Unrast : Der Traum vom weißen Wal

Lob der Unruhe: Die Polin Olga Tokarczuk schreibt einen wild mäandernden Reiseroman. Nicht um Sinn oder Erkenntnis geht es der Erzählerin, sondern um den Blick und das Festhalten der unzähligen Analogien in Formen und Bewegungen.

Nicole Henneberg
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Literatur, mahnt die Erzählerin gleich zu Beginn, ist nichts für zarte Seelen: „Es ist eine kontrollierte Psychose, eine Paranoia und zugleich Obsession, die mit Arbeit verbunden ist und deshalb auch nicht mit den Federn, Rüschen und venezianischen Masken ausgestattet, die wir damit assoziieren, sondern eher mit Fleischerschürze und einem Messer zum Ausweiden in der Hand.“ Als Leser von Olga Tokarczuks wild mäanderndem Reiseroman „Unrast“, der in Polen mit dem Nike-Preis ausgezeichnet wurde (dem Äquivalent zum Deutschen Buchpreis), tut man gut daran, diese Mahnung ernst zu nehmen. Denn von den Reisen, um die es hier geht, gibt es keine Wiederkehr. Nicht umsonst ist Melvilles „Moby Dick“ das große Lieblings- und Welterklärungsbuch der Erzählerin.

Süchtig danach, unterwegs zu sein, arbeitet sie, um zu reisen. Sobald sie etwas Geld verdient hat, fährt sie, klein gewachsen, von kompaktem Äußeren und mit einem unverwüstlichen Magen ausgestattet, zum nächsten Flughafen. Als Frau über vierzig ist sie überdies „unsichtbar“ für Männer – ein idealer Status, um die Welt um sich herum zu beobachten.

Die 1962 geborene Polin Olga Tokarczuk hat ihrer Erzählerin Teile ihrer eigenen Biografie geliehen: das Psychologiestudium in Warschau und die Arbeit als Therapeutin in der Suchthilfe. Besonders C. G. Jung habe sie beim Schreiben inspiriert, sagt sie. In „Unrast“ ist sein Einfluss deutlich spürbar in den beweglichen, stets präsenten Symbolketten, die Pflanzen und innere Organe, Meere, Empfindungen, Gerüche, Zeitsprünge und Träume miteinander in Verbindung bringen.

„Unrast“ lässt sich als direkter Gegenentwurf zu Tokarzcuks erstem, in Polen ebenfalls mit dem Nike-Preis ausgezeichneten Erfolg „Ur und andere Zeiten“ lesen, einem klaustrophobischen Dorfroman, dessen Figuren unter jährlich wiederkehrenden Krankheiten und Liebesschmerzen stöhnen. Die Fäden eines Jahrhunderts polnischer Geschichte sind hier versponnen.

Die Erzählerin von „Unrast“ lebt auf Flughäfen, in Zügen und Hotels, findet deren monotone Neutralität tröstlich und protokolliert ihre allabendliche Einsamkeit. Sie fühlt sich gerne fremd, denn das erspart ihr die schicksalhaften Schwingungen der Orte.

Olga Tokarczuk erzählt spöttisch, mitfühlend und genau von dieser Obsession, die bizarre und wahnhafte, zugleich verblüffend schöne Bilder hervorbringt und dem Roman einen eigenwilligen Sog verleiht – obwohl er eher einer Textcollage gleicht.

Was die qualvolle Selbsterforschung eines Anatomen, die tödliche Griechenlandfahrt eines Altertumsforschers und die Flucht einer traumatisierten Hausfrau gemein haben, erschließt sich erst, wenn man sich dem Umherschweifen des Textes überlässt und auf die eingestreuten Zwischenstücke hört: im Vorübergehen belauschten Gesprächen, Reiseanekdoten und Reflexionen aus Wartesälen und Hotelhallen.

Die Erzählerin hält das für das einzig ehrliche Verfahren: „Die Welt nur in Bruchstücken sehen, eine andere wird es nicht geben. Es gibt Augenblicke, Fragmente, vorübergehende Konfigurationen, die kurz nach ihrer Entstehung wieder zerfallen. Leben? So etwas gibt es nicht, ich sehe Linien, Flächen und Körper und ihre Verwandlungen in der Zeit.“

Ein überzeugendes Konzept, vor allem, wenn es so eindringliche Erzählungen wie die über den Niederländer Philip Verheyen enthält, der nach der Amputation seines Beines nicht nur die Achillessehne, sondern als Erster auch den Phantomschmerz benannte – den er für einen Ausdruck Gottes hielt.

„Was habe ich eigentlich gesucht?“, fragt Verheyen. Die Erzählerin jedenfalls sucht nach den Fehlern der Natur, nach Missbildungen und Monstrositäten, verbringt ganze Tage in pathologischen Sammlungen und betrachtet die Welt als Kuriositätenkabinett. Sie will alles festhalten und protokollieren, will die Unrast als Conditio humana fassen.

Olga Tokarczuk verschiebt diese obsessive Recherche nach einer speziellen Ausdrucksweise in den Prozess des Erzählens. Ein wirkungsvoller Kunstgriff, denn alle Tricks, alle Irrtümer, Autosuggestionen und Schutzmechanismen werden miterzählt.

All das hat Esther Kinsky mit feinem Ohr ins Deutsche gebracht, einschließlich der letzten melancholischen Notiz der Erzählerin: „Wir, die Aufschreibenden, sind ja zu vielen. Wir lassen uns nicht anmerken, dass wir einander betrachten, wir heben den Blick nicht von unseren Schuhen. Wir werden uns gegenseitig aufschreiben, das ist die sicherste Form der Kommunikation, wir werden einander in Buchstaben und Initialen verwandeln und auf den Seiten der Notizbücher verewigen, wir werden uns plastinieren, ins Formalin der Sätze versenken.“


Olga Tokarczuk: Unrast. Roman. Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Schöffling Verlag, Frankfurt a. M. 2009. 461 Seiten, 24,90 €.

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