Verbrecherjagd : Lex Dux

Kolja Mensing über einen kleinen neapolitanischen Führer.

Kolja Mensing

Vorsicht, das tut weh: Im Mittelpunkt von Angelo Petrellas Thriller „Nazi Paradise“ (Aus dem Italienischen von Bettina Müller Renzoni. Pulp Master, Berlin 2009, 115 Seiten, 12,80 €) steht ein rechtsradikaler Skinhead aus Neapel. Seine Wochenenden verbringt er mit einer Horde gewaltbereiter Freunde im Stadion San Paolo, um anschließend mit einem fröhlichen „Sieg Heil“ auf den Lippen „standardmäßig“ auf „Nigger“ und „Schwuchteln“ einzuprügeln. Ansonsten amüsiert er sich bei illegalen Hundekämpfen oder diskutiert im Vereinsheim der Skin Front Neapel mit seinen Kameraden bei ein paar Bierchen über Politik, also über Mussolini, Hitler, und den „Intellektuellen“ Goebbels.

Klingt vielleicht merkwürdig, aber dieses Buch ist zunächst einmal ziemlich komisch – vor allem weil der namenlose Nazi-Skin sich selbst für supersmart hält. Er glaubt fest daran, dass er im Gegensatz zu seinen stumpfsinnigen Kameraden nicht nur ein gewisses Talent für schwere Körperverletzung hat, sondern auch ein richtiges Computergenie ist. Unter dem patriotischen Nickname „Dux“ versucht er sich in fremde Bankkonten einzuhacken, wird dabei allerdings umgehend von der Polizei erwischt. Und damit fängt der Ärger an. Er hat die Wahl. Entweder er wandert in den Knast, oder er erledigt einen kleinen Job für die Polizei: Leitende Beamte sind in Drogen- und Geldwäschegeschäfte verwickelt, und ihr „kleiner Nazifreund“ soll ihnen jetzt helfen, ein paar belastende Unterlagen verschwinden zu lassen.

Das Szenario ist nicht mal so unrealistisch. Die Lokalpolitik in Neapel ist bekanntlich ein einziger Albtraum. Die Bürgermeisterin Rosa Russo Iervolino und der zuständige Gouverneur Antonio Bassolino stolpern von einem Skandal in den nächsten, ohne dass es zu Konsequenzen käme: Wie überall in Italien laufen auch hier die rechtsstaatlichen und zivilgesellschaftlichen Kontrollmechanismen ins Leere. Es ist darum nur konsequent, dass sich der 1978 geborene Angelo Petrella den Ereignissen vom äußersten Rand her nähert – und eine bösartige, politisch offensichtlich inkorrekte Position einnimmt. Vor dem Hintergrund des Trauerspiels der italienischen Demokratie kann sogar ein minderbemittelter Hooligan zur moralischen Instanz werden. Es ist gemein, aber es funktioniert: Man erwischt sich beim Lesen immer wieder auf der Seite des Skinheads.

Sie finden das problematisch? In diesem Fall kann ich nur einen der deutschen Neonazi-Krimis empfehlen, in denen es „standardmäßig“ etwas geordneter zugeht. In Peter Probsts „Blinde Flecken“ (dtv, München 2009, 250 Seiten, 8,95 €) weiß man, woran man ist. Im Sommer des Jahres 2004 steuert ein Abiturient namens Tim Burger in München einen Geländewagen in eine Gruppe Jugendlicher, die zu einem deutsch-jüdischen Sportverein gehören. Es gibt einen Toten, doch Polizei und Richter schließen ein antisemitisches Motiv aus. Richtig: Das sind die „blinden Flecken“. Als der Täter nach vier Jahren wegen guter Führung entlassen wird, heftet sich der Privatdetektiv Anton Schwarz an seine Fersen. Er soll im Auftrag eines jüdischen Rechtsanwalts Beweise für Burgers rechtsextremistische Gesinnung sammeln.

Schwer fällt ihm das nicht. Nach der Lektüre von Angelo Petrellas „Nazi Paradise“ ist es geradezu beruhigend, wie sich in diesem Krimi alles ineinander fügt. Tim Burger wird als verstörter junger Mann mit einer Vorliebe für „Rammstein“-Songs und dominanten Sex eingeführt. Dass er zum nationalsozialistischen Jugendverband der „Deutschlandtreuen“ gehört, deren Mitglieder gerne die „Zeltlager gewerkschaftlich organisierter Jugendlicher überfallen“, ist da keine Überraschung – genau wie die Tatsache, dass es Verbindungen zwischen den Neonazis und der bürgerlichen Rechten gibt und sogar bei der Münchner Polizei der eine oder andere Beamte unter der Uniform eine braune Weste trägt.

Damit ist alles wieder in Ordnung. „Blinde Flecken“ ist ein Kriminalroman, der einem das gleiche Gefühl von Sicherheit vermittelt wie ein morgendlicher Blick auf die Titelseite einer Tageszeitung: Die Welt ist tatsächlich genauso schlecht, wie wir sie uns schon immer vorgestellt haben.

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