich um die Überlebensbiografie eines polnischen Judenjungen, der nach der Okkupation seines Landes durch die Deutschen über die Ukraine und Litauen nach Weißrussland kommt, zur Gestapo, ins Kloster, zu den Partisanen, und schließlich zum katholischen Mönch wird. Derjenige, der sie durchlitten hat, hieß Oskar Rufeisen und nahm als Karmeliter den Ordensnamen Daniel an.

Als Daniel Stein steht er im Mittelpunkt des Romans von Ljudmila Ulitzkaja, die wegen ihrer unterhaltsam spöttischen Bücher, aber auch wegen ihres unermüdlichen zivilgesellschaftlichen Engagements zurzeit die auffälligste russische Erzählerin ist. Sie selbst ist getaufte Jüdin, also auch von einer doppelten Erbschaft geprägt.

Ihr Roman besteht aus zwei großen Geschehensabläufen: zum einen aus den Fährnissen, die der Junge in unerträglicher Dichte erlebt, zum anderen aus der Glaubensexistenz des nach Israel Ausgewanderten. Daniel Stein ist 19, auf der Flucht, in Weißrussland kommt er nach einigen anderen Stationen mit einem unverfänglichen Schülerausweis als Dolmetscher zur Gestapo. Er nutzt seine Kenntnisse, die er bei den Deutschen aufschnappt, um Juden zu retten. Als die Räumung eines Ghettos bevorsteht und Massenerschießungen beabsichtigt sind, verrät er die Pläne an die Häftlinge, so dass sich viele von ihnen in die Wälder retten können. Er wird selbst verraten, aber sein Chef, der Gestapomann Reinhold, lässt ihn entkommen.

Stein hört in der Ferne Schüsse: die Massenmorde an den im Ghetto Verbliebenen haben begonnen. Er rettet sich ins Nonnenkloster, wo er versteckt wird. Nach wenigen Tagen lässt er sich taufen. Eine innere Wandlung hat stattgefunden. Aus dem Zerwürfnis mit Gott, dass er das Morden zuließ, war in ihm die Idee des leidenden Gottes entstanden: die einzig mögliche, um sich mit ihm zu versöhnen.

Nach dem Krieg praktizierte Stein als katholischer Priester rund anderthalb Jahrzehnte in Sichtweite seines Bekannten Karol Woytila. Stein ging wegen des polnischen Antisemitismus nach Israel, wo er als Karmeliter eine katholische Gemeinde bei Haifa aufbaute. 1998 ist er gestorben. Seine Lebensgeschichte wird nicht chronologisch erzählt. Sie ergibt sich, im Kreuz und Quer der Zeiten, vor allem aus den zersplitterten Erinnerungen jener vielen, die seinen Weg gekreuzt haben. So entsteht ein Gewebe aus Angst und Verzweiflung, Überlebens- und Untergangsgeschichten, Gottessehnsucht und Weltvertrauen. Drei Dutzend Briefschreiber, Diaristen, Gesprächspartner umlagern diesen Daniel Stein und breiten eine Skala subjektiver Ansichten aus. Sie bilden eine verzankte und hingebungsvolle Gemeinschaft der Irrenden und Suchenden, die übrig geblieben sind von den Schlachtfeldern der Unmenschlichkeit, der mörderischen Pogrome, des Krieges und der Lager.

Es ist eine Kollektivbiografie, die seine, die eines Gerechten, berührt, von ihr weg- und wieder zu ihr hinführt. Die große Kunst Ljudmila Ulitzkajas besteht darin, in ihren Romanen viele Figuren miteinander zu verknüpfen. Sie ist eine epische Familienstifterin mit Kraft zur Polyphonie – auch wenn bei einem solch mächtigen Aufgebot an Stimmen Verwechslungen nicht auszuschließen sind. Als Romanheld fehlt Stein etwas Widersprüchliches und Gebrochenes, denn Ulitzkaja will einen Heiligen des 20. Jahrhunderts porträtieren. Das ist einer der Einwände gegen dieses Buch. Aber er wird von der Reichweite der Fragestellung immer wieder abgewiesen.

Stein benötigt für seinen Glauben und seine Gemeinde Stella Maris bei Haifa keine Orthodoxie und keine Kirche. Er betätigt sich im jüdischen Staat als eine Art Sozialarbeiter und als Fremdenführer; sein Gottesdienst, den er auf Hebräisch abhält, ist für die displaced persons. Als Jude gilt er in seinem Staat wegen seines christlichen Glaubens nicht viel und hat immer wieder Schwierigkeiten.

Von Johannes Paul kommt kein richtiger Einspruch, aber am Ende seines Lebens erhält Daniel Stein aus dem Vatikan ein Schreiben, in dem ihm untersagt wird, weiterhin Gottesdienste abzuhalten. Dieser Brief stammt vom damaligen Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger. Seltsam, wie dieser Roman in die gegenwärtige Debatte über den Katholizismus eingreift und eine argumentative Kraft entfaltet. Er ist ihr unbeabsichtigt vorweggeschrieben.

Er wirkt wie ein Gegentext zu den Diskussionen über antisemitische Piusbrüder und ihren Rückhalt im Vatikan. Er zeigt, was wahrer Traditionalismus in der katholischen Kirche bedeuten könnte: nämlich die Rückkehr zu Wurzeln, in denen Christentum und Judentum noch kaum geschieden waren.


Ljudmila Ulitzkaja: Daniel Stein. Roman. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Hanser Verlag, München 2009. 496 S., 24,90 €.

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