Verbrecher JAGD : Das Spiel mit der muslimischen Karte

Kolja Mensing schreibt im Tagesspiegel über Krimis. Diesmal folgt er der CIA nach Teheran und Taschkent.

Kolja Mensing

David Ignatius, das ist die Verkörperung des amerikanischen Qualitätsjournalismus. Seine Karriere begann in den siebziger Jahren beim „Wall Street Journal“, für das er als Korrespondent aus dem Libanon und dem Irak berichtete. 1986 kehrte er zurück in die USA und wechselte zur „Washington Post“. Heute ist er Mitherausgeber des Traditionsblattes und gilt als einer der einflussreichsten Kommentatoren des Landes. Anfang dieses Jahres machte der Nahostexperte dann selbst Schlagzeilen, als er als Moderator beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan bei einer Diskussion über den Gazakonflikt das Wort abschnitt und einen mittelschweren diplomatischen Zwischenfall auslöste.

David Ignatius hat ein Gespür für politische Dramatik. Das bezeugen auch seine Romane. Der Star-Kolumnist hat ein halbes Dutzend Spionagethriller verfasst, und spätestens, seitdem Ridley Scott „Der Mann, der niemals lebte“ mit Leonardo DiCaprio verfilmt hat, ist er in die Liga der Bestsellerautoren aufgestiegen. Jetzt erscheint „Der Einsatz“ (aus dem Amerikanischen von Tanja Handels und Thomas Merk. Rowohlt, Reinbek 2009, 667 Seiten, 9,95 €).

Die Handlung führt zurück in den Januar des Jahres 1979. Die junge Orientalistin Anna Barnes ist gerade erst von der CIA rekrutiert worden, doch es ist „kein allzu günstiger Zeitpunkt, um beim amerikanischen Geheimdienst anzufangen“. Der Schah ist aus dem Iran geflüchtet, und während Ayatollah Ruhollah Mussawi Hendi, genannt Khomeini, seine Rückkehr aus dem Exil vorbereitet, kommt es in Teheran zu den ersten anti-westlichen Ausschreitungen. Die „Freunde Amerikas“ werden „zusammengetrieben wie Schweine auf dem Schlachthof“, und im Hauptquartier der CIA herrscht Entsetzen: „Der amerikanische Einfluss in aller Welt begann zu bröckeln.“

Edward Stone, ein altgedienter Beamter aus dem Innendienst, nutzt die Panik für eine verdeckte Operation. Er will zeigen, dass sich die „muslimische Karte auch anders ausspielen lässt“, und gewinnt Anna Barnes und einen hemdsärmeligen Kollegen vom Außenposten in Istanbul für Aktionen in den islamischen Republiken im Süden der Sowjetunion. Sein Plan ist, den muslimischen Untergrund zwischen Baku und Taschkent mit Propagandamaterial und Sprengstoff zu beliefern. Stone will allerdings keine unterdrückten Völker befreien, sondern allein die Angst des Kremls vor einem Aufstand am Rand seines Imperiums schüren. „Ich erhöhe nur die Grundtemperatur“, erklärt er seinen beiden Mitstreitern bei einem konspirativen Treffen: „Um ehrlich zu sein, bin ich diesen Kalten Krieg schon lange leid.“

Es stellt sich heraus, dass Stone ohne Rückendeckung seiner Vorgesetzten arbeitet, und schließlich macht eine Kontrollkommission der Regierung seinem Alleingang ein Ende. Die verdeckte Operation ist gescheitert, doch das strategische Kalkül, das Stone entworfen hat, geht trotzdem auf. Das ist der Clou dieses bestechend realistischen Polit-Thrillers, der bis zuletzt den tatsächlichen Ereignissen von 1979 folgt.

Im Dezember jenes Jahres marschiert die Rote Armee in Afghanistan ein, und die Sowjetunion verwickelt sich in einen zermürbenden Krieg mit den Taliban, die von den USA mit Waffen versorgt werden. Heute wissen wird, dass damit der Niedergang der sowjetischen Weltmacht begann – aber wir wissen auch, dass der von den USA bereitwillig in Kauf genommene Prozess der Destabilisierung noch lange nicht zu Ende ist. Ehemalige Sowjetrepubliken wie Georgien werden zu brandgefährliche Konfliktschauplätzen, in Tschetschenien tobt ein inoffizieller Krieg, und Afghanistan hat sich nach dem 11. September 2001 vom Basislager des islamistischen und antiamerikanischen Terrors in ein schwelendes Trümmerfeld verwandelt.

„Das Netzwerk“ ist in den USA bereits 1991 erschienen, doch eigentlich ist erst jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, um dieses Buch zu lesen: Die Grundtemperatur ist in Zentralasien noch einmal kräftig angestiegen. Der nächste Thriller des beängstigend hellsichtigen Autors David Ignatius ist schon angekündigt: „Der Einsatz“. Es geht darin um den Iran.

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