Literatur : Vergiss dich selbst

Nicolas Bouvier singt ein „Lob der Reiselust“

Gregor Dotzauer

Es gibt Schriftsteller, glaubte er, „die brauchen Geografien, und andere brauchen Konzentration“. Nicolas Bouvier (1929–1998) unterschied zwischen „Reisenden“ und „Sehern“, wobei er, der Schweizer Nomade, sich zur ersten Gruppe zählte. Das Ziel der „Illumination“ hatten für ihn beide – und die Schwierigkeit, die „allzu kurzen Momente unsagbaren Einsseins und vollkommer Versöhnung“ mit der Welt in Worte zu fassen, ohnehin. Wenn es ihm dennoch gelang, „mit einem opaken, plumpen, lückenhaften Vokabular“ davon zu berichten und den Eindruck von „Transparenz und geheimnisvoller Polyphonie“ zu erzeugen, dann auch deshalb, weil die Poesie die Schule seiner Prosa war. Bouviers „Lob der Reiselust“ ist neben seinen Meisterwerken „Der Skorpionsfisch“ und „Die Erfahrung der Welt“ ein Band mit Gelegenheitsarbeiten zu so disparaten Themen wie dem wanderlustigen Ziegenhirten Thomas Platter und dessen claustrophobia alpina, der Dichtkunst von Henri Michaux oder dem Abenteuergeist seines großen Vorbilds Ella Maillart. Doch egal, wohin sein Blick fällt: Irgendwo blitzt es immer und erleuchtet den Leser – etwa wenn er nach einem Jahr zwischen Zagreb und dem Iran bekennt: „Ich hatte mich gänzlich aus den Augen verloren, was letztlich die beste – und die diskreteste – Art ist zu verschwinden.“ Gregor Dotzauer

Nicolas Bouvier: Lob der Reiselust. Aus dem Französischen von Giò Waeckerlin Induni. Lenos, Basel 2007. 190 S., 18,50 €.

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