Literatur : Unter Frömmlern

Neu übersetzt: „Der Kummer von Belgien“, das Meisterwerk des Flamen Hugo Claus

Rolf Spinnler

Manche Autoren haben das Schicksal, ihren Ruhm einem einzigen Werk zu verdanken, auf Kosten aller übrigen Bücher, die sie geschrieben haben. Auch der im März mit knapp 79 Jahren verstorbene Flame Hugo Claus ist vielen ausschließlich als der Verfasser von „Het verdriet van Belgie“ bekannt, obwohl sein Werkverzeichnis über 150 Titel umfasst, von denen viele auch bei uns verlegt sind: Romane, Erzählungen, Theaterstücke, Übersetzungen und Gedichte, die manche für seine größte Stärke halten. Damit nicht genug: Claus war auch Maler im Umkreis der Cobra-Bewegung, Filmemacher – und wurde zu einer Vaterfigur für die nachfolgende Schriftstellergeneration.

Der Stuttgarter Verlag Klett-Cotta hat jetzt Claus’ im niederländischen Original erstmals 1983 publizierten Bestseller in einer neuen Übersetzung von Waltraud Hüsmert vorgelegt. Unter dem neuen, korrekteren Titel „Der Kummer von Belgien“ soll sie Johannes Pirons Übertragung aus dem Jahr 1986 ablösen, die damals als „Der Kummer von Flandern“ auf den deutschen Markt kam.

Auch wenn Kenner betonen, dass „Der Kummer von Belgien“ im Vergleich zu anderen Büchern des Autors, etwa dem 1963 erschienenen Roman „Die Verwunderung“, viel konventioneller geschrieben sei, bestätigt Hüsmerts kongeniale Neuübersetzung doch seinen Rang als Meisterwerk. Claus selbst hat ihn als „Familienroman“ bezeichnet, aber er ist viel mehr: ein Bildungs-, Gesellschafts- und Schelmenroman, durchzogen von Anspielungen auf die flämische Literatur und sogar auf die Gralslegende.

Der Held ist eine Art Parzival, der in einer schwierigen Zeit seinen Weg in die Erwachsenenwelt finden muss. Die Zeit – das sind die Jahre zwischen 1939 und 1947: Belgien wird von der deutschen Wehrmacht besetzt und die flämischen Sympathisanten der Nazis kollaborieren mit den Okkupanten. Der Ort – das ist die fiktive Kleinstadt Walle in Westflandern und ihre ländliche Umgebung mit ihren Honoratioren und Kleinbürgern, Adligen und Bauern, Priestern und Nonnen. Und mit Louis Seynaeve, dem Sohn eines Druckereibesitzers, für den die Kriegsjahre mit der Lebensphase der Pubertät zusammenfallen. Der Roman gliedert sich in zwei Teile. Seine erste Hälfte handelt von Louis’ Leben in einem von katholischen Nonnen geführten Internat, wo der Junge mit einigen Freunden den Geheimbund der „Apostel“ gegründet hat. Hier trifft man auf viele klassische Elemente des Internatsromans, wie sie erst jüngst wieder durch „Harry Potter“ populär wurden.

Für die Zöglinge der Nonnen, „denen es beschieden war, im Zustand der Verwirrung aufzuwachsen, gefangen in Rätseln, umgeben von Bruchstücken, vexierend unverständlichen, undurchdringlichen Spiegelscherben“, ist die Welt voller Geheimnisse. Diesen Romanteil wird der 19-jährige Louis am Ende von „Der Kummer von Belgien“ bei einem Literaturwettbewerb einreichen und damit sein Debüt als Schriftsteller geben.

Die zweite, umfangreichere Hälfte des Buchs ist vom Autor als Montage von stilistisch stark variierenden Textpassagen angelegt. Die Bildungsgeschichte des Helden wird immer wieder unterbrochen von Stammtischgerede, mit dem die Kleinbürger von Walle den Verlauf des Kriegs kommentieren, und von privatem Klatsch: Die Mitglieder von Louis’ verzweigter Familie hecheln das Liebesleben ihrer Verwandten durch.

Es ist kein schmeichelhaftes Porträt, das der 1929 in Brügge als Sohn eines Druckereibesitzers geborene Hugo Claus in diesem autobiografisch geprägten Roman von seinen Landsleuten zeichnet. „Belgien ist kein Land, sondern ein Zustand“, heißt es mehrmals. Da ist eine Gesellschaft von bigotten Frömmlern, Opportunisten, Denunzianten, Maulhelden, Heuchlern und Schwarzhändlern, die auf Juden, Freimaurer, Kommunisten, Franzosen und Engländer schimpfen, aber nach dem Zusammenbruch des Faschismus so tun, als sei nichts gewesen.

Sexualaufklärung findet in dieser Welt nicht statt, so dass Louis nicht weiß, wie er sich helfen soll bei dem „Stachel, der sich unerträglich in seiner Unterhose regte“. Der Großvater geht zweimal am Tag zur Messe, hält sich aber neben seiner Angetrauten mehrere Geliebte. Louis’ Mutter hat eine Affäre mit einem deutschen Besatzungsoffizier, auf die sein Vater nicht etwa mit einem Eifersuchtsanfall reagiert, sondern indem er pausenlos Süßigkeiten in sich hineinstopft. Bei diesem Mangel an Vorbildern überrascht es nicht, dass der Sohn zunächst die einmarschierten deutschen Soldaten bewundert und sich ein cooles Hitlerjungenoutfit zulegt.

Erst als Louis im Keller eines Brüsseler Palais von der Gestapo beschlagnahmte „dekadente“ Bücher entdeckt hat, merkt er, dass er doch zu sehr „vom internationalen Judentum infiziert war“, um den flämischen Nationalismus noch attraktiv zu finden. Nachdem ihn ausgerechnet seine mannstolle Tante zum ersten Sex verführt hat, erkennt er, dass in einer Gesellschaft, in der alle lügen, nur die Übertreibungen der Literatur wahr sind.

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