Volkskoran : Botschaft der Tulpen

Kader Abdollah hat den Koran modern übersetzt und steht damit auf den Bestsellerlisten in den Niederlanden. Das Buch soll die niederländische Kultur verändern.

Rolf Brockschmidt

NiederlandeWo sonst kunstvolle Blumenranken den Raum zwischen den Suren zieren, hat er Wahrzeichen gesetzt: Windrad, Tulpe, Holzschuhe, Kuh, schwarze Regenwolken. Was für vorsichtige Zeitgenossen vielleicht eine Provokation sein mag, ist für Kader Abdollah eine Selbstverständlichkeit. Er hat den Koran neu ins Niederländische übertragen und zusammen mit einem Band "De Boodschapper" (Der Prophet) in einer Kassette herausgegeben. Das erste Exemplar schickte er an Königin Beatrix, "um mehr Verständnis und Zusammenhalt im Königreich zu wecken".

Niderländischer Volkskoran


Kader Abdollah, 1954 in Iran geboren, lebt seit 1988 in den Niederlanden als erfolgreicher Schriftsteller. Seine Bücher sind zum Teil auch ins Deutsche übersetzt. Abdollah hat mit seinen zwei Bänden nun eine Art niederländischen Volkskoran vorgelegt, die Novelle "Der Prophet" ist als Einleitung zur Lektüre des heiligen Buchs gedacht. Er habe dies "für jeden Niederländer getan, also auch für niederländische Moslems, für meine europäischen Leser, und vielleicht für die Milliarden von Lesern, die die Übersetzung lesen werden", sagte er in einem Interview.

"Der Koran ist das Buch meines Vaters, meines Onkels, meiner Jugend. Der Koran berührte mich nicht, auch nicht als literarisches Werk", bekennt Abdollah. Erst durch seinen Roman "Das Haus an der Moschee" und die Ereignisse in den Niederlanden nach dem Mord an Theo van Gogh sei er gezwungen worden, sich wieder mit seiner Herkunft auseinanderzusetzen. Er habe den Koran wieder gelesen und beschlossen, eine Version zu schreiben, die Niederländer und damit auch niederländische Moslems verstehen.

Der Koran ist ein "Menschenbuch"


"Allah ist das Produkt von Mohammad. Ich sehe den Koran also als ein Menschenbuch, als eine Perle, als ein Juwel, aber auch mit Fehlern und Grobheiten versehen, die des Menschen sind", sagte er dem "NRC Handelsblad" vor Erscheinen. Ein heikles Unternehmen, mag man angesichts der Empfindlichkeiten um das heilige Buch denken. Doch Kader Abdollah hat für sich einen gangbaren Weg gefunden, in aller Demut: "Allah ist allwissend, sagt Mohammad. Kader Abdollah ist unwissend. Ich habe das Buch mit viel Liebe behandelt, denn es war das Buch aus dem Hause meines Vaters und von geliebten Menschen, die ich gekannt habe", schreibt er in der Einleitung zu seinem Koran. "Alle Sätze des Korans sind suggestiv. Man kann sie auf verschiedene Art und Weise übersetzen, und man macht Fehler. Ich bekenne, dass ich viele Fehler gemacht habe, und es ging auch nicht anders", fährt er fort. "Der Koran war für Menschen bestimmt, die nicht Lesen und Schreiben konnten". Daher die vielen Wiederholungen, die er aus seiner Bearbeitung herausgenommen hat. In einem arabischen Land hätte er dieses Buch nicht schreiben können, doch für einen europäischen Leser müsse er eine stringentere Geschichte erzählen.

"Mohammad verstehen"

So hat Abdollah sich die Freiheit genommen, die einzelnen Suren chronologisch nach der Offenbarung von Mekka und Medina zu ordnen. Der Koran sei ein kursorisches Buch, in dem man einmal blättere und ein paar Stellen lese. Außerdem schaffe die chaotische Anordnung der Suren eine göttliche Atmosphäre, die der normale Leser aber nicht so ohne weiteres nachempfinden kann. "Normale Leute haben den Koran im Wohnzimmer liegen und benutzen ihn bisweilen als Richtschnur für ihr Verhältnis zu ihren Kindern und Nachbarn, aber mehr auch nicht. Und hier wird die Bibel ja auch gelesen, aber nicht als Gesetz betrachtet. Wenn man mit dem Koran regieren will, wird es die Hölle! Dabei kommt das heraus, was man jetzt im Iran beobachten kann."


Als Kader Abdollah sein Vorhaben begann, war ihm schnell deutlich, dass man den Koran ohne das Leben Mohammads, des Propheten, nicht verstehen kann. Daher habe er sich entschlossen, der Übertragung des Koran einen Novelle über das Leben des Propheten zur Seite zu stellen. "Man kann den Koran nicht verstehen, wenn man Mohammad nicht versteht", sagt Abdollah. Dabei wird auch das Bestreben Mohammads deutlich, die Araber von der heidnischen Vielgötterei abzubringen und sie zu dem einzig wahren Gott – Allah – zu führen. Die Christen und die Juden hatten bereits jeweils ihr göttliches Buch, nicht aber die Araber.

Auch für Europäer interessant

Für europäische Leser ist es interessant zu sehen, wie viele Teile aus der christlichen und jüdischen Tradition übernommen werden, ja, wie verwandt die Religionen dadurch sind. Interessant auch, dass Mohammad die Rebellion gegen das Establishment von Mekka erst gelang, als er sich der Schwachen in der Gesellschaft, der Frauen und der Sklaven, annahm. Der Koran hat den Arabern wieder Selbstvertrauen und eine Identität gegeben. Abdollah arbeitet geschickt mit dem Stoff, Dichtung und Wahrheit, Fiktion und Realität gehen eine wunderbare Symbiose ein, denn am Ende steht ein literarisches Werk. In einer Zeit, in der ein Geert Wilders in den Niederlanden ein Koran-Verbot fordert, weil es ein faschistisches Buch sei, kommt Abdollahs Kassette mit den beiden Bänden gerade recht. In der ersten Woche gelangte sie auf Platz vier der Bestenliste, anschließend stand sie drei Wochen auf Platz eins.

Inspiration aus dem Koran

"Diese beiden Bücher sorgen dafür, dass die dritte Generation der Einwanderer zum ersten Mal von diesem Buch Kenntnis nimmt und stolz mit ihrem Buch, dem Koran, auf die Straße gehen kann. Diese Bücher werden die niederländische Literatur und Kultur verändern", sagt Abdollah. Schließlich hätten die europäischen Künstler auch immer wieder ihre Inspiration aus der Bibel geschöpft. Jetzt komme eben der Koran dazu.

0 Kommentare

Neuester Kommentar