Literatur : Viel Lärm um alles

Auf der Suche nach Erkenntnis und der Erlösung von der Beliebigkeit: Dietmar Dath und sein Roman „Waffenwetter“

Gerrit Bartels

Am Schluss seines neuen Romans „Waffenwetter“ erklärt Dietmar Dath in einem Nachwort Grundlegendes zu dessen Inhalt und Form. Dass zum Beispiel Claudia Starik, die junge Abiturientin, die mit ihrem wacker kommunistischen Großvater Konstantin eine vermeintlich unser Klima und unser aller Gedanken manipulierende Hochfrequenz-Antennenanlage in Alaska lahmlegen will, dass also diese Romanfigur vor allem eins ist: Text. Eine Kopfgeburt, so lebendig wie eine solche auf Papier sein kann. Er, Dath, wolle damit jedoch keineswegs denen Recht geben, „die sagen, es gebe nichts außerhalb des Textes. Es gibt allerdings innerhalb von ‚Waffenwetter’ mehr Claudia Starik als irgendwo anders“.

Oder dass sich die Kapitel- und Textblockunterteilung des Romans einem Musiker aus Alaska verdankt, John Luther Adams, und dessen Werk „Strange And Sacred Noise“. Dieses handele von denselben Dingen wie „Waffenwetter“, so Dath, und enthalte „einzelne und zeitbrechende Wellen, verschiedene Geschwindigkeiten, die einander im Phasenraum kreuzen, Gitter von Wiederholungen und so fort“. Zu guter Letzt bekennt Dath: „Der Autor glaubt an nichts Übernatürliches außerhalb der Kunst“.

Letzteres ist beruhigend, gerade nach der Lektüre des in der zweiten Hälfte abgedrehter und wirr-komplexer werdenden Romans. Der Rest von Daths Nachtrag aber ist profan-überambitioniert zum einen und trägt zum anderen nicht unbedingt zur Aufhellung bei. Man muss sich schon selbst ein Bild von diesem Verstörungs- und Verschwörungsroman machen, man muss sich, wenn man sich in das Pop-, Politik- und Science-Universum des Schriftstellers Dath begibt, schon allein auf die zahlreichen von ihm ausgelegten Fährten begeben, um von dort mal beglückt und mal voller Ärger und Unverständnis wieder zurückzukehren. Dietmar Dath will es niemandem leicht machen, will vor allem seine Ausflüge in die Wissenschaften nicht auf leichtverständliches Boulevard-Magazin-Niveau herunterbrechen (selbst wenn sich manche seiner Romanpassagen wie Popcorn verschlingen lassen). Nein, Dath möchte zum Theorie- und Wissensbeißen einladen, zum Denken und Weiterdenken anregen.

Das war schon so, als er Ende der neunziger Jahre versuchte, die Diskurshoheit der Popkulturzeitschrift „Spex“ als Chefredakteur zu retten, was komplett in die Hose ging (die Zeiten waren nicht mehr danach); das war so, als er dann als Kulturredakteur der „FAZ“ die bildungsbürgerliche Leserschaft des Blattes beeindrucken, vielleicht gar vor den Kopf stoßen wollte und Texte über Miffy, eine Bilderbuchfigur, oder die Metalband Benedictum schrieb, über die fabelhafte Welt des Physik-Beatniks Jack Scarfatti oder über Rod Serlings Fantasy–Serie „The Twilight Zone“.

Und das ist jetzt so, da er nach seinem Abschied von der „FAZ“ ausschließlich als Schriftsteller arbeitet und sich seiner Romanwelt widmet. Diese aus inzwischen zehn Romanen bestehende Welt ist eine oft seltsame, thematisch immens reichhaltige. In ihr wird von der Pubertät über die Postpubertät bis zum Poststrukturalismus, von der Mathematik über die Physik bis zur Molekulargenetik alles Mögliche abgehandelt, und diese Welt ist nicht zuletzt hermetisch, sich immer auf sich selbst und die Summe ihrer einzelnen Teile beziehend. „Waffenwetter“, so Dath auf der eigens für den Roman eingerichteten Internetseite www.claudiastarik.de, sei der Abschluss einer Trilogie, „die das Thema der Erlösung von der Beliebigkeit zum Gegenstand“ hat und deren anderen Teile aus dem Briefroman „Die salzweißen Augen“ (2005) und dem Physiker- und Generationsporträt „Dirac“ bestehen (2006).

Schon in „Dirac“ versuchte Dath erfolglos, Literatur und Wissenschaft zu verschweißen, die Welt seiner Generation-X-Protagonisten mit der des Physiknobelpreisträgers Paul Dirac, auf dass die Erkenntnisströme nur so fließen – und so gibt es nun auch in „Waffenwetter“ ein merkwürdiges Auseinanderdriften der Ebenen. Da vermittelt sich das Leben von Claudia Stark aufs Beste und manchmal Lustigste, ihr Dasein zwischen letzten Schultagen, Parties, Liebes-, Sex- und Elternleid, bis in die ausschließlich in Kleinschreibung gehaltene, viele Sätze nicht zu Ende führende Sprache hinein: „sofort danach renn ich zum spanier, wo stefanie schon auf der treppe sitzt, mit kippen und zwei colas, ich muß mir gar nichts kaufen – der spanier schielt entsprechend böse zu uns hin, wie wir da unnütz vor seinem laden hocken statt“

Dann aber zerfällt alles, spätestens, als es Claudia mit ihrem Großvater nach Alaska verschlägt, als sie sich, unzufrieden wie sie ist, an die Erlösung vom 08/15-Teenager-Alltag macht. Plötzlich schildert sie nicht nur Alaska-Eindrücke, sondern hält Zwiesprache mit Gott, kennt Shakespeares „King Lear“ in- und auswendig, ohne ihn je gelesen zu haben, trifft zwei Wiedergängerinnen, und plötzlich wird auch Daths Sprache zerfaserter, rumpelrockiger, bildhafter, unverständlicher: „bausteine, hexenprofile lückenlos verzahnter, sehr schlimmer“ steht da zum Beispiel einfach so, ohne dass es sich erschließt. Zwischen Bluff und dem großen Weltganzen changiert „Waffenwetter“ dann, zwischen viel fremdem und heiligem Lärm um Nichts und der Vorgabe, dass Literatur nicht nur Spaß machen, sondern auch religiöse, soziale und ästhetische Erkenntnisse liefern soll. Nach denen sucht man am bitteren, fast resignativen Ende von „Waffenwetter“ zwar vergeblich; der Spaß bei der Lektüre aber war nicht der allerkleinste.

Dietmar Dath: Waffenwetter. Roman. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2007. 292 S., 17,80 €. Buchvorstellung Di, 13.11, 20 Uhr, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

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