Verbrecherjagd : Der Kapitalismus frisst sich selbst

Kolja Mensing hat die Thriller zur Finanzkrise gelesen und stellt fest: Die aktuelle Misere des Kapitalismus hat Unterhaltungswert.

Kolja Mensing

Die Tragödie nimmt ihren Lauf. Kurse taumeln, Imperien stürzen, gefeuerte Banker wanken aus ihren Büros und brechen in Tränen aus. Der Ökonom Joseph Alois Schumpeter hat den dramatischen Konflikt, der der Krise am Finanzmarkt zugrunde liegt, bereits vor sechzig Jahren eindringlich beschrieben: „Dem kapitalistischen System wohnt ein Hang zur Selbstzerstörung inne.“

Diesen Satz hat Mark T. Sullivan als Motto für „Limit“ gewählt, seinen High-Speed-Thriller aus der Welt des grenzenlosen Turbokapitalismus (Aus dem Amerikanischen von Irmengard Gabler. Fischer, Frankfurt/Main 2008. 443 S., 9,95 €). Schauplatz des Romans ist der Jefferson Club, ein Luxus-Erholungsgebiet in den Bergen von Montana. Zum Jahreswechsel treffen sich hier regelmäßig die „Superreichen und Mächtigen“ des internationalen Finanzbetriebs, um sich bei Champagner und Krebsfleisch-Canapés auf das Börsenjahr einzustimmen.

Diesmal wird die Feier gestört. Kurz vor Mitternacht stürmen maskierte Söldner den Saal. Eine Organisation namens „Dritte Front“ erklärt die „lausigen Kapitalistenschweine“ zu Gefangenen im Krieg gegen die Konzerne. In den nächsten Tagen machen die Terroristen kurzen Prozess mit den Bankenchefs, Großanlegern und Lobbyisten. Einer nach dem anderen wird zum Tode verurteilt, und die selbsternannten Scharfrichter sorgen dafür, dass die grausamen Bilder von den Hinrichtungen über das Internet in die ganze Welt versandt werden. Die Börsen brechen ein, und der Verdacht kommt auf, dass hinter dem Coup keine militanten Globalisierungsgegner stecken, sondern kriminelle Investoren, die mit „Put-Optionen“ und „erhöhten Cashquoten“ auf fallende Kurse gesetzt haben und dafür über Leichen gehen.

Mark T. Sullivan ist ein Profi. Er hat für „Limit“ ausführlich recherchiert, er macht von der ersten Seite an gnadenlos Tempo, und er sorgt mit einem Flirt zwischen dem Sicherheitschef des Jefferson Clubs und einer „intelligenten und taffen“ FBI-Agentin routiniert für den nötigen Sex-Appeal. Vor allem jedoch spielt er souverän mit den Ressentiments gegenüber dem großen Geld. Empörte Kritik an verantwortungslosen Spekulanten steht derzeit ja so hoch im Kurs, dass der makabre Gedanke einer vermeintlich „gerechten Strafe“ etwas Verführerisches hat. Davon gehen offensichtlich auch die Marketing-Experten des Verlags aus: „Reich, gewissenlos, tot“ lautet der Slogan, mit dem die deutsche Übersetzung auf dem Umschlag beworben wird.

Sullivan ist nicht allein. Sein Kollege Joseph Finder setzt ebenfalls auf das Unbehagen angesichts der rasant steigenden Renditen. Er hat ein ganz ähnliches Szenario gewählt. In „Nightmare“ (Aus dem Amerikanischen von Christina Roth-Drabusenigg, Aufbau, Berlin 2008. 410 S., 12,95 €) checkt das Führungspersonal eines aufstrebenden Flugzeugherstellers für eine Klausurtagung in einem entlegenen Luxushotel in der kanadischen Wildnis ein – und wird dort von einer Gruppe bewaffneter Gangster in Geiselhaft genommen. Bei den Angreifern handelt es sich auf keinen Fall um Globalisierungsgegner. Ziel des Überfalls sind ausschließlich die gut gefüllten Firmenkonten: „Glauben Sie, Sie können eine Million lockermachen?“

Soviel zur Bedrohung von außen. Doch auch Joseph Finder schürt mit seinem solide durchgearbeiteten Action-Thriller den Verdacht, dass das kapitalistische System frei nach Schumpeters pessimistischer Prognose von innen her zerfressen wird. Nach und nach erfährt man, dass die Manager des Industriekonzerns, die jetzt im Speisesaal des Hotels neben einem überladenen Büffet um ihr Leben bangen, in den vergangenen Jahren eine „aggressive Erfolgspolitik“ verfolgt und dabei eine „Gewinnen-um-jeden-Preis-Kultur“ geschaffen haben, die zur „ethischen Verrohung“ ihres Unternehmens und des Marktes beigetragen hat.

Das klingt vertraut. Diese Formulierungen finden sich zur Zeit in fast jedem Seite-Eins-Kommentar zum Bankensterben. Dass sie sich darüber hinaus nahtlos in die spannungsgeladene Dramaturgie eines potenziellen Bestsellers einfügen, zeigt vor allem eins: Die aktuelle Krise des Kapitalismus hat Unterhaltungswert. Hoffentlich lässt der endgültige Zusammenbruch noch etwas auf sich warten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben