Väterbücher : Das große Da-da-da

Neue Väter hat das Land – nur schreiben darüber ist offenbar schwierig. Mehrere neue Ratgeber sind dieser Tage erschienen.

Gerrit Bartels
Väter
Aufessen, Kinder. Markus Rosenmüllers Erfolgsfilm "Wer früher stirbt, ist länger tot" zeigt die Sorgen des alleinerziehenden...Foto: p-a

Der junge Vater hat es heutzutage nicht leicht. Einerseits will er viel Zeit mit seinen Kindern verbringen und sie nicht nur bei der Geburt erleben, sondern möglichst lange Jahre intensiv aufwachsen sehen. Andererseits möchte er arbeiten, gar Karriere machen, vielleicht muss er es auch. Und wenn er darüber hinaus den – freilich fast schon anmaßenden – Anspruch hat, auch mal ein, zwei Stündchen allein zu sein, dann hat er ein großes Problem: 24 Stunden am Tag reichen nicht aus, ständig befindet er sich in einem Widerstreit von eigenen Interessen, Wünschen und fremdbestimmten Zwängen.

Nun könnte man meinen, zumindest der Buchmarkt biete ein wenig Trost, gar Rat. Dem ist jedoch nicht so. Vielmehr gilt hier das Gleiche, was der "FAZ“-Kulturredakteur Eberhard Rathgeb in seinem Buch "Schwieriges Glück. Versuch über die Vaterliebe“ über die aktuellen Familiendebatten schreibt. In diesen kämen, so Rathgeb, "die Väter zum einen komischer-, zum anderen tragischerweise als kinderliebende Väter fast gar nicht vor, obwohl sie doch wie auch viele Mütter einerseits Kinder haben und andererseits ihren Berufen nachgehen wollen“. Ein sanfter Ärger schimmert da durch, Ärger darüber, ungerechtfertigterweise nicht im Blickfeld der Öffentlichkeit zu stehen.

Immerhin sind es in diesem Herbst neben Rathgeb drei weitere Väter, die ihre Vaterwerdung oder ihr Vaterdasein in Buchform thematisieren: John von Düffel mit dem Roman "Beste Jahre“, Dirk von Petersdorff mit der autobiografischen Erzählung "Lebensanfang“ und Robin Alexander mit dem Sachbuch "Familie für Einsteiger“. Aber allein ihre Schreibansätze, ihr unterschiedlicher Umgang mit dem Thema verbietet es, von einem Trend zu sprechen, an dem der neugierige, Leidensgenossen suchende Vater genauso wie der unwilligste Leser nicht vorbei kann.

Die aktuellen Sachbuch-Bestsellerlisten werden dominiert von Frauen, die ihr Frausein, ihre Runzeln, ihre fünfzig Jahre oder ihre Karrieren trotz oder mit Kindern ganz okay finden, und von Männern, die Anleitungen zum Männlichsein geben oder auf Wanderschaft sind. Und in der Belletristik haben Familienromane wie eh und je Konjunktur, genauso wie Bücher über die alten, fernen oder toten Väter, die es zu suchen oder an denen es sich abzuarbeiten gilt. Der Vater aber, der gerade Vater geworden ist und seine Kinder großzieht, eignet sich nur wenig zur literarischen Verdichtung und steht ziemlich allein auf weiter Flur, so er doch darüber schreibt.

Schon als Peter Handke 1981 seine „Kindergeschichte“ veröffentlichte, gab es irritierte Reaktionen. Handke beschrieb darin, wie er die ersten Lebensjahre seiner Tochter Anima als Alleinerziehender erlebte. Irritieren tat damals natürlich vor allem, wie Handke das Vater-Tochter-Leben mit einer mythischen Aura von Schicksal und ewigem Geist umgab: "Ich arbeite an dem Geheimnis der Welt.“ Zum anderen gingen Handkes Befindlichkeitserkundungen zwar gerade noch als typische Siebziger-Jahre-Innerlichkeit durch, passten aber nicht mehr in eine Zeit, in der fortan die radikale Individualisierung dominieren sollte, der Spaß, die Mode, das Cool-Sein; in der zwar nach neuen Männern intensiv Ausschau gehalten wurde, aber nicht nach neuen Vätern mit der „Gewißheit, daß für seinesgleichen seit je jene andere Weltgeschichte galt, die ihm damals an den Linien des schlafenden Kindes erschien“.

Auch spätere Versuche über die Vaterliebe waren merkwürdig indifferent. So driftet Durs Grünbein in seinem Tochter-Tagebuch "Das erste Jahr“ auf dem schmalen Grat zwischen dezentem Kitsch und intellektueller Durchdringung oft ins Pathetische. Hanns-Josef Ortheils Vaterroman "Lo und Lu“ aus dem Jahr 2001 ist vor allem ein heiter-beschwingtes Stück Idealer-Schwiegersohn-Prosa mit Einsichten wie: „Dieses Klötzchen auf Klötzchen setzen reinigt den Kopf, man vergisst schließlich die ganze Umgebung, es ist wie eine buddhistische Übung“. Und Klaus Modick schlägt in seinem "Vatertagebuch“ von 2005 bisweilen einen dräuend-pessimistischen Ton an, so als sitze er auf dem Schoß von Frank Schirrmacher oder Christoph Keese, und beklagt die "Wichtigtuerei des Individuums“ oder "eine unsichtbare, aber folgenschwere Spaltung“ der Gesellschaft in Kinderlose und Leute mit Kindern.

Der Lyriker und Schriftsteller Dirk von Petersdorff reiht sich hier mit seinem neuesten Buch gut und unauffällig ein. "Lebensanfang“ wird dominiert von einem oft gequält wirkenden, weil der Schlaflosigkeit geschuldeten Staunen über die neuen Lebensumstände, über die Zwillinge Max und Luise. Von Petersdorff liefert viel Beschreibung vom Brei bis zum ersten "Da-da-da-da“ und bekommt insbesondere eine neue Sensibilität für die Natur, bei so viel unmittelbarer Natur, "die genau weiß, was nötig ist“. Der Erkenntniswert auf des Lesers Seite aber tendiert gegen Null. Dirk von Petersdorff geht es vor allem um ein Einverständnis mit sich selbst, darum, von A nach B zu kommen, von "Immer noch hatte ich nicht verstanden, nur das dringende Gefühl, etwas fassen zu müssen, von dem ich nicht wusste, was es war“ zu der schlussendlichen Erkenntnis, dass all das nichts anderem als der Liebe geschuldet sein kann, ja, dass all das nur die Liebe in Reinkultur sein kann.

Vermutlich wollte John von Düffel genau solche Einsichten vermeiden, als er seinen Roman „Beste Jahre“ schrieb. Dieser hat zunächst Modellcharakter: Ein Pärchen, beide um die vierzig, beschließt spät noch, ein Kind zu bekommen, mit Hilfe der Reproduktionsmedizin. Das klappt, und von Düffels Erzähler vollzieht dann die üblichen Überlegungen. Er verabschiedet sich von seinem alten Leben, sinniert über den eigenartigen Zwischenzustand, macht neue Entdeckungen. Das lässt sich lesen, wirkt in den medizinischen Passagen steif und unverdichtet, bekommt aber gar noch Züge eines Entwicklungsromans vor dem Hintergrund der deutschen Wende.

Leider kippt "Beste Jahre“ im letzten Drittel ins schwer Soaphafte: Ein bester Freund tritt auf den Plan, krebskrank und mit Kinderwunsch, dem ebenfalls nur noch künstlich nachgeholfen werden kann, nicht zuletzt von von Düffels Erzähler, der mit der Frau seines besten Freundes schlafen soll. Und diese Frau, ja, die entpuppt sich als die erste große Liebe des Erzählers und so weiter und so schlimm. Interessant aber ist, wie John von Düffel die Erzählperspektive wechselt und Kapitel für Kapitel zwischen Ich-Form und dritter Person pendelt – so als stelle die kommende Vaterschaft seine Identität schwer infrage, als müsse er immer noch Distanz wahren und finden, als könne ein Mann, der Vater wird, nicht durchgehend "Ich“ sagen. (Handke spricht in seiner Kindheitsgeschichte gar distanzierend von dem "Erwachsenen“ und dem "Kind“). Mit der Ankunft des Kindes, das ist in all diesen Büchern offensichtlich, wird die männliche Identität gleich mit neu geboren, da spricht auch Dirk von Petersdorff mit Nietzsche von einem "Neubeginnen“. Bei Eberhard Rathgeb hat dieses perspektivische Pendeln einen weiteren Grund: Die Liebe zu seiner Tochter lässt ihn die Beziehung zum eigenen Vater reflektieren, dessen Umgang mit seinen Kindern. Aus dem schreibenden Ich wird der Sohn, der eine Tochter hat. Das klingt bisweilen merkwürdig verdruckst, läuft manchmal auch aus dem Ruder, weil Rathgeb insbesondere vor dem Hintergrund des Verfalls traditioneller Familienstrukturen seine Vaterliebe versucht zu verstehen und zu erklären. Das ist aber dann wieder aller Vaterehren wert, führt man sich zu guter Letzt das "Überlebenshandbuch“ des "Vanity-Fair“-Redakteurs Robin Alexander zu Gemüte.

Ausgestattet mit einem hellblauen Umschlag mit zwei fröhlich-bunt gezeichneten Kindern vorne drauf, will dieses Buch ausschließlich gute Laune verbreiten. Geschrieben ist es wie eine lange Kolumne, die die Zielgruppe der Axel-Hacke-Fans fest im Blick hat. Und wenn es tatsächlich mal relevant wird, wenn Alexanders Familie etwas Protoypisches bekommt, sagen wir von den Geburtsvorbereitungskursen für Männer bis zu den Problemen mit den 68er-Großeltern, dann kleistert das Alexander zumeist wieder mit seiner Hoppla-Hopp-Kumpeligkeit zu, mit noch einem Witz, mit noch einem Sprüchlein, mit noch einer Liste. Hauptsache lustig, Hauptsache Nähe. Nach so einer Lektüre ist man schließlich doch ganz froh, dass es Vatergebrauchsanweisungen nicht gibt und wohl nie geben wird. Man weiß dann, dass man den Kampf, das Ich, die Arbeit und die Liebe zu den Kindern (und nicht zuletzt zu seiner Frau!) zufriedenstellend unter einen Hut zu bringen, doch besser allein, ohne vermeintlich identitätsstiftende Väterbücher austrägt

Dirk von Petersdorff: Lebensanfang, C.H. Beck, München 2007, 174 S., 17, 90 €

John von Düffel: Beste Jahre. Roman. Du Mont Verlag, Köln 2007, 250 S., 19, 90 €

Eberhard Rathgeb: Schwieriges Glück. Hanser, München 2007, 160 S. 14, 90 €

Robin Alexander: Familie für Einsteiger. Ein Überlebenshandbuch. Rowohlt Berlin, Berlin 2007, 207 S., 16, 90 €

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