Verbrecher JAGD : Höllenhunde der Bürokratie

Kolja Mensing erkundet das Grenzland von Horror, Krimi und Science-Fiction

Kolja Mensing

John Meaney streift seit Jahren durch das dunkle Grenzland zwischen Gothic, Horror und Science-Fiction und sucht dort nach dem ultimativ Bösen. Mit seinem Roman „Tristopolis“ (Aus dem Englischen von Peter Robert. Heyne, München 2007. 508 S., 8,95 €) wagt er sich nun auch auf das Gebiet der Kriminalliteratur. Es ist das Jahre 6604. Lieutenant Donal Riordan arbeitet im 186. Stock des Polizeipräsidiums von Tristopolis, einer Großstadt, deren Lebensgrundlage die Überreste Verstorbener sind. In unterirdischen „Nekrofusionsmeilern“ werden die Knochen der Toten in Energie umgewandelt. Die vergleichsweise friedliche Nutzung des „Nekrofluxes“ hat allerdings auch ihre Schattenseiten. In Tristopolis kommt es zu einer Reihe von Morden an Künstlern. Knochen ist eben nicht gleich Knochen. Für die Gebeine von Schriftstellern, Musikern und Malern werden auf dem Schwarzmarkt hohe Preise gezahlt: Ihr geniegetränkter Nekroflux hat die Wirkung bewusstseinsverändernder Drogen. Hinter dem Handel mit der toten Materie steckt ein mächtiges Kartell, dessen Einfluss bis in die politische Führungsschicht der Stadt reicht.

Das Faszinierende an „Tristopolis“ ist allerdings nicht die Verschwörungsgeschichte, sondern John Meaneys nekrophile Liebe zum Detail. „Thanatos!“ und „Hades!“ sind die beliebtesten Flüche in der Stadt, im Keller des Polizeipräsidiums arbeiten „forensische Seher“, während flirrende Geister in den Archiven fahl schimmernde Pergamente bewachen – und die sexy Leiterin von Riordans Sonderkommando nach dem Sex mit ihrem Untergebenen sich selbst als Untote outet. „Du bist so warm“, sagt sie, während er seine Hand über ihre „kalte Brust“ gleiten lässt. Wie dem auch sei: Wer mit den Haut-und-Knochen-Krimis von Kathy Reichs und ihren Pathologie-Kolleginnen durch ist, sollte John Meaney eine Chance geben.

Auch Charles Stross schert sich nicht um die Demarkationslinie zwischen den Genres. Der etablierte Sci-Fi-Autor hat gerade mit „Dämonentor“ (Aus dem Englischen von Mechthild Barth, Heyne, München 2007, 398 S., 8,95 €) eine neue Reihe eröffnet. Eine Spezialabteilung des britischen Geheimdienstes macht Jagd auf dunkle Mächte. Das klingt nach „Akte X“, auch wenn Stross sich von dieser Form der „esoterisch angehauchte Panikmache“ vorsichtig distanziert: „Es verbergen sich sicher keine Außerirdischen im Kühlraum der Army Airforce Base in Roswell“, aber „die Welt ist trotzdem voller Spione, die in dein Fenster einsteigen und deine Festplatte zerstören, falls du das falsche mathematische Theorem entdeckst.“ Genau so ein Spion ist Bob Howe. Gerade erst hat er erfolgreich verhindert, dass ein verantwortungsloser Wissenschaftler seinen „Beweis für die Polynom-Ganzheitheit bei Hamiltonischen Netzwerken“ veröffentlicht und damit den Mächten des Bösen die theoretischen Grundlagen an die Hand gibt, um eine Pforte in ein anderes Universum zu öffnen. Im 21. Jahrhundert – „Dämonentor“ spielt in der Gegenwart! – haben also auch Luzifer und Co. gelernt, mit Quantenmechanik und höherer Mathematik umzugehen. So hetzt Bob Howe von Einsatz zu Einsatz, und Stross bastelt nebenher an einer fulminanten „grand theory“, die schwarze Magie und Naturwissenschaft in Einklang bringt. Mandelbrot-Mengen treffen auf Zauberformeln, Hochleistungslaser projizieren Pentagramme, und ein Stück Holz von einem Galgen lässt in Kombination mit einer Hightechapparatur SS-Zombies und anderes Getier in Erscheinung treten.

„Dämonentor“ ist ein echter Ausnahmetitel unter den zahllosen Paperbacks, die Monat für Monat die SF- und Horrorregale der Bahnhofsbuchhandlungen überschwemmen: intelligent, böse, und stellenweise sogar komisch. Die heftigsten Kämpfe liefert Bob Howe sich nämlich nicht mit den Angehörigen von Nazizirkeln, die mithilfe okkulter Praktiken einen neuen Weltenbrand auslösen wollen, sondern mit seinen Vorgesetzten. Wenn seine Chefin ihn einbestellt, um seine Spesenabrechnung mit ihm durchzugehen, nützt ihm auch sein thaumaturgisches Waffenarsenal nichts mehr. Die Höllenhunde der Bürokratie sind unverwundbar. Nachschlagen bei Kafka, weiterlesen bei Charles Stross. Jetzt!

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