Literatur : Von Pankow bis zum Runden Tisch

Wie historische Symbole sich wandelnden Deutungen unterliegen: Eine Anthologie über die Erinnerungsorte der DDR

Robert Schröpfer

Als 2009 auf allen Kanälen an die DDR erinnert wurde, konnte man den Eindruck gewinnen, es habe verschiedene Länder dieses Namens gegeben. Zwanzig Jahre nach DDR-Umbruch und Mauerfall, lange nach Verebben der Ostalgieshow-Welle scheinen sich die Erinnerungen der einen immer noch zu reduzieren auf eine Wohlfühlrepublik mit Ostsee-Urlaub, Brigadefeiern und staatlich garantierten Kindergartenplätzen, in der es die Staatssicherheit, Mauerschützen und Bautzen II nie gegeben hat.

Die anderen kaprizieren sich vorzugsweise darauf, Diskutanten auf Sonntagabend-Fernsehsendeplätzen die Zustimmung zum Verdikt „Unrechtsstaat“ abzutrotzen. Und die allermeisten mag das genauso enervieren wie der darauf standardmäßig erwiderte Verweis auf ostdeutsche Lebensläufe, denen Respekt entgegenzubringen sei. Als ob das tatsächlich ein Gegenargument wäre.

Dass die Vergangenheit aber auch jenseits wechselseitiger Schuldzuweisungen diskutiert werden kann, beweist jetzt die von dem Potsdamer Historiker Martin Sabrow herausgegebene Anthologie „Erinnerungsorte der DDR“, die eine Momentaufnahme dieser widersprüchlichen Erinnerungslandschaft versucht.

Angelehnt an die ab 1984 erschienenen französischen „Lieux de mémoire“ von Pierre Nora und deren Adaption „Deutsche Erinnerungsorte" von Hagen Schulze und Etienne François, geht es dabei nicht um eine Ereignisgeschichte. Vielmehr stehen im Vordergrund die sich wandelnden Deutungen von Geschichtssymbolen, in denen sich die Erinnerung an die DDR kristallisiert oder die dort eine entscheidende Prägung erfuhren.

In knapp fünfzig Essays beleuchten Historiker, Soziologen und frühere Akteure historische Orte im engeren Sinn, aber auch Ereignisse, Personen, Rituale und Schlagworte – darunter „Pankow“ und „Die Partei“, „Buchenwald“ und „Der Palast der Republik“, „Sozialismus“ und „Das Westpaket“, „Ohnmacht“ und „Der Runde Tisch". Mit Kapitelüberschriften, unter denen die Einzelbeiträge angeordnet sind, spannt das Buch einen Bogen von den „Gesichtern der Macht“ über das „Leben im Staatssozialismus“ und „Kleine Fluchten“ bis hin zum „Aushalten und Aufbegehren“.

Der Beginn beschäftigt sich mit einem der DDR-Gründungsmythen, dem Antifaschismus, und wie der Bevölkerungsmehrheit kurz nach der Niederschlagung des Nationalsozialismus der Seitenwechsel zu den vermeintlichen Siegern der Geschichte angeboten wurde – freilich um den Preis des Verdrängens der eigenen Vergangenheit im NS-Staat wie der Gegenwart sowjetischer Speziallager. Am Ende stehen schließlich Symbole des Widerstands, die Montagsdemonstrationen zum Beispiel oder die Universitätskirche Leipzig. An einem möglichen Wiederaufbau der 1968 von den Kommunisten gesprengten Kirche hatten sich noch 2003 heftige Debatten entzündet.

Spannend zu lesen sind die Beiträge vor allem dann, wenn es ihnen gelingt vorzuführen, wie Bedeutungen sich gewandelt haben, wie Zuschreibungen und das Ringen um die Deutungshoheit überhaupt funktionieren. Die Historikerin Barbara Könczöl etwa legt in ihrem Vergleich von „Erstem Mai und Fünfzehntem Januar“ plausibel dar, warum der „Kampftag der Arbeiterklasse“ nahezu komplett hinter westdeutschen Gewerkschaftstraditionen verschwand, der Todestag von Rosa Luxemburg hingegen ein relevanter Erinnerungsort blieb. Schon 1988 hatten Bürgerrechtler dessen subversives Potenzial erkannt und an das Luxemburg-Zitat erinnert, die Freiheit sei immer die Freiheit der Andersdenkenden. Nach dem Zusammenbruch der DDR fanden auch weiterhin Gedenkmärsche nach Berlin-Friedrichsfelde statt. Im wiedervereinigten Deutschland präsentierte sich nun aber die PDS als die Partei der Andersdenkenden. Mit diesem Kunstgriff vereinnahmte sie die Tradition der Oppositionellen.

Derart aufschlussreiche Bezüge zur Gegenwart herzustellen, schaffen jedoch nicht alle Beiträge. Manchmal hätte man sich auch Texte zu sowas Prägnantem wie dem preußisch-sächsischen Antagonismus gewünscht, der nicht erst in ironisierenden Parolen zur 750-Jahrfeier des stets bevorzugten Ost-Berlin zutage getreten war. („781 Jahre Dresden“). Aber das kann wohl gar nicht anders sein bei einem sich so offen gebenden Buch, das sich eben nicht im Aufstellen eines starren Kanons übt. Schließlich ist nicht sicher, was auf lange Sicht tatsächlich im kollektiven Gedächtnis erhalten bleibt.

Der Reiz dieses Buches liegt deshalb gerade in der Form des Puzzles, das in der Vielstimmigkeit, im Querverweis und im Vorläufigen Erkenntnisse über ostdeutsche Mentalitätslagen und Prägungen verschafft.

Martin Sabrow (Hg.): Erinnerungsorte der DDR. Verlag C.H. Beck, München 2009, 624 S., 29,90 €.

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