Verbrecher JAGD : Tannöd ist kein Einzelfall

Kolja Mensing begibt sich in die finsterste Provinz

Kolja Mensing

Vermutlich haben die Plagiatsvorwürfe die Verkäufe sogar noch einmal angeheizt. Andrea Maria Schenkels „Tannöd“ hält sich seit Monaten auf Platz eins der Bestsellerlisten und ist zudem bis hin zum „Glauser“ mit allen einschlägigen Krimi-Preisen ausgezeichnet worden. Die Geschichte eines kaltblütigen Mordes in einem bayerischen Dorf hatte einen Nerv getroffen – und gezeigt, dass neben den folkloristisch gefärbten Regionalkrimis aus der Jacques-Berndorf-Schule auf dem deutschsprachigen Markt auch Platz für ernsthafte Verbrechen aus der Provinz ist. Gar nicht schlecht ist Anke Geberts Roman „Das Treiben“ (S. Fischer, Frankfurt/Main 2007. 175 Seiten, 8,95 €). Nora kehrt aus Hamburg zurück nach Wolfshagen, einem „Rattenloch“ irgendwo in Norddeutschland, in dem ihr Vater zwölf Jahre zuvor ihre Mutter erschlagen haben soll. Nora, die damals noch ein Kind war, ist fest davon überzeugt, dass ihr Vater unschuldig ist. Wie eine Wiedergängerin aus dem Reich der Toten taucht die gut aussehende junge Frau jetzt im Kleid ihrer Mutter zwischen den verklinkerten Häusern und Jägerzäunen auf und beginnt einen gefährlichen und egoistischen Flirt mit der Vergangenheit. Sympathisch ist Nora nicht, und das Interessanteste an diesem Roman ist, wie Anke Gebert sich durch eine fast herzlose Sprache von ihrer Hauptfigur distanziert. Genau wie die verschworene Dorfgemeinschaft mit einer Mauer aus Lügen und Falschaussagen die Ereignisse im „Mörderhaus“ auf Abstand hält.

Doch Wahrheiten lassen sich nicht einfach „ans Licht bringen“, vor allem, wenn sie lange genug unter der Erde geruht haben. In Rainer Gross’ Roman „Grafeneck“ (Pendragon, Bielefeld 2007. 191 S., 9,90 €) stößt der verschrobene Grundschullehrer und Höhlenforscher Hermann Mauser in einer unterirdischen Lehmkammer in der Schwäbischen Alb auf die mumifizierte Leiche eines Mannes. Er hat eine Schusswunde im Gesicht und trägt einen schwarzen Sonntagsanzug. Ein Etikett in der Kleidung verrät, dass der Unbekannte kurz vor dem Zweiten Weltkrieg umgekommen ist. Als ein aus der nächsten Stadt angereister Kommissar anfängt, in Mausers Dorf Fragen über die dreißiger Jahre zu stellen, bekommt er zunächst den erfreulichen Teil der Geschichte zu hören. Damals, als „der ganze Spuk begann“, habe es in ihrem Ort keine Nazis gegeben. Ganz im Gegenteil, als die SA die Juden abholen wollte, habe sich ihnen sogar ein Polizist in den Weg gestellt.

Eine heldenhafte Vergangenheit hat das Dorf in der Schwäbischen Alb also, und niemand will sie sich durch einen über sechzig Jahre alten Mordfall nehmen lassen. Doch der mutige Polizist von damals ist der Vater von Hermann Mauser. Als der eigensinnige Dorfschullehrer in der Nähe des Fundorts der Leiche eine Patronenhülse findet, die zu der Pistole passt, die sein Vater ihm vererbt hat, beginnt er damit, auf eigene Faust „herauszufinden, was die Zeit verschlüsselt hinterlegt hat“. Der erste Anhaltspunkt ist ein weißes Kreidekreuz, das der Tote in der Höhle auf dem Rücken hat – das gleiche Kreuz, mit dem die Ärzte des nah gelegenen Krankenhauses Grafeneck während der Nazi-Zeit die Behinderten markierten, bevor sie sie in die Euthanasieprogramme schickten.

Immer weiter gräbt Mauser sich durch die „Schichtenlagen“ der Vergangenheit, um herauszufinden, auf welcher Seite der unbekannte Tote in der Höhle stand. Und auf welcher sein Vater. Doch „manchmal ist es nicht so leicht, Opfer und Täter auseinanderzuhalten.“

„Grafeneck“ ist ein dunkler Heimatroman. Ähnlich wie Andrea Schenkel in „Tannöd“ beschwört Rainer Gross in seinem melancholischen Debüt das Bild einer Landschaft, in der die Gespenster der Vergangenheit aus unterirdischen Höhlen heraus ihre hageren Finger nach den Lebenden ausstrecken. Man wird in diesen Krimis noch ein letztes Mal das vor allem in Westdeutschland verbreitete Ressentiment gegenüber der Provinz als finsterem Rückzugsort der Reaktion erkennen. Die Provinz von morgen entsteht dagegen derzeit im Osten des Landes, rund um die aufgegebenen Dörfer und Kleinstädte von Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Hier werden nicht einmal mehr Geister ihren festen Wohnsitz behalten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben