Verbrecherjagd : Winter in Sardinien

Kolja Mensing entdeckt Italiens ambitionierte Anti-Kriminalromane.

Ein kalter Wind aus dem Norden treibt die Wassermassen über das Meer auf die sardische Küste zu, die Landstraßen verwandeln sich in Sturzbäche, und in Nuraió schlagen die Tropfen gegen die Mauern der armseligen Häuser und zerplatzen in Zeitlupe an den Fensterscheiben der Polizeikaserne, in der der junge Maresciallo Martino Crissanti müde an seiner Zigarette zieht, sich zu Tode langweilt und den Tag verflucht, an dem er als Carabiniere in dieses „Loch von einem Dorf“ versetzt worden ist, in dem die einzigen Verbrechen von den „vier Schwachköpfen aus der Billardbar“ begangen werden, die gelegentlich Gras und geklaute Mercedestüren verkaufen: „Draußen regnete es, es war Vormittag, aber es schien, als sei bereits Abend, es geschah nie etwas in Nuraiò.“

Das also ist der Winter in Sardinien. Flavio Soriga beginnt seinen Roman „Der schwarze Regen“ (Aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn, Luchterhand, München 2007, 221 S., 8 €) mit langen, schwermütigen Sätzen, die wie dunkle Wolken über die Seiten treiben und allmählich die Gestalt von Menschen annehmen. Albertino, der Priesterseminarist, soll an diesem Tag eine Reise ins Heilige Land antreten, um seinen brüchigen Glauben zu festigen; der verrückte Zio Salvatore taumelt nach ein paar Gläsern Rotwein über die regennasse Dorfstraße und nimmt seinen täglichen Kampf mit den Dämonen in seinem Kopf auf; und ein paar Kilometer weiter die Küste herunter trifft sich Nicola Rau, der früher einmal Verse geschrieben und von der Revolution geträumt hat, mit einer seiner Geliebten und versucht, in ihren Armen den Winter, seine Ehe und das Älterwerden zu vergessen.

Es wird Mittag, Abend und Nacht, und beinahe wäre die Bemerkung des Maresciallos im Geräusch des prasselnden Regens untergegangen: „Eine Frau ist ermordet worden.“ Zuletzt ist also doch etwas passiert in Nuraiò. Marta Deiana, die schöne Grundschullehrerin, ist in ihrer Wohnung erschlagen worden. Damit könnte aus Sorigas Reigen ein handfester Kriminalroman werden, denn Marta hatte ihrem Ehemann Efisio genug Gelegenheit zur Eifersucht gegeben. Es gibt also ein Motiv und einen Tatverdächtigen, der verrückte Zio Salvatore hält sogar eine Zeugenaussage bereit, doch die Ermittlungen gehen nur zögerlich voran. Stattdessen taucht man immer tiefer ein in die Welt des zweifelnden Katholiken Albertino, des alternden Don Juan Nicola und der im Dorf als „Frau Tochter Hure ohne Verstand“ verschrienen Marta.

Keine Handschellen, keine Verhaftungen, sondern Pathos und Wolken, bittere Sehnsüchte und enttäuschte Hoffnungen: „Der schwarze Regen“ gehört zu der wachsenden Zahl von ambitionierten Anti-Kriminalromanen, mit denen eine jüngere Generation italienischer Schriftsteller auf den Markt drängt. Niccolò Ammaniti („Die Herren der Hügel“), Stefano Massaron („Die toten Kinder“) oder Davide Longo („Der Steingänger“) benutzen die Strukturen und Konventionen des Thrillers nur als Gerüst für ihre eigenwilligen Erzählungen aus dem tristen Alltag in den Dörfern und kleinen Städten.

Der 1974 geborene Flavio Soriga liefert jedoch nicht nur eines der schönsten Beispiele für diesen neuen melancholischen Ton. „Der schwarze Regen“ ist nebenbei noch ein Essay über die Möglichkeiten einer Kriminalliteratur, die sich aus ihren Zwängen befreit. Immer wieder blättert der Polizist Crissanti an den verregneten Tagen in Nuraiò in „mittelmäßigen Büchern“ und ärgert sich über die „erbaulichen Geschichten für Vierzigjährige“, die „ab einem bestimmten Punkt immer schlecht ausgehen für die Bösen.“ Dagegen setzt Soriga die literarische Tradition des Kriminalromans und verweist dezent auf Manuel Vázquez Montalbán und seine „Balladen von Menschen, die beunruhigt sind, stumm leiden, sich fehl am Platz fühlen“, er zitiert Friedrich Dürrenmatt und beruft sich auf Leonardo Sciascia und eine Handvoll anderer Schriftsteller und ihre Werke.

Haben Sie das alles schon gelesen? Ich nicht. Und das ist vielleicht das Beste an diesem regenreichen Roman: dass er einen inmitten der herbstlichen Sintflut überflüssiger Neuerscheinungen an ein paar Bücher erinnert, die geduldig auf einen warten.

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