Literatur : Vernetzte Anarchie

Ditha Brickwells Essay zur Zukunft Europas

Mechthild Rausch

Armes Deutschland“, sagt man, wenn in unserem Staat etwas danebengeht. „Armes Europa“, sagt niemand, obwohl in unserer politischen Dachorganisation manches danebengeht. Zu Europa haben wir kein emotionales Verhältnis, noch weniger zur Gemeinschaft der europäischen Staaten. Das sollte uns peinlich sein. Ist es aber nicht, nicht als größter Nettozahler und niemals wankender Befürworter der EU.

Wer Jahrzehnte für die EU tätig war, sieht das anders. Ditha Brickwell, 1941 in Wien geboren und Expertin für Stadtentwicklung, verstand ihre Arbeit auch als praktische Mitwirkung an einer politischen Utopie. Die Architektin hoffte, durch ihr Brüsseler Engagement die Lebensverhältnisse in Europa voranzubringen. Heute lebt sie als Autorin in Berlin und schreibt verständlich und unterhaltsam über Europas Zukunft.

Brickwell sieht mit Sorge, dass die EU die wirtschaftliche Konzentration fördert und damit den Prozess der Rationalisierung und Arbeitsplatzvernichtung, begleitet von Sozialabbau und Kürzung der Kultursubventionen. Darüber hat sie einen Essay mit fiktionalen Elementen geschrieben. Kritik und Lösungsvorschläge werden in drei Kapiteln, an verschiedenen Orten und von verschiedenen Personen in Gesprächsrunden erörtert. Kapitel eins betreibt eine Bestandsaufnahme der „europäischen Not“, die eine weltweite ist – Angst vor Arbeitslosigkeit, Angst vor Verarmung, das Gefühl der Aussichtslosigkeit. Kapitel zwei spielt in Rumänien, das gerade die Segnungen der EU empfängt und den Preis kennenlernt, der dafür zu entrichten ist. Kapitel drei widmet sich Lösungen. Für Brickwell liegt diese in einer „allseits entwickelten Menschengesellschaft“. In ihr genießen Kultur, Soziales und Gesundheit absolute Priorität. Der „Reichtum der Wachstumswirtschaft“ dürfe nicht in den „virtuellen Kreisläufen“ des Kapitals verschwinden, sondern müsse „auf die Menschen umgelenkt“ werden. Radikalen Wandel erhofft sich Brickwell vor allem von der „vernetzten Anarchie“ der Internetnutzer und von der Teilung der Macht zwischen Mann und Frau.

Zum Schluss bringt sie einen Deus ex Machina ins Spiel, die „geheime Akte Europa“, verfasst von einem jüdischen Emigranten aus New York mit ultimativen Lösungen für die Neugestaltung der alten Welt. Unglücklicherweise verschwindet die Akte, bevor die Erzählerin sie in die Hand bekommt. Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als selbst ans Werk zu gehen. Mechthild Rausch

Ditha Brickwell: Die Akte Europa. Eine Utopie geht verloren. Wieser Verlag, Klagenfurt 2008. 171 Seiten, 14,80 €.

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