Verbrecherjagd : Bis der Rücken knackt

Kolja Mensing lernt die dänische Unterschicht kennen. Es geschehen so einige Verbrechen in diesem Roman, Zigarettenschmuggel, Hehlerei, Diebstahl, Totschlag. Trotzdem ist Jonas T. Bengtssons „Submarino“ (Aus dem Dänischen von Günther Frauenlob. Tropen Verlag, Stuttgart 2009. 383 S., 19,90 €) zunächst kein Krimi, sondern eine Milieustudie aus dem beschädigten Alltag am Rand einer europäischen Großstadt.

Kolja Mensing

Nick hat achtzehn Monate wegen schwerer Körperverletzung im Gefängnis verbracht. Jetzt ist er wieder draußen. Das Sozialamt hat ihm ein Zimmer in einem Wohnheim in Bispebjerg besorgt, einem heruntergekommen Bezirk im Norden von Kopenhagen. Es ist eine „Bleibe für alle, die sonst nirgendwo hinkönnen“, mit fleckigen Tapeten und dünnen Wänden. Draußen stehen junge Männer in Trainingsanzügen an den Häuserecken, eine Handvoll Säufer umlagert einen Kiosk, müde Frauen und Drogensüchtige schleppen sich über die Straße, und ein Verrückter mit Leopardenleggins schiebt einen Kinderwagen voller Müll vor sich her: „Keiner von uns ist harmlos. Einige haben nur nicht mehr die Chance, anderen zu schaden.“

Es geschehen so einige Verbrechen in diesem Roman, Zigarettenschmuggel, Hehlerei, Diebstahl, Totschlag. Trotzdem ist Jonas T. Bengtssons „Submarino“ (Aus dem Dänischen von Günther Frauenlob. Tropen Verlag, Stuttgart 2009. 383 S., 19,90 €) zunächst kein Krimi, sondern eine Milieustudie aus dem beschädigten Alltag am Rand einer europäischen Großstadt. Nick setzt auf Routine, um den Tag zu überstehen. Er steht früh auf, packt seine Sporttasche und macht sich auf dem Weg zu dem schäbigen Fitnesscenter, in dem er trainiert. Mit ein paar abgewrackten Bodybuildern stemmt er Gewichte, bis der „Rücken knackt und der Kopf zerspringt“. Abends holt er sich aus dem Supermarkt ein paar Bier und eine Flasche Wodka, um sich in seinem Zimmer bis zur Bewusstlosigkeit zu betrinken. Erinnerungen, die ihn im Halbschlaf überfallen, kann Nick nicht gebrauchen.

Wenn ihn die Geister der Vergangenheit doch einmal zu fassen kriegen, zerren sie ihn bedrohlich nahe an den Abgrund. Da ist die Kindheit im Heim und eine reumütige Mutter, die ihren Sohn irgendwann wieder zurück zu sich nach Hause holt, nur um kurz darauf in einen Nebel aus Alkohol, Tabletten und billig verkauftem Sex zu verschwinden. Das ist die raue, scharfkantige Seite der Wirklichkeit: Während der Mainstream des skandinavischen Kriminalromans unter „Gesellschaftskritik“ in erster Linie die Selbstzweifel eines mit Luxus-Problemen belasteten höheren Ermittlungsbeamten versteht, sucht der Däne Jonas T. Bengtsson, Jahrgang 1976, seinen Stoff tatsächlich ganz unten. Genau wie in seinem Debüt, der Teenager-und-Migranten-Tragödie „Aminas Briefe“, schneidet er in „Submarino“ grob gepixelte Großstadtbilder mit den Fragmenten eines gescheiterten Lebens zu einem abendfüllenden Unterschichts-Drama zusammen.

Die Geschichte von Nick ist nur die eine Hälfte des Romans. In der anderen erzählt Bengtsson aus der Sicht von Nicks Bruder, einem Junkie, der es beinahe geschafft hätte. Seine Freundin und er haben mit dem Heroin aufgehört und ein Kind bekommen. Dann stirbt die Freundin bei einem Unfall, und Nicks Bruder fängt wieder an zu drücken, immer nur so viel, dass sie im Kindergarten nichts merken, wenn er seinen fünf Jahre alten Sohn abholt. Auf dem Weg nach Hause kauft er das nächste Tütchen – „Papa muss nur kurz einen Freund besuchen“ – und zu Hause schließt er sich im Bad ein. Vorher hat er seinem Sohn noch den Fernseher angemacht, denn manchmal dauert es ein paar Stunden, bis er wieder ganz da ist. Nimm die allerkaputtesten Stellen aus Irvine Welshs Roman „Trainspotting“, multipliziere sie mit 1000, und du bist nicht einmal nahe dran.

Das Ende dieses Roman ist hart und tut weh. Nick will alles richtig machen, stattdessen findet er sich schließlich in einem der Zimmer seiner Pension neben der Leiche einer Frau wieder, die er wahrscheinlich sogar geliebt hat. Er landet wieder im Gefängnis, genau wie sein Bruder, der angefangen hatte, im größeren Stil zu dealen, um seinem Sohn so etwas wie eine Zukunft zu ermöglichen.

Nach ein paar Wochen in der Zelle bringt er sich um, indem er seinen Kopf in eine dreckige Kloschüssel voller Wasser steckt. „submarino“ ist das spanische Wort für die auch als „waterboarding“ bekannte Foltermethode, bei der dem Opfer mit dem Tod durch Ertrinken gedroht wird. Es ist wohl der Lebenswille, der einen Menschen dazu bringt, in so einer Situation ein Geständnis abzulegen. Aber wozu leben?

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