Verbrecher JAGD : Nützliche Delinquenten

Kolja Mensing inspiziert das französische Rechtssystem - mit Hilfe des Kriminalromans "Der Lumpenadvokat" von Hannelore Cayre.

Kolja Mensing

Rechtsanwalt Christophe Leibowitz ist am Nullpunkt seiner Karriere angekommen. Er sitzt in Fresnes, dem zweitgrößten Gefängnis Frankreichs, und teilt sich eine Zelle mit einem Albaner, der bis vor kurzem als Schläger für einen Zuhälter gearbeitet hat. Beim Hofgang trifft er auf ehemalige Klienten, die ihm aufmunternd auf die Schulter klopfen, während seine Berufskollegen geschäftig durch die Flure des Gefängnisses eilen und ihm schadenfreudig dazu gratulieren, sich vom gesichtslosen Pflichtverteidiger zum „Marc Dutroux der Pariser Anwaltskammer“ gewandelt zu haben.

„Der Lumpenadvokat“ heißt dieser Kriminalroman von Hannelore Cayre (aus dem Französischen von Stefan Linster. Unionsverlag, Zürich 2008, 154 S., 12,90 €). Nach und nach lässt die französische Schriftstellerin ihren juristisch vorgebildeten Untersuchungshäftling in seiner Zelle eine haarsträubende, teils recht amüsante Geschichte erzählen. Leibowitz, das versteht man schnell, hatte vor seiner Inhaftierung keine Ambitionen. Die meiste Zeit stand er als Pflichtverteidiger für 300 Euro am Tag Prostituierten und rückfälligen Sprayern zur Seite. Außerdem hatte er sich eine fragwürdige Marktlücke gesucht. Leibowitz war, wie er stolz erklärt, einer der ersten Anwälte, die „in Russe, Lette und Albaner machten“ und gegen Bargeld osteuropäische Zuhälter und Dealer verteidigte, die ihn dann an ihre tendenziell kriminellen Brüder und Vettern weiterempfahlen.

Skrupel kannte der Lumpenanwalt keine. So beteiligte er sich für ein hohes Honorar an dem abgekarteten Spiel seines Kollegen Lakbar, eines High-Society-Strafrechtlers, der ganze Drogenkartelle mit einem Team vermeintlich „unabhängiger Anwälte“ dem Zugriff der Justiz entzog. Lakbar macht ihm nun ein Angebot: zwei Millionen Euro dafür, dass Leibowitz bei einem Termin im Gefängnis mit einem notorischen Schwerverbrecher die Kleidung tauscht und sich statt seiner zurück in die Zelle führen lässt, während sein Mandant mit dem Besucherschein das Gebäude verlässt. Er selbst werde höchstens ein paar Tage hinter Gittern verbringen, tröstet ihn Lakbar: „Brauchst nur zu sagen, man hätte dich bedroht.“ Ganz so glatt läuft es leider nicht.

In diesem Roman wird auf jeden Fall kein großer Unterschied gemacht zwischen Anwälten und bekennenden Kriminellen. Diese Einsicht beruht auf Erfahrung. Hannelore Cayre arbeitet als Strafrechtlerin in Paris und schildert in ihrem Roman unverschämt detailliert die illegalen Praktiken ihres Berufsstandes. Sie nennt auch die Preise. 2000 Euro kostet es, einen Untersuchungsrichter zu bestechen, 3000 Euro, ein Rechtshilfeersuchen nach eigenen Wünschen zu gestalten, für 5000 Euro wird ein Haftbefehl nicht verlängert. Natürlich behält der Verteidiger den größten Teil dieser Bestechungssummen für sich.

Doch hier geht es nicht allein um korrupte Anwälte. Am Rand der zynischen Lebensbeichte von Christophe Leibowitz wirft Cayre einen Blick auf die krasse Realität der französischen Justiz, die sich mithilfe von Schnellverfahren zu einer Abstrafungsmaschine für Randgruppen entwickelt hat. In einem straff organisierten System von Vorverfahren und Bereitschaftsrichtern werden Arme und Alte, Einwanderer und Junkies ins Gefängnis gesteckt, wo sie bei 400 Gramm Brotration am Tag verprügelt werden – um ein paar Wochen nach ihrer Entlassung in einem Fünf-Minuten-Termin gleich das nächste Mal verurteilt zu werden.

Der Effekt bleibt nicht aus. Lautstark fordern Politiker schärfere Gesetze und eine härtere Gangart der Polizei, während sie auf die eindrucksvollen Zahlen der verwaltungstechnisch hochgetriebenen Verbrechensstatistik verweisen. „Nützliche Delinquenz“ hat Michel Foucault das genannt. Der französische Philosoph und Historiker entwickelte diesen Begriff anhand einer Untersuchung des Strafvollzugs im 18. Jahrhundert. Seitdem hat sich nicht viel verändert in Frankreich. Auch die derzeit gültige Anstaltsordnung von Fresnes ist schon über 200 Jahre alt.

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