Literatur : Viel Säure, wenig Restsüße

Die Republik im Blick: Stephan Schlaks Biografie von Wilhelm Hennis

Hermann Rudolph

Er hat Helmut Kohl so heftig attackiert wie kaum ein anderer und war einer der schärfsten Kritiker der 68er. Er machte die Technik des Regierens zum Thema, aber konfrontiert seit langem die Öffentlichkeit mit der Frage nach dem „seelischen Hintergrund“ des Staates. Überhaupt hat kaum ein Politikwissenschaftler seine Spur so intensiv in die Debattengeschichte der Bundesrepublik eingegraben wie Wilhelm Hennis. Weshalb es, bezogen auf die bald 60 Jahre, in denen dieser luzide Geist und gelehrte Feuerkopf sie begleitet, auch nur wenige Intellektuelle gibt, in deren Aufsätzen und Interventionen sich die Wendungen und Windungen dieser Republik vergleichbar spiegeln. Andersherum: In diesem 85-jährigen Professor, Autor und Kritiker verkörpert sich in seltener Weise der Bogen, den ihre intellektuelle Geschichte genommen hat.

Die Biografie, die Stephan Schlak zu dessen Geburtstag an diesem Montag vorlegt, ist deshalb auch so etwas wie eine intellektuelle Biografie der Bundesrepublik. Mit Hennis, so der Autor, „zieht die alte Bundesrepublik an uns vorbei“ – die Begründung der parlamentarischen Demokratie, die Kampfzonen von Anfechtung und Verteidigung Ende der 60er-Jahre, die Konflikte und Problemgebiete ihrer späteren Jahre. Die Bundesrepublik als „ideengeschichtliches Drama“.

Irgendwie passen dazu die Stationen dieses Lebens: „Überall scheine er“, so formuliert Schlak hübsch, „dabei gewesen zu sein“. Der U-Boot-Fahrer, dreimal abgesoffen, sitzt im ersten Göttinger Nachkriegssemester und gründet den SDS. Anfang der 50er-Jahre „eilt er jeden Morgen durch das Vorzimmer von Kurt Schumacher“, dem SPD-Vorsitzenden, denn er war der erste wissenschaftliche Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion. Wenig später beobachtet er als Assistent in Frankfurt die Entstehung der Frankfurter Schule. Für das neue Fach der Politikwissenschaft ist er neben den Gründervätern vielleicht die inspirierendste Figur. Er wurde SPD- und CDU-Mitglied und brach mit beiden. Und seit zwei, drei Jahrzehnten hält er nun von seinem Freiburger Refugium streng die Republik im Blick.

Mit Hennis verbindet sich der Versuch, die alte Tradition der Politik als einer praktischen, auf das Handeln gerichtete Wissenschaft für das Verständnis der Politik in der Gegenwart nutzbar zu machen. Das war ein faszinierender Ansatz, weil er Antworten gab auf die Frage, was denn Politik sei, über Machtgebaren und Macherehrgeiz hinaus: Die Suche nach Antworten auf historische Lagen durch das Handeln im Kontext von Institutionen, Erfahrungen und Maßstäben. Das mag sich heute, wie Schlak meint, altmodisch ausnehmen. Aber Hennis eröffnete damit einen überzeugenden Zugang zum Begreifen der parlamentarischen Demokratie in den Jahren, in denen sie in der Bundesrepublik gerade gelernt wurde.

Bei ihm lernte man, was für eine Bewandtnis es hat mit ihren Schlüsselbegriffen, mit Öffentlichkeit und Parlament, mit Verfassung und Amt, mit Parteienstaat und Bürgergesinnung. Sprachmächtig und begriffsscharf eröffnete er den Verstehens-Blick für die Belastungen der deutschen Staatsanschauung und die Probleme des Regierens, kämpfte für das Mehrheitswahlrecht und Reformen in der Bundesrepublik. Und prallt mit diesem Politikverständnis voll gegen die Studentenbewegung, in der er nur die alte „deutsche Unruhe“ – so der Titel seiner Streitschrift von 1969 – zu erkennen vermochte. Hennis: das ist ein früher bundesrepublikanischer Reformer, so Schlak, „der von der Revolte und dem anschließenden Bonner ,Machtwechsel’ politisch enteignet wurde“.

Zu Recht konstatiert Schlak, dass Hennis’ Polemik gegen diese „Unruhe“ selbst ein Dokument der „deutschen Unruhe“ war, seine Kritik an der „Demokratisierung“ findet er „maßlos“. Doch sein Duell mit Jürgen Habermas zum Beispiel Mitte der 70er- Jahre über die Frage der Legitimität der Bundesrepublik machte die zwei Lager deutlich, in die sie damals, in der Folge der Protestbewegung, zerfallen war: bei dem Großmeister linken Denkens die Zweifel an ihrer Legitimität im Namen der Theorie, bei Hennis ihre Verteidigung kraft bewährter Praxis und der Prinzipien politischer Ordnung.

Als Gestalt der öffentlichen Debatte ist Hennis zum Opponenten des Zeitgeistes geworden. Zunehmend in der von ihm auch kultivierten „Rolle des Einzelkämpfers, des Denkers gegen den Strom und einsamen Wolfes“, fordert er den intellektuellen Mainstream der Bundesrepublik heraus. Und auch aus seinem Sich-Vergraben in das Werk Max Webers, sein letztes großes wissenschaftliches Thema, zieht er die Überzeugung, dass Politik nicht ohne einen, wie Schlak formuliert, „existentiell gespannten Gestus“ sein kann.

Stephan Schlak beschreibt Hennis lebenslange leidenschaftliche Affaire mit seiner, mit unserer Epoche ganz vorzüglich, mit mutigem Griff nach ihren treibenden Kräften und beachtenswertem Sinn für ihre Verwerfungen. Er sucht die Generation des Jahrgangs 1923, dem Hennis angehört, begreifbar zu machen – „viel Säure, wenig Restsüße“ in Hennis’ eigenen Worten –, und bringt die Wandlungsschübe der intellektuellen Geschichte der Bundesrepublik auf schlüssige Nenner.

Dabei kann man Schlak keine Hagiografie vorhalten. Er sieht Hennis’ problematische Seiten, sein ungestümes Temperament, seine Lust an polemischen Feldzügen, auch die Neigung zu kulturpessimistischen Abrechnungen. Aber das ändert nichts daran, dass sein Buch die große, instanzhafte Figur erstehen lässt, die Hennis ist: der Politologe, der das Geschäft der Politik in den Horizont der Grundsatzfragen einzublenden versteht, der glänzende Debatter, der mit unnachahmlicher Eleganz und sicherem Rapier so oft den entscheidenden Punkt getroffen hat, der Intellektuelle, dem gelungen ist, was er anstrebte, „Einsicht und Leidenschaft“ zu verbinden.

Aber Schlak sieht Hennis auch in der Distanz zu dem, was er den intellektuellen Bildungsroman der Bundesrepublik nennt, er dagegen der Erzkonservative, fest eingegraben in die Begriffslandschaft einer anderen Zeit. Und, zugegeben, ist es eine schöne Pointe, die Geschichte der Bundesrepublik nach dem Muster zu deuten, dass – in einer merkwürdigen Verkehrung der Positionen – der linke Habermas zum Staatsphilosophen geworden sei, der konservative Hennis jedoch zum zornigen Außenseiter. Aber ist Hennis wirklich in der Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik eine fremde, fremdelnde Figur? Was repräsentative Demokratie und parlamentarisches Mandat, was Parteienstaat und Bürger sind, lernt man noch immer am besten bei ihm. Und was sein leidenschaftliches Insistieren auf seelische Anteilnahme, auf bürgerschaftliche Parteinahme angeht – kann man sich Politiker denken, kann man sie sich wünschen, denen sie abgehen?





– Stephan Schlak:

Wilhelm Hennis.

Szenen einer Ideengeschichte der Bundesrepublik. Verlag C.H. Beck, München 2008. 280 Seiten,

19,90 Euro.

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