"Verbrechen" : Der schmale Grat

Ferdinand von Schirach ist Strafverteidiger in Berlin. "Verbrechen" heißt sein rasantes literarisches Debüt.

Kai Müller
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Anwalt des Worts. Ferdinand von Schirach in seinem Lieblingscafé. -Foto: Mike Wolff

Als literarischer Held ist der Anwalt bislang reichlich kurz gekommen. Er macht ja auch wirklich wenig her neben den hartgesottenen Privatdetektiven, noch härteren Mordermittlern, Profilern und ganz harten Forensikern, die die Kriminalliteratur bevölkern. Was ist schon heroisch an einem Mann, der zur Verschwiegenheit verpflichtet ist, eine Aktentasche trägt und zum Rauchen vor die Tür geht? Wenn sein Telefon klingelt, ist das Spannendste immer schon passiert. Aber vielleicht sollten wir das Urteil revidieren.

„Der 26. November war ein kalter grauer Herbsttag. Es war früh dunkel geworden. Theresa hatte Kerzen auf den Tisch gestellt und schob Leonhard im Rollstuhl an seinen Platz.“ So schildert Ferdinand von Schirach in seinem Buch „Verbrechen“ jenen Abend, an dem eine junge Frau ihren seit einem Verkehrsunfall schwerstbehinderten Bruder mit einem Barbiturat vergiften wird. Wie alle Geschichten in dem Erzählungsband beruht auch diese auf einem wahren Fall, seinem Fall. Von Schirach ist Strafverteidiger. Er kennt die Details, Namen und Orte hat er aus Gründen der anwaltlichen Schweigepflicht verfremdet, nichts darf auf die reale Theresa hindeuten, die im Buch als Tochter eines reichen Bauunternehmers auftritt und mit ihrem Bruder Reißaus nimmt. Die Flucht endet an einer Bordsteinkante, die Leonhards Hirn zertrümmert. Als er seine Sprache zu verlieren droht, gibt sie auf. Sie legt sich mit ihm in die Wanne, wartet, bis er einschläft, und lässt ihn unter Wasser gleiten. „Es gab keinen Todeskampf“, schreibt von Schirach, „seine Lungen füllten sich mit Wasser, er ertrank. Sein Kopf lag zwischen ihren Beinen, er hatte die Augen geschlossen, und seine langen Haare trieben an der Oberfläche. Nach zwei Stunden stieg sie aus der kalten Wanne, legte ein Handtuch über ihren toten Bruder und rief mich an.“

So gern würde man an dieser Stelle glauben, dass alles wieder gut wird. Aber der Ich-Erzähler Ferdinand von Schirach ist kein Held. Er hat berühmte Leute wie SED-Politbüromitglied Günther Schabowski vertreten und einen BND-Spion. Mörder, Gewalttäter und verzweifelte Menschen sind sein Alltag. Vor Gericht ist er aggressiv, aber einen Porsche fährt er nicht. Auch zu teuren Manschettenknöpfen, edlen Einstecktüchern oder einer ausgefallenen Zigarettenmarke, die ihn über das Elend in seinen Akten hinwegtrösten könnten, greift er nicht. Im sommerlichen Anzug und schwarzen T-Shirt sitzt er vor seinem Stammlokal in Wilmersdorf und blickt sein Gegenüber aus geduldigen Augen an. Ein Leben auf Abruf. „Erst gestern Abend klingelte mein Telefon“, sagt er lächelnd, „weil die Schwester eines Mandanten sich vergiftet hatte. Er wusste nicht weiter und wollte jemanden verantwortlich machen für den Tod.“

Auch daraus besteht von Schirachs Job: reden, Leute von Dummheiten abhalten und ihnen den Eindruck geben, „dass alles ordentlich vonstattengeht“. Nicht gerade die Art von Arbeit, die einen zum Schriftsteller prädestiniert. Oder doch? „Der Beruf des Strafverteidigers führt am Ende der menschlichen Existenz entlang“, sagt von Schirach mit weicher, leiser Stimme und meint, „dass alles, was wir tun und für einen zivilisierten Umgang halten, auf einer sehr dünnen Eisschicht geschieht. Wir feiern Feste auf ihr, trampeln herum und geraten ins Schlittern, doch sie kann jederzeit brechen – und darunter ist es kalt und man stirbt schnell.“

Gelassen spricht er solche Sätze aus. Etwas Verschlossenes liegt in seinen Zügen. Diskretion mag eine Anwaltspflicht sein, ihm scheint sie auch eine Tugend. Dass von Schirach nun als Literat hervortritt mit einem ungemein fesselnden Buch über die menschlichen Abgründe, entspringt keiner besonderen Absicht. 700 bis 800 Verfahren hat der 45-Jährige geführt. Wenn er jedoch nach seinem Beruf gefragt wird, fallen ihm immer dieselben Geschichten ein. Er weiß Abendgesellschaften mit ihnen zu unterhalten. Aber es nagt da etwas, das der Prozessprofi nicht verwinden kann. „Die elf Geschichten waren in meinem Kopf vollkommen fertig. Ich habe sie runtergeschrieben.“

Da ist zum Beispiel Fähner, der freundliche 72-jährige Arzt, der seine Frau mit einer Axt erschlägt. Das Letzte, was sie zu ihm gesagt hatte, war, dass er schon wieder vergessen habe, das Fenster im Gästezimmer zu schließen, er sei einfach nur ein Idiot. Oder es gibt den mysteriösen Fall eines Profikillers, der nach getaner Arbeit in Notwehr zwei Nazischläger tötet. Eine japanische Teeschale zieht eine Spur des Todes durch die Berliner Halbwelt. Und ein Industrieller soll eine Prostituierte erschlagen haben.

„Verbrechen“ bezieht seine packende Wucht nicht aus dem Kitzel der Realität. Dem Buch, das auf Platz neun der „Spiegel“-Bestsellerliste rangiert, ist trotz verworrener Schuldfragen von bestechender Klarheit. Die sprachliche Eleganz ist gar nicht hoch genug zu loben, mit der hier Menschen und Orte getroffen und philosophische Fragen aufgeworfen werden. „Wenn man Dinge nicht klar ausdrücken kann, stimmen sie auch nicht. Alles Komplizierte hat irgendwo einen Fehler“, sagt von Schirach, ein bekennender Verächter des Juristendeutschs.

Aufgewachsen in großbürgerlichen Münchner Verhältnissen, wurde Ferdinand von Schirach mit zehn aufs Internat in den Schwarzwald geschickt. Im selben Jahr starb sein Großvater. Baldur von Schirach war „Reichsjugendführer“ und Gauleiter von Wien gewesen. Als solcher ließ er 180 000 österreichische Juden deportieren. In Nürnberg wurde er als Kriegsverbrecher verurteilt. Doch belastet den Enkel diese Verwandschaft nicht. „Ich mochte ihn als meinen Großvater“, sagt er. „Ein umgänglicher alter Mann.“ Als er die historische Bedeutung seines Ahnen kennenlernte, habe er sich mit dem Nationalsozialismus vermutlich eingehender befasst als andere, sagt Ferdinand, „aber mehr, als in den Geschichtsbüchern steht, weiß ich auch nicht“. Er würde es gerne halten wie die von Weizsäckers und Fragen familiärer Schuld mit sich allein ausmachen.

Er sieht es so: Schuld ist die Schattenseite der Freiheit, sie unterscheide den Menschen von anderen Lebewesen. Deshalb verteidigt er niemals die Tat, sondern immer nur den Menschen. „Ein wütender Polizeibeamter sagte bei einer Konferenz einmal, die Verteidiger seien doch immer nur Bremsen am Wagen der Gerechtigkeit, worauf ein Bundesrichter entgegnete, das sei richtig, aber was tauge ein Wagen ohne Bremsen“, so von Schirach. Und dann zitiert er die Bemerkung des jüdischen Staranwalts Max Alsberg, nach dem die Aufgabe des Verteidigers darin bestehe, „den zu schnellen Zugriff der Richter auf die Wahrheit zu verhindern“. Deshalb verschleiern Anwälte den Tathergang auch nicht, sie klopfen ihn lediglich auf eine alternative Sichtweise ab.

So mag ihm das Schreiben wie eine Befreiung vorgekommen sein. Losgelöst vom Verdikt der absoluten Parteinahme, kam er den Menschen, von denen er so viel wusste, näher, als er es sich während eines Prozesses erlauben würde. Nicht jeden Fall nimmt von Schirach übrigens an. Sobald Gewalt gegen Kinder und Frauen im Spiel ist, macht er nicht mit. Auch, wenn er überhaupt nichts bewirken kann, lehnt er ab. Er ist eben kein Held.

Ferdinand von Schirach: Verbrechen.

Stories. Piper Verlag, München 2009. 206 Seiten, 16,95 €

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