Walter Kempowski : Es ist noch längst nicht alles erzählt

Stationen eines Lebens, Skizzen einer Krankheit: Ein Besuch bei Walter Kempowski zuhause in Nartum.

Gerrit Bartels
Walter Kempowski
Walter Kempowski in Haus Kreienhoop. -Foto: Bartels

Hildegard Kempowski ist nicht erfreut: „Sie sind zu früh, es ist noch keine drei Uhr! Mein Mann schläft noch!“ Die Mittagsruhe ist heilig in Haus Kreienhoop, dem Domizil der Kempowskis, seit Jahrzehnten schon – da kann der Weg ins niedersächsische Dörfchen Nartum noch so kompliziert sein, da kann es noch so schwer sein, auf die Minute pünktlich zu kommen. Nartum liegt auf dem flachen Land zwischen Hamburg und Bremen, und wer kein Auto hat, ist auf die Regionalbahn und Taxis angewiesen. Also hat Frau Kempowski ein Einsehen und bittet herein: „Na, da müssen Sie eben warten, Sie können sich ja schon mal umgucken.“

Dafür reicht die Zeit kaum, so weitläufig sind die Räumlichkeiten, die der Besucher zunächst zu sehen bekommt: der große Seminarsaal mit der langen Fensterfront, hinter der sich weitgezogene Maisfelder erstrecken, das Fernsehzimmer, der lange Büchergang oder das Eckzimmer, in dessen Regalen sich ausschließlich Tagebücher befinden, darüber an den Wänden Fotos all jener Schriftsteller, die Tagebuch geschrieben haben. All das hat, so groß und aufgeräumt wie es ist, fast etwas Museales. Als sei schon beim Bauen und Einrichten daran gedacht worden, aus diesen Räumlichkeiten eines Tages ein Schriftstellermuseum zu machen.

Der Hausherr erscheint bald schlurfenden Schrittes, nicht ohne bei der Begrüßung gleichfalls darauf hinzuweisen, dass man zu früh gekommen sei. Walter Kempowski ist zerbrechlich geworden. So abgemagert wie er ist, verschwindet er fast in seinem dunklen, irgendwie farblosen Haussakko und seiner grauen Hose. Auch seine Stimme hat viel an Kraft verloren. Kempowski ist sterbenskrank, seit Herbst letzten Jahres leidet er an Darmkrebs. Zwei bis drei Monate hätten die Ärzte ihm bei der Diagnosestellung noch gegeben, sagt er.

Diese Prognose erwies sich als falsch, und nach zuletzt mehreren Krankenhausaufenthalten mit hohen Fieberschüben wirkt er jetzt vergleichsweise wohlauf. Er habe keine Schmerzen und der Tumor wachse nicht mehr, nur mit dem Essen klappe es nicht, zu essen widere ihn einfach an. Besuch empfängt Kempowski trotz seines Zustandes fast täglich, immer zwischen drei und fünf, aus einem einfachen Grund: „Ich unterhalte mich gern.“

Doch es ist mehr als das: Kempowski genießt das Interesse an seiner Person. Weil er dem Tod nahe ist, aber auch, weil er gerade mit einer Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste geehrt wird. „Die Bedeutung, die Sie meinem Werk beimessen, hat mich überrascht, und die Liebe und Sorgfalt, die man der Realisation dieser Ausstellung angedeihen ließ, macht vieles wieder gut“, bedankt sich Kempowski in einem Brief, den sein Sohn Karl Friedrich bei der Eröffnung der Ausstellung verlas: „Ich danke all denen, die mein Werk wohlwollend begleiteten, und ich verzeihe jenen, die es ignorierten.“

Kempowski ist in Berlin von Bundespräsident Köhler als „Volksschriftsteller“ bezeichnet worden. Es gibt kaum jemanden, der ihn nicht zu den großen Schriftstellern der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur zählen würde. Trotzdem deuten Worte wie „Wiedergutmachung“ und „Ignoranz“ darauf hin, dass Kempowski darunter leidet, wie wenig Anerkennung ihm lange Zeit zuteil wurde. „Es ist mir ja nichts abgegangen, und es hat immer Zeitungen gegeben, die freundlich über mich berichtet haben“, gibt er zu. „Wenn die Unterschätzung fünf Jahre dauert, lässt man sich das gefallen, doch von 1975 bis in die neunziger Jahre hinein, das ist ein bisschen lange. Was habe ich eigentlich gemacht, dass die Leute mich boykottieren? Ich bin nie zu Talkshows eingeladen worden, es gibt keine Dissertationen über mich, in Schulen gehören meine Bücher nicht zum Lehrplan, vom Goethe-Institut gab es nie eine Einladung, und viele Jahre habe ich keine Preise bekommen. Reicht das?“

Frau Kempowski sorgt sich um ihren Mann, als er sich da plötzlich in eine Erregung redet: „Können Sie nicht etwas anderes fragen, über die Ausstellung zum Beispiel?“ Sie sorgt sich, weil es zu kalt im Seminarsaal ist, und rät uns, hinüber ins Teezimmer hinter dem Büchergang zu gehen. Dort zieht sie ihrem Mann einen Gürtel in die Hose, von ihm kommentiert mit den Worten „es gibt keinen Menschen, der das so gut kann wie meine Frau“. Dann trägt sie Tee und Gebäck auf, reicht ihm eine Fliegenklatsche, und bevor sie sich entfernt, bestätigt sie noch auf seine Frage hin, dass Tagebuch und Kugelschreiber in Griffweite liegen.

Ein bisschen vermittelt Kempowski zu Beginn unseres Gesprächs den Eindruck, als frage er sich die ganze Zeit: Was das nun wieder soll? Er pfeift vor sich hin und möchte nichts über seinen neuen Roman oder die demnächst zur Veröffentlichung anstehenden Tagebücher sagen, nur so viel: „In meinem Zustand muss ich aufpassen, dass ich nicht nur Fragmente hinterlasse.“ Nach diesen Worten erledigt er eine Fliege und lässt sich schließlich langsam, aber sicher über einige Stationen seines Lebens aus.

„Meine ganze Arbeit zielt darauf ab, Schuld aufzuzeigen und abzuarbeiten“, heißt es in einem seiner Tagebücher. Damit hat Kempowski vor allem die Schuld gemeint, die eigene Familie zerstört zu haben und schuldig auch an der Gefängnishaft der Mutter und des Bruders gewesen zu sein. All das sei aber, so sagt er jetzt, in den letzten Jahren in den Hintergrund getreten: „Ich denke nicht mehr daran. Die Schuld ist abgetragen wie eine gute Hypothek.“ Rostock, seine Heimatstadt, und Bautzen, wo er ab 1948 acht Jahre wegen Spionage einsitzen musste, hätten sich „aus-gedacht“, bestätigt er eine Formulierung aus seinem Tagebuchband „Hamit“. Aber er fügt an, dass die lange Haftzeit ihn weiterhin beschäftige: „Das war zu schlimm.“

Im gleichen, von einem Hustenanfall begleiteten Atemzug erklärt er nochmals seinen Ausspruch „Bautzen war ein Segen für mich“. Ohne die acht Jahre in Bautzen wäre er weder Lehrer noch Schriftsteller geworden. Auch sonst hätte die Haft ihn von der schiefen Bahn geholt: „Ich war verlottert, habe mich rumgetrieben, Jazzmusik gehört, geraucht und zu viel gesoffen.“

Es folgen Erinnerungen an seine Zeit als Lehrer in Nartum („Ich bin rasend gerne Lehrer gewesen“), an seine Erfolge mit den in den frühen siebziger Jahren veröffentlichten Romanen „Tadellöser & Wolf“ und „Uns geht’s ja noch gold“ („Da wurde ich als Unterhaltungsschriftsteller abgestempelt, in die Simmel-Kategorie gesteckt“), an den „Boykott“ durch die Medien („Das habe ich mir im schlimmsten Traum nicht vorgestellt“), an seine Schriftstellerseminare in Nartum („Kein Feuilleton hat jemals darüber berichtet“) und an das „Echolot“, das die Wende gebracht hätte: „Mit dem großen Lob von Frank Schirrmacher wurden die Vorhänge für mich zur Seite geschoben.“

Natürlich hat er am Tag zuvor auch die Gruppe-47-Show von Martin Walser, Günter Grass und Joachim Kaiser gesehen. Ein Kommentar dazu muss einfach sein, überhaupt zu „den drei Weisen aus dem Morgenland“, wie er seine Generationsgenossen nennt. „Kaiser, ein intelligenter Mann, der Klügste von allen. Walser, der war mal in Nartum. Trank gleich Rotwein. Sehr herzlich. Diese Art von Herzlichkeit aber ist sonderbar: Man kennt sich doch gar nicht. Zumal Walser keine Zeile von mir gelesen hatte!“ Und schließt hinter vorgehaltener Hand geradezu spitzbübisch an: „Ich aber auch nie von ihm!“ Und Grass? „Ja, Grass, unser SS-Mann. Dass die Leute den nicht links liegen lassen und ihm noch auf die Schulter klopfen, bei diesem Versteckspiel! Der muss damals wahnsinnig gewesen sein! Ich habe auch vor dem Tisch der SS-Werber gestanden. Und ich habe Nein gesagt!“

Walter Kempowski zeigt sich an diesem Montagnachmittag als der Mensch, den man aus seinen Tagebüchern zu kennen meint: Er erinnert sich, streift die Gegenwart, probiert Formulierungen und Meinungen aus, selbst auf die Gefahr, sich zu widersprechen. Er erzählt Banalitäten, etwa wie er sich im Hotel Kempinski in Berlin eine Magenverstimmung geholt habe. Streut Nachdenkliches ein: dass die viele, auch verbissen verrichtete Arbeit wohl Schuld an seiner Erkrankung sei. Und er müht sich um Bonmots, um Sätze für die Ewigkeit: „Ich habe es immer geschafft, die Querschläger des Schicksals abzuwehren, sie in eine richtige Richtung zu drehen.“

Zu guter Letzt will Kempowski von unserem Gespräch selbst profitieren. Da zückt er sein Tagebuch und fragt seinerseits: nach den Reisen, die der Besucher unternommen hätte („Wie ist das Essen in Chile? Hatten Sie die Scheißerei?“). Welches der letzter Deutschaufsatz in der Schule gewesen sei. Oder warum ausgerechnet Tischtennis eines Tages der Sport meiner Wahl geworden sei. Au einmal ist er in seinem liebsten Element, notiert eifrig, erscheint wacher und kräftiger als zu Beginn des Gesprächs. Aufzeichnungen wie diese sollen in sein auf drei Bände angelegtes Befragungsprojekt „Plankton“ kommen. Als „Ansammlung Tausender Erzählkristalle“ bezeichnet er dieses Projekt, das vermutlich immer auch dem Zweck dient, das Leben hereinzuholen nach Nartum. Das einen Ausgleich schaffen soll dafür, nie viel gereist zu sein und umso mehr zu Hause gearbeitet und „das Geld lieber in den Hausbau gesteckt zu haben“.

Schließlich kommt seine Frau, um ihn sanft zu ermahnen. Jetzt sei aber genug, sagt sie, bald komme die Krankengymnastin. Zudem drängt sie, weil zum Programm eines jeden Besuchs bei Kempowskis in Nartum eine kleine Führung gehört, durch noch mehr Archiv-, Arbeits- oder Ausstellungsräume.

Am längsten verweilen wir an einem Schreibtisch im Seminarsaal, der voller Manuskriptstapel liegt. Darunter befindet sich ein Gedichtband über Bautzen, der bald erscheinen soll, der begonnene neue Roman mit dem Titel „Kleine Liebe zu Trompeten“, die Tagebücher 1991 („Somnia“) und 1992 (noch ohne Titel), die „Plankton“-Skizzen sowie auch „etwas ganz Progressives, das kann ich Ihnen jetzt nicht mehr erklären“.

Ganz weit rechts liegt noch ein Stapel Seiten mit den Anfängen einer Autobiografie. Auf die verwunderte Frage, ob über ihn nicht schon alles in seinen Romanen und Tagebüchern stehe und eine Autobiografie überhaupt vonnöten sei, nickt Kempowski verständnisvoll. Dann aber sagt er: „Es gibt so viel, was ich noch nicht von mir erzählt habe.“

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