Uwe Wittstock : Einladung ins Bodenlose

Uwe Wittstock sucht die Postmoderne in der deutschen Gegenwartsliteratur. Es ist eine Vielfalt von Formen, Themen, Traditionen und Experimenten, eine „radikale Pluralität“, die Wittstock konstatiert.

Paul Michael Lützeler

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebte die moderne Kunst in der Musik (Schönberg), Malerei (Picasso), Skulptur (Brancusi), Architektur (Mies van der Rohe) und Literatur (Joyce) einen Höhepunkt an Abstrahierung und Theoretisierung, wie sie einzigartig in der westlichen Kulturgeschichte ist. Bereits in den sechziger Jahren war es für Leslie Fiedler oder Susan Sontag in den USA und Hans Magnus Enzensberger in Deutschland offenkundig, dass sich eine nach-moderne Kunstszene entwickelt hatte, die sich kaum noch mit den ästhetischen Maßstäben beurteilen ließ, wie sie Clement Greenberg und Theodor W. Adorno an den Monumenten der abstrakten Moderne entwickelt hatten.

Enzensberger diagnostizierte schon 1960 die Erschöpfung der Moderne. Nichtsdestoweniger wollte man sich in Deutschland nicht vom Paradigma der Hochmoderne lösen. Uwe Wittstock schwamm als Literaturkritiker da lange gegen den Strom, wie sein provokativer Essay „Leselust“ von 1995 und seine Edition „Roman oder Leben“ von 1996 zeigen. Nun hat er der Streitschrift und der Theorie-Dokumentation zur Postmoderne einen Interpretationsband folgen lassen, der zeigt, wie wichtig es ist, den Blick für die nachmoderne Literatur in Deutschland zu schärfen.

Es ist eine Vielfalt von Formen, Themen, Traditionen und Experimenten, eine „radikale Pluralität“, die Wittstock konstatiert. Wie Lyotard betont hat, war für die Vertreter der Moderne das Bekenntnis zu einer der geschichtsphilosophischen „großen Erzählungen“ offenkundig. Wittstock zeigt, wie Heiner Müller sich vom utopischen Modernismus Brechts abwendet und zu einer Skepsis gelangt, die ihn hart bis an die Grenze postmoderner Relativierung führt.

Am ehesten ist in der Gegenwartsdramatik Dea Loher mit Heiner Müller zu vergleichen, dessen Schülerin sie war. Mit ihren Mikroausschnitten aus aktuellen Hiobs-Viten zeigt sie eine Welt erstickender Mutlosigkeit, ein versinkendes Leben, das auf Rebellion verzichtet. Durch die Darstellung purer Groteske – etwa bei der Ehe als „scheinheiligem Treueübungsplatz“ – verweise sie indirekt auf Alternativen. Weiter entfernt von Müllers Ambitionen ist Wolfgang Hilbig. Dessen poetologisches Prinzip umschreibt Wittstock mit „Exkommunikation“. Von einer parteilichen Perspektive kann hier keine Rede mehr sein; seine Arbeiten sind „Einladungen ins Bodenlose“.

Das ist grundsätzlich nicht anders bei Christoph Ransmayr, dessen Themen und Metaphorik bestimmt sind durch Verfall, Verwesung, Verwüstung, Abschied, Agonie, Auflösung, Niedergang, Erlöschen und Tod. Die Lektüre dieser Ruinendichtung werde jedoch durch ihre „herrliche Sprachmusik“ zu einem „rhythmischen Erlebnis“. Robert Gernhardt liefert Texte, die in allem das Gegenteil der asketischen Hochmoderne sind. Gernhardts Maskenspiel, Kippfiguren und Stimmenimitation haben mit ihrer Komik eine Art postmodernen Keil in die orthodox-gravitätische Tonlage der deutschen Moderneverehrung getrieben.

Außerhalb jedes modernistischen Ehrgeizes sieht Wittstock auch Martin Mosebach angesiedelt. Sein Gesellschaftsroman – „eine Schule der Toleranz“ – greift auf Traditionen des 19. Jahrhunderts zurück. Ganz nach Wittstocks postmodernem Geschmack ist das Erzählwerk Daniel Kehlmanns, der publikumswirksam schreibe, auf Sprachskepsis verzichte und jenen Lesegenuss beschere, der in der Moderne verachtet worden sei. In der „Vermessung der Welt“ demontiere der Autor das Idealbild eines Pioniers moderner Naturforschung. Die zerstörerischen, ja wahnhaften Züge eines Vertreters moderner Wissenschaft werden profiliert.

Abschließend singt Wittstock ein Loblied auf den Lyriker Dirk von Petersdorff, dessen Philosophie sich mit „fundamentaler Fundamentlosigkeit“ umschreiben lasse. Nicht den Platz des „Absoluten“ zu bestimmen, sei der Ehrgeiz des Autors, sondern ihn offen zu halten – das rechte Mittel dazu Ironie. Aber gilt das nicht auch für den Modernisten Thomas Mann? Moderne und Postmoderne sind durch keine Mauer getrennt, aber Wittstock hat die Tendenzen der Postmoderne zutreffend benannt.

Uwe Wittstock: Nach der Moderne.

Essay zur deutschen Gegenwartsliteratur in zwölf Kapiteln über elf Autoren.

Wallstein Verlag,

Göttingen 2009.

224 Seiten, 19,90 €.

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