Literatur : Walter Ulbricht dachte wie Thomas Mann

Politisch verloren, moralisch gewonnen: Zwei DDR-Funktionäre erinnern sich an die gute alte Zeit

Stefan Berkholz
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Foto: Bernd Settnik

Edition Ost“ ist nicht bloß der Name eines Verlages, die Bezeichnung umreißt ein Programm: In der „Edition Ost“ werden Selbstdarstellungen ehemaliger SED-Funktionäre veröffentlicht. Das ist mitunter erhellend, manchmal auch peinlich oder ärgerlich. Auf alle Fälle bekommt man einen Begriff davon, wie entmachtete SED-Funktionäre heute denken. Zum Beispiel Herbert Graf: Der langjährige Mitarbeiter Walter Ulbrichts wurde 1930 bei Magdeburg geboren und trat mit 18 Jahren in die SED ein. Graf wurde, so schreibt er, vom „Aufbauenthusiasmus“ mitgerissen, er studierte an der „Hochschule für Planökonomie“. Vom Sommer 1954 bis zur Ablösung Walter Ulbrichts 1971 war Graf im Staatsrat tätig, wurde direkt von Ulbricht mit Aufgaben betraut.

Der Schwerpunkt seiner Erinnerungen liegt auf den Jahren 1956/57. Wieder und wieder umkreist der Autor die „Turbulenzen des Jahres 1956“. Für den „opferreichen und tragischen Konflikt“ in Ungarn 1956 nutzt Graf den Politjargon untergegangener Zeiten: „Führungskraft und Wachsamkeit (erschienen) als ein Gebot der Vernunft“, heißt es. In dieser vernebelnden Sprache sind große Teile des Buches gehalten. Die Menschen werden kaum kenntlich hinter den Worthülsen, Gedanken, Zweifel oder Irrtümer nicht benannt.

„Annähernd 20 Jahre habe ich in der Regierungskanzlei, später im Staatsrat, Walter Ulbricht als Mensch und Politiker näher kennengelernt“, schreibt Graf. Der Leser erwartet nun persönliche Auskünfte aus erster Hand. Doch man erfährt wenig über Ulbricht, die Gestalt bleibt blass und ohne Konturen. Nicht in Ansätzen gelingt Graf ein Porträt. Sein Vorgesetzter glänzt stets in hellsten Tönen: „Ulbrichts Demokratieansatz korrespondierte mit dem Gedanken Thomas Manns“, behauptet Graf. „Ulbricht bewies Format und taktisches Geschick beim Ausloten von Spielräumen in den Beziehungen zur UdSSR und deren Sicherheitsorganen.“ Ulbricht waren „Prinzipientreue, taktisches Vermögen und ausgeprägte Vorsicht im Umgang mit Mächtigen und deren Umfeld“ eigen. Im Regierungsgebäude gab man sich egalitär: „Rangordnungen spielten keine große Rolle … Es gab keine Geheimniskrämerei bei den Gehältern … Es gab wenig Tabus in dieser Gemeinschaft der Mitarbeiter … Beamtendünkel kam da wahrhaft nicht auf … Es war ein angenehmes Umfeld.“ Wie die Stimmung im Lande war, lässt Graf kaum erkennen, „das sozialistische Ziel“ freilich sei erreicht worden: Staat und Bürger begegneten sich auf Augenhöhe.

Der 17. Juni 1953 erscheint Graf nicht als ein spontanes Ereignis, denn die „Logistik und Organisation des Geschehens waren unübersehbar“. Zudem lasse sich anhand zeithistorischer Dokumente „zweifelsfrei erkennen, dass die verhängnisvollen Maßnahmen der Jahre 1952/53 zumeist auf Druck der Sowjetischen Kontrollkommission in Deutschland in Kraft gesetzt wurden“.

Mehrfach schwadroniert Graf über die Volksnähe der Funktionäre, so etwas wie „Vetternwirtschaft“ oder Begünstigungen anderer Art habe es nie gegeben. Der unwürdige Abgang Ulbrichts schließlich sei in Wirklichkeit der Anfang vom Ende der DDR gewesen. Honecker und seine Gefolgsleute waren für den Niedergang der DDR verantwortlich, meint Graf, denn zu Ulbrichts Zeiten sei der Staatshaushalt noch ausgeglichen gewesen.

Herbert Graf zeichnet das Bild eines selbstlosen Überzeugungstäters, hilfreich, edel und gut. Es ist eine breit angelegte und wiederholungsreiche Verteidigungs- und Rechtsfertigungsschrift von grobem Zuschnitt, überwiegend im gestanzten Parteideutsch verfasst.

Während der Bau der Berliner Mauer bei Herbert Graf bestenfalls als Randnotiz erwähnt wird, steht dieses Ereignis in einer anderen Autobiografie aus der „Edition Ost“ im Zentrum. „Auch ohne Details zu kennen“, schreibt Klaus-Dieter Baumgarten, „begrüßten wir den Schritt. Besonders uns Grenzern machte die ungeklärte Lage um Westberlin zu schaffen“. Der Soldat Baumgarten war seit 1965 in der Führung der Grenztruppen an verschiedenen Stellen tätig, ab 1979 (bis 1990) war er der Chef der Grenztruppen und Stellvertreter des Verteidigungsministers. Bereits in seinen Vorbemerkungen schreibt Baumgarten: „Als Soldaten im Sozialismus hatten wir geschworen, dem Frieden zu dienen, alles zu tun, dass vom deutschen Boden nie wieder Krieg ausgeht. Diesen Schwur haben wir trotz aller Anfeindungen in Ehren erfüllt.“

Militärisches Denken prägt auch die Sprache. Frauen zum Beispiel seien „das Hinterland der Soldaten“ gewesen. Von „ideologisch aufmunitioniert“ spricht der Verfasser, wenn er die Sichtweise des Westens im Kalten Krieg meint. Und mit dem Fall der Mauern und seiner Pensionärszeit in Zivil habe sich prompt ein anderes „Schlachtfeld“ aufgetan: „Vor dem Haus postierten sich die Paparazzi. Sobald ich die Gardine bewegte, ratterten draußen die motorgetriebenen Kameras wie Maschinengewehre. Ich sollte zur Strecke gebracht, eben abgeschossen werden.“

Seine Zeit in Uniform zeichnet Baumgarten als ein Leben wie im Schlaraffenland: Er schwärmt von „effektivem und beweglichem Einsatz“ entlang der Grenze, von „klassenbewussten, grenzdiensterfahrenen Berufssoldaten“. Einen Schießbefehl habe es nicht gegeben, „alle Fragen zur Sicherung der Staatsgrenze der DDR“ seien in Moskau entschieden worden, und: „der BGS und die bundesdeutsche Polizei (hatten) mehr Menschen auf dem Gewissen als die DDR-Grenzer“. Er selbst und seine Kameraden seien „de facto Staatsangestellte“ gewesen, „die die Gesetze des Landes durchzusetzen hatten“. Dafür habe er sich in Moskau „solides Wissen für den Einsatz von Massenvernichtungswaffen“ erworben.

„Ich war Kommunist, ein Dienender“, bekennt Baumgarten und bezeichnet „Privilegien und Machtmissbrauch“ als Erfindung des Klassenfeindes. Den 9. November 1989 schildert der ehemalige Befehlshaber als totales Chaos. Es muss ein völliges Durcheinander in den Kommandozentralen geherrscht haben, niemand habe etwas gewusst, aber: „Es fiel in jener Nacht kein Schuss, die Lage wurde gemeistert … Wir hatten politisch und militärisch verloren, aber moralisch gewonnen.“ Danach blieben die Kameradschaftstreffen, die Solidaritätsbekundungen, auch dann noch, als Baumgarten für längere Zeit im Gefängnis verschwand. Die Veteranen halten die Kontakte aufrecht, die Netzwerke funktionieren bis zum Tod. Baumgarten konnte seine Propagandaschrift gerade noch fertigstellen, er starb im Februar 2008.

Aufklärerisch wirkt weder der Bericht Herbert Grafs noch der Erinnerungsband von Klaus-Dieter Baumgarten. Aber sie ermöglichen Einblicke in eine isolierte und abgeschottete Welt. Der Leser kann, 20 Jahre nach dem Fall der Mauer, eine Ahnung davon bekommen, wie die ehemaligen Funktionsträger dachten und auch heute noch denken – und wie vernetzt sie weiterhin sind.

Herbert Graf: Mein Leben. Mein Chef Ulbricht. Meine Sicht der Dinge. Erinnerungen. Edition Ost, Berlin 2008. 544 Seiten, 19,90 Euro.

Klaus-Dieter Baumgarten: Erinnerungen. Autobiographie des Chefs der Grenztruppen der DDR. Edition Ost, Berlin 2008. 352 Seiten, 19,90 Euro.

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