Verbrecher JAGD : Kannibalen und Würger

Kolja Mensing findet in Russland die allerhärtesten Serienmörder

Kolja Mensing

Mehr als zwanzig Frauen hat der „Killer von Moskau“ in den vergangenen Monaten bestialisch ermordet. Die russische Boulevardpresse berichtet, aber auch die bislang eher mäßig erfolgreiche Netzzeitung vecher.ru ist auf den Zug aufgesprungen und hat sich innerhalb der Internet-Community einen Namen mit zum Teil recht überraschenden Hintergrundinformationen gemacht. Obwohl die Amerikaner gerne behaupteten, dass „drei Viertel aller Serienmörder aus ihrem Land kommen“, erklärt zum Beispiel einer der selbsternannten Experten für rituelle Schlachtungen mit leisem Stolz im Interview, könne auch Russland mit einer stattlichen Anzahl von pathologischen Fällen aufwarten. Die Reihe der prominenten Gewalttäter reicht vom „Kannibalen aus Nowkusnetsk“ über Golowkin, den „Würger der Vorstädte“, und den „für seine triebhaften Morde berüchtigten Pionierführer Anatoli Sliwko“ bis hin zu Wladimir Ionessjan, genannt „Mosgas“, der sich als Angestellter der Moskauer Gaswerke ausgab, um sich Zutritt zu den Wohnungen seiner Opfer zu verschaffen. Wer hätte das gedacht?

Gnadenlos zitiert der 1966 geborene Schriftsteller Sergej Kusnezow in seinem Roman „Die Hülle des Schmetterlings“ (Aus dem Russischen von David Drevs. Heyne, München 2007, 429 Seiten, 8,95 €) solche true-crime-Fakten und anderes Nerdwissen – und erzählt gleichzeitig eine zunächst fast alltägliche Geschichte aus dem Moskau der Gegenwart. Xenia, die als Chefredakteurin von vecher.ru für die Berichterstattung über den Mörder verantwortlich zeichnet, ist der Prototyp einer jungen, erfolgreichen Russin zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Ihre Wohnungseinrichtung stammt von Ikea, sie trinkt hochpreisigen Latte Macchiato im „Kofe-In“, der russischen Variante von „Starbucks“, und in der Playlist ihres MP3-Spielers steht die neue CD von Gotan Projekt ganz oben. Alles ist „wie im Westen“, nur dass beim Smalltalk mit Freunden und Kollegen das Gespräch gelegentlich auf den korrupten Unternehmer und Putin-Gegenspieler Beresowski kommt, auf die Bombenanschläge der Separatisten aus dem Kaukasus und das brutale Vorgehen des Geheimdienstes FSB und seiner Folterknechte.

Russland ist ein Land im Krieg, auch wenn die gleichgeschalteten Medien gerne eine anderes Bild vermitteln würden. In Moskau zumindest drängt sich angesichts der zahllosen Minenopfer und verstümmelten Soldaten vor den Eingängen der Metro schnell der Gedanke auf, in einer Welt zu leben, „in der der Tod unausweichlich ist und das Leid alltäglich“. Und darum geht es in diesem verblüffend komplexen Thriller im Taschenbuchformat: Nach und nach begreift Xenia, dass der namenlose Serienkiller, der sich auf den knapp 500 Seiten dieses Romans immer wieder mit durchgeknallten essayistischen Betrachtungen über die Theorie und Praxis des Tötens zu Wort meldet, nur das Symptom einer kranken Gesellschaft ist. Während er Frauen mit einer Lötlampe zu Tode quält, denkt er an die tschetschenischen Selbstmordattentäter, die sich in Russland inmitten einer feiernden Menschenmenge in die Luft jagen, wenn er sein Skalpell zückt, träumt er davon, die Haut seiner Opfer zu zerteilen „wie einen Vorhang aus Falschheit und Lüge“ und so den tiefen Schmerz der Menschen unter der vermeintlich heilen Oberflächen bloßzulegen.

Zuletzt kommt Xenia, die einen Hang zu SM-Praktiken hat und sich morgens gelegentlich mit „schmerzenden Brustwarzen und frischen Schnittwunden an den Hüften“ zur Arbeit schleppt, dem „Killer von Moskau“ in einem sexuell expliziten Chat im Internet gefährlich nahe. Mit diesem schmerzverliebten Flirt zwischen dem sadistischen Serial Killer und der masochistischen Journalistin schrammt Sergej Kusnezow dicht am Trash vorbei, doch das ist nicht weiter schlimm. Sein Kollege Sergej Lukianenko hatte mit seiner hinreißenden Vampir- und Horror-Trilogie über die „Wächter der Nacht“ und den Kampf der Untoten auf den Straßen von Moskau in den letzten Jahren bereits bewiesen, dass Russland derzeit eindeutig ein Fall für die entlegeneren Winkel der Genreliteratur ist. Nennen wir es: eine strategische Partnerschaft.

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