Verbrecher JAGD : Nur die Toten bleiben übrig

Kolja Mensing

Der „roman noir“ ist eine entschieden politische Spielart des französischen Kriminalromans. In Deutschland ist sie durch Autoren wie Jean-Patrick Manchette und Didier Daeninckx bekannt geworden. Auch Jean-François Vilar gehört zu ihren Vertretern, und jetzt liegt endlich die Übersetzung von Vilars wichtigstem Roman vor: „Die Verschwundenen“ (Aus dem Französischen von Andrea Stephani und Barbara Heber-Schärer. Assoziation A, Berlin, Hamburg 2008. 464 S., 24 €).

Der Fotograf Victor Blainville ist während einer Reise nach Südamerika mit einem anderen französischen Touristen in die Hände von Guerillas gefallen. Nach drei Jahren kommen sie überraschend frei. Victor – keine Freunde, keine Familie – kehrt heim nach Paris und erfährt erst am Abend des nächsten Tages, warum der befürchtete Medienrummel nach der Rückkehr der Geiseln ausgeblieben ist. Ganz Frankreich schaut nach Berlin. Soeben ist die Mauer gefallen.

Kein Grund zum Jubeln. In diesem Roman ist der 9. November 1989 der Ausgangspunkt einer Reihe bedrohlicher Ereignisse. Während die gespenstischen Bilder von der Öffnung der Grenze über die Bildschirme flimmern und Kommentatoren „historische Augenblicke“ beschwören, erreicht Victor eine geheimnisvolle Nachricht von Alex – seinem ehemaligen Mitgefangenen, der kurz darauf ums Leben kommt. Victor stellt Nachforschungen an und stößt auf das Tagebuch von Alex’ Vater Alfred Katz, einem Dichter, der 1938 in die Fänge des russischen Geheimdienstes geraten war. Damit wird es unübersichtlich: Die Fernsehbilder vom Ende des Sozialismus schieben sich vor die Berichte über den stalinistischen Terror der Vorkriegszeit, und anstatt in den Alltag zurückzufinden, verstrickt sich Victor nach seiner Befreiung in ein Netz aus Paranoia und zeitgeschichtlichem Beziehungswahn. „Alles passte, wenn man sich nur dafür entschied.“

„Die Verschwundenen“ ist eine wilde Mischung aus Politthriller und halluzinierendem Historiendrama. Die Geschichte, die Victor anhand der Tagebucheinträge aus dem Jahr 1938 rekonstruiert, folgt jedoch recht genau den blutigen Fakten der Geschichte. Der fiktive Dichter Katz gehört zu den real existierenden Anhängern Trotzkis, die Stalin systematisch ermorden ließ. Wie im Rausch macht Victor sich auf die Suche nach den Spuren von Katz und stößt überall in Paris auf Wiedergänger: auf den Juden Herschel Grünspan, der im November 1938 ein Attentat auf den deutschen Botschafter verübte und damit den Anlass für die „Reichskristallnacht“ lieferte, auf die Surrealisten rund um André Breton, die bei der allgemeinen Mobilmachung als Erste zu den Waffen eilten, und natürlich auf das „Häuflein liquidierter Aktivisten“, die Trotzki „bedingungslose Solidarität“ geschworen hatten und dafür in den Tod gegangen sind. Nicht wenige von ihnen durch Verrat aus den eigenen Reihen: Auch die Trotzkisten haben Blut an den Händen.

Damit wird es persönlich. Bevor der 1949 geborene Jean-François Vilar Schriftsteller wurde, hatte er in den siebziger Jahren als Redakteur für „Rouge“ gearbeitet, die Wochenzeitschrift der französischen Trotzkisten. Seinem Protagonisten Victor hat er für „Die Verschwundenen“ jetzt seinen eigenen Lebenslauf verpasst, von der Politisierung im Mai 68 über die Phase des „militanten politischen Radikalismus“ bis zum stillen Rückzug in die Kulturproduktion. Das hier ist die Geschichte des Autors und die Geschichte einer ganzen Generation: Vilar stellt Ermittlungen in eigener Sache an und führt schonungslos vor, wie eine linke Normalbiografie mit dem Mauerfall an ihr Ende kommt, zusammen mit ihren Illusionen, falschen Frontstellungen und hartnäckigen Verschwörungstheorien.

Vom 20. Jahrhundert bleiben nur die Toten. Von ihnen erzählt dieser Kriminalroman, der auf seinen knapp 500 Seiten die Grenzen des Genres weit hinter sich lässt. Victor wird nie erfahren, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen der Entführung, dem Tod von Alex und dem Verschwinden seines Vaters. Stattdessen ist er einigen der blutigen Fußspuren gefolgt, die sich durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts ziehen. Und er ist sich selbst dabei gefährlich nahe gekommen.

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