Ullstein legt Quellen offen : Axolotl Overkill

Der Hegemann-Wahnsinn geht in seine nächste, vermutlich letzte Runde - mit einem einmaligen Vorgang: Der Ullstein-Verlag legt offen, wo Helene Hegemann abschrieb – und sich inspirieren ließ.

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Der Hegemann-Wahnsinn geht in die nächste, vermutlich letzte Runde. Nachdem der Hauptvorlagengeber für Hegemann, der Blogger Airen, letzte Woche in seiner Wohnung in Moabit aufgestöbert wurde und aus seinem Leben zwischen Unternehmensberatung und Berghain erzählte, und während sich die Literaturkritik an allen Fronten noch munter bekämpft (Print gegen Print, Blogger gegen Print, ein Kritiker, der nur unter Pseudonym schreiben wollte, gegen alle), kommt der nächste Zug nun wieder vom Berliner Ullstein Verlag, wo Helene Hegemanns Roman „Axolotl Roadkill“ Ende Januar erschienen ist.

Gestern Nachmittag hat der Verlag die Liste der Passagen veröffentlicht, in denen Helene Hegemann etwas allzu sorglos mit den Urheberrechten umgegangen ist. Knapp sechs Buchseiten beträgt diese Liste, die den nächsten „Axolotl-Roadkill“-Auflagen am Schluss angefügt wird. Über die Hälfte davon besteht aus den schon von der Website www. gefuehlskonserve.de bekannten „Stellen“ aus Airens Roman „Strobo“ oder dessen Blog, die Hegemann mal mehr, mal weniger eins zu eins übernommen hat. Sie werden von ihrem Verlag gegenübergestellt. Hegemann, S. 135: „Der ist stockbisexuell. (...). Dort erklärt er dann einer zierlichen Schwarzhaarigen mit so einer Art olivfarbenen Traumbeinen, wie geil es ihn macht, dass ihre Haut überall gleich aussieht, sogar in den Achselhöhlen, (...).

Airen:  (Titel des Blogeintrags: stock-bi) „Zierlich, schwarzhaarig, keine zwanzig und olivfarbene Traumbeine (...) Ich küsse ihren Körper, ihre ultrazarte Haut, die überall die gleiche ist: an den Waden, an den Schenkeln, am Bauch und am Po, zwischen ihren Schulterblättern, auf ihren Brüsten und sogar unter ihren Achseln. (...) Ich ficke grottenschlecht, zittere hilflos auf ihr rum und gebe irgendwann auf.“

Es folgen weitere Zitate, die gleichfalls schon die Runde machten, aus Büchern von Malcolm Lowry, Rainald Goetz, Kathy Acker, Jim Jarmusch, Jean-Luc Godard, Maurice Blanchot und David Foster Wallace sowie neben dem von Hegemann ins Deutsche übersetzten Song „Fuck You“ der britischen Band Archive der weitere Song einer Band, dessen englische Lyrics Hegemann in ihren Text montiert hat. Der Rest sind private Quellen, modifizierte Leserkommentare zu einem Hegemann-Interview und einer Hegemann-Kurzgeschichte, und „Inspirationen ohne genauere Quellenkenntnis“, unter anderem auch von Kathy Acker, die Hegemann nicht mehr parat hat.

Übermäßig viel Neues ist nicht dazugekommen, wiewohl Verlag und Autorin einräumen, möglicherweise nicht alle Inhaber von Urheberrechten ermittelt zu haben. Deshalb hat man wohlweislich den Zusatz angefügt: „Dieser Roman folgt in Passagen dem ästhetischen Prinzip der Intertextualität und kann daher weitere Zitate enthalten“. Im Fall von weiteren Nebenwirkungen fragen Sie also Ihren Arzt oder Apotheker. Helene Hegemanns eigene literarische Leistung, auch ihre Remix-Leistung muss jedenfalls nach Bekanntgabe dieser Liste nicht noch einmal neu bewertet werden. Die Fans und Fürsprecher von „Axolotl Roadkill“ dürfen sich weiterhin an Sprache und Reflexionsfähigkeit der Autorin begeistern, andere wiederum eher nörgeln, dass die Sprache dann so toll auch wieder nicht sei. Nur verwechseln mit Hegemanns Leben kann man das von ihrer Heldin Mifti wirklich sehr, sehr schwer: Das ist, als hätte man Bret Easton Ellis seinerzeit immer wieder gefragt, ob er eigentlich identisch sei mit seiner Figur Patrick Bateman aus „American Psycho“.

Bemerkenswerter ist der Vorgang an sich: Ein Verlag legt nicht nur die schon bekannten Airen-„Stellen“ vor, sondern auch solche, die erkennbar abgewandelt und stark modifiziert sind – und in der Literatur meistens nicht genauer gekennzeichnet werden. Und er liefert auch die zahlreichen Inspirationen seiner Autorin gleich mit. Sollte Hegemanns Roman dereinst noch intensiveres literaturwissenschaftliches Interesse hervorrufen, werden potenzielle Philologen deutlich weniger Arbeit haben.

Mitunter dürfte das alles aber auch an das künstlerische Selbstverständnis von Helene Hegemann rühren. Wenn sie etwa zwei Rainald-Goetz-Sätze neu zusammenmontiert, diesen zwei, drei neue Worte hinzufügt, sie kursiv setzen lässt und mit folgendem Satz anmoderiert: „Niedergeschlagen ziehe ich mir einen sagenumwobenen Sachtext über die Praxis der DJ-CULTURE rein:“ (wobei einen Ausdruck wie DJ-Culture in Großdruckbuchstaben zu schreiben dann natürlich schon wieder lupenreiner Goetz ist). Man kann getrost davon ausgehen, dass Hegemann, sollte sie einen weiteren Roman schreiben, Zitate und Anleihen wie diese noch besser verhäckseln wird.

Natürlich ist dieser mit so viel Spannung erwartete (und nun doch völlig unspektakuläre) Nachtrag durch den Verlag der Tatsache geschuldet, dass Hegemann es unterlassen hat, original von ihr übernommene Quellen gleich zu benennen, insbesondere Airen – und der Verlag es deshalb versäumte, die Rechte dafür einzuholen. Daraufhin brach die Plagiatsdebatte über sie und Ullstein herein.

Vielleicht hätte der Verlag genauer und intensiver bei seiner jungen Autorin nachfragen sollen. Hatte diese doch schon in einem Promo-Interview, das als Presse-Information den Vorabexemplaren für Rezensenten und Buchhändler beilag, gesagt: „Mir hat es einfach Spaß gemacht, bestimmte Sachen auszudenken und die mit bestehenden Fragmenten aus Filmen oder Zeitschriften oder Büchern oder Geschichten aus meinem Umfeld zusammenzufügen. Ich habe mich überall bedient, wo ich dachte, das entspricht jetzt der alternativen Lebensweise, über die ich schreiben will.“

Das Kind ist dann doch in den Brunnen gefallen, das Plagiatsgespenst, und so wird es nun ganz langsam wieder herausgezogen. Ob Hegemann nun zu mehr Ruhe kommt, steht auf einem anderen Blatt. Will sie aber vielleicht gar nicht: Am Freitag feiert sie gleichzeitig ihren 18. Geburtstag und die Veröffentlichung des Romans, im Tresor, dem legendären Techno-Club, mit Hunderten von geladenen Gästen.

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