Literatur : Unser Meer

Schule des Sehens: „Land“ von Perikles Monioudis

Katrin Hillgruber

Wie folgt man den Spuren eines längst zerstäubten Zuckergebäcks? Ein Schweizer Diplomat mit griechischen Wurzeln, im Roman nur „Der Reisende“ genannt, beginnt in Alexandria eine Mittelmeer-Odyssee. Er sucht die verschollene Rezeptsammlung seines Großvaters, eines Konditors. Inspiriert von den heiseren Ohrwürmern der legendären ägyptischen Sängerin Umm Kalsum und von Gottfried Benns Sehnsucht nach dem mediterranen Blau, erweist sich Perikles Monioudis, 1966 im schweizerischen Glarus geboren, als faszinierender Erzähler. Den überbordenden Eindrücken und Mentalitäten des Mittelmeerraums begegnet er mit alpin kühler Beschreibungskunst. „Land“ ist dezidiert ein Buch über das Schauen und den Kult des Blicks.

Das Transitorische und mit ihm die Verkehrsmittel haben es Monioudis angetan. Schon in seinem zweiten Roman „Das Passagierschiff“ (1995) kippt der detailgesättigte, hyperrealistische Stil ins Surreale. Auch in ihm geht es um eine detektivische Suche, die in einem Bergtal beginnt und in die Weiten Philadelphias führt. Ausgehend von der Biografie des „Swissair“-Pioniers Walter Mittelholzer imaginiert Monioudis in „Deutschlandflug“ (1998) eine abenteuerliche Expedition sehnsüchtiger Männer und hebt dabei wie im Traum jede Chronologie auf.

Die alte Roadmovie-Weisheit, dass der Weg das Ziel sei, belegt „Land“ mit poetischer Umständlichkeit. Ob Nikosia, Izmir, Barcelona oder Piräus: Da er das ersehnte „kleine grüne Heft mit den ägyptischen Rezepten“ gleich zu Anfang in Alexandria aufstöbert, werden dem Reisenden die weiteren Stationen seiner Mittelmeerrundfahrt austauschbar. Bald fühlt man sich von einer merkwürdigen Unentschlossenheit und Kühle, ja von Heimatlosigkeit affiziert: „Die Städte sahen mich einmal so, einmal so, ähnlich, wie ich sie sah – als leere Fläche, als schwarzen Vasenhintergrund? Wer wäre dann wessen Hintergrund, ich derjenige der Stadt oder die Stadt, die Städte, meiner?“

Das Eingeständnis des Reisenden, am liebsten allein zu sein und absichtsvolle Aktionen zu verabscheuen, verhindert auch ein Wiederaufflammen seiner Beziehung mit einer Berliner Botanikerin, die er in Barcelona besucht. Das alles erfahren wir aus den inneren Monologen der Beteiligten, deren Dialoge nur in indirekter Rede erscheinen. Dadurch gerät „Land“ zu einem allzu diplomatischen Unterfangen. Derart diskrete Liebende müssen sich zwangsläufig verfehlen.

Aus der Perspektive der Botanikerin, die in Barcelonas berühmtem Jardín arbeitet, ist der zweite Handlungsstrang des Romans erzählt. Auf der Schiffspassage nach Spanien lernt sie an Deck eine junge Frau in einer grünen Windjacke kennen. Von diesem Moment an steigert sich Zufall um Zufall mit Kleist’scher Konsequenz ins Unheilvolle.

Peter Weber, der Schöpfer des „Wettermachers“, attestierte seinem Landsmann und Freund, er setze „erweiterte Blickwinkel an seine Gegenstände, ohne dass er ihnen dadurch die Gunst entziehen würde“. Diese ganz eigene Poetologie des Sehens hat der geborene Epiker Monioudis von Buch zu Buch fortentwickelt. „Land“ ist nun seine große Hommage ans Mittelmeer, an das „Mare Nostrum“ der abendländischen Kultur. Dabei bringt er in Anklängen die Geschichte seiner polyglotten Familie ins Spiel. Sein Aufwachsen in Glarus spiegelt der Sohn von Auslandsgriechen in der Begegnung des Reisenden mit einem kleinen Schweizer Diplomatensohn, den es nach Zypern verschlagen hat. Beim Anblick des sprachlosen Jungen denkt der Besucher an seine Kindheit zurück: „So war ihm denn das einzig Gewisse eine unausgesprochene, aber immerwährende Aufforderung durch die Einheimischen, sich ihnen zu erklären, auf Schritt und Tritt Rechenschaft darüber abzulegen, dass es ihn gab, dass es ihn hier gab.“ Eine so frühe, lästige bis schmerzliche Erfahrung der Fremdheit stellt andererseits eine vortreffliche Schule der Beobachtung und des Unterscheidens dar.

Während die Schweizerfahne im Inselwind flattert, muss der Reisende den Jungen sich selbst überlassen. Jäh legt das Erzählschiff vom Festland ab und steuert auf eine neue Geschichte zu. Diese Abschiedsmomente, in denen allein das verlockende Blau des Meeres zählt, verleihen dem kontemplativen Roman einen unerwartet schroffen Reiz.

Perikles Monioudis: Land. Roman. Ammann Verlag, Zürich 2007 (Meridiane 112). 250 Seiten, 18,90 Euro.

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