Literatur : Was guckst Du?

Kohle, Forscher, Hasardeure: Sechs Neuerscheinungen über China – jenseits aller Klischees

Ruth Ciesinger,Jens Mühling









Helwig Schmidt- Glintzer:

Kleine

Geschichte Chinas, C.H. Beck, München 2008, 296 Seiten, 19,90 Euro.







Ingo Niermann: China ruft dich. Protokolle mit Fotografien von Antje Majewski. Rogner & Bernhard, Berlin 2008,

275 Seiten, 19,90 Euro.











Mark Leonard:

What does China think? HarperCollins,

New York 2008,

224 Seiten, 11,95 Euro.





James Mann: China Morgana. Chinas

Zukunft und die Selbsttäuschung

des Westens. Campus Verlag, Frankfurt 2008, 145 Seiten,

14,90 Euro.

Mehr als 70 Jahre später hat Frau Wang noch immer einen Heißhunger auf Salz. Damals, Anfang der 30er Jahre, hat sie zusammen mit ihren Freunden sogar die weißen Ablagerungen an Friedhofswänden ausgekocht, um den Mangel zu ertragen. Die Stadt Ruijin stand unter der Blockade der chinesischen Nationalisten, die Not der eingeschlossenen Kommunisten war groß. Doch Frau Wang und vielen anderen stand eine viel größere Marter erst noch bevor.

Der lange Marsch ist der Gründungsmythos der Volksrepublik China. Das Symbol dafür, dass für die kommunistische Bewegung alles möglich ist und nichts mehr so vernichtend sein kann wie die Vergangenheit. Noch heute glorifiziert die Propaganda den Rückzug vor den Truppen Chiang Kaisheks, der kein einzelner Marsch war, sondern die dreifache Flucht der 1., 2. und 4. Armee über verschiedene Routen. Sie führten durch Sümpfe, Wüsten und das tibetische Hochland, das Ende erreichten nur etwa 8000 der ursprünglich wohl 100 000 Menschen. Viele starben bei Kämpfen, verhungerten und erfroren. Und viele desertierten, weil sie ohnehin zwangsrekrutiert worden waren. Solche Details passen aber auch heute noch nicht ins Bild von den enthusiastischen Bauern, die begeistert mit den Kommunisten kämpften. Genau so wenig, dass die Rote Armee ihre Kriegskasse durch Geiselnahmen aufbesserte oder dass Mao falsche Entscheidungen traf und Tausende offenbar bewusst in den Tod schickte.

Doch es gibt in China noch Menschen, die damals mitmarschiert sind und die ihre Geschichte selbst erzählen können. Die Schriftstellerin und Filmproduzentin Sun Shuyun hat sich auf den Weg gemacht und aus diesen persönlichen Schicksalen den langen Marsch nacherzählt. Die Propagandistin Frau Wang, der Sanitäter Chen, der einfache Soldat Huang, viele von ihnen bekommen heute noch nicht einmal eine Rente. Trotzdem sind ihre Berichte nicht von Bitterkeit durchtränkt, sie sind nur, im Gegensatz zur Staatspropaganda, zutiefst menschlich. Sun Shuyun wollte auch keinen Enthüllungsbericht oder eine Anklageschrift verfassen. Aber die Menschen, denen Ehre gebührt, sollen diese erfahren. Dass die Regierung noch nicht dazu in der Lage ist, sich offen der Vergangenheit zu stellen, bedauert sie – nicht mehr und nicht weniger.



China? Schwer zu erklären. Sagt wohl jeder, der mal da war. Andererseits neigen gerade die, die schon mal da waren, am hartnäckigsten zum China-Erklären – schließlich will man die öffentliche Meinung in der Heimat nicht den Wichtigtuern überlassen, die das Land nur aus der Ferne beurteilen. Besonders „Expats“, also Menschen, die auf Dauer im Ausland verbringen, legen sich mit der Zeit gerne ihre ganz persönliche Landeslegende zurecht – und wer danach fragt, bekommt so viele Interpretationen zu hören, wie es in China Ausländer gibt.

Genau das macht den Reiz des Protokollbands „China ruft dich“ aus. Der Schriftsteller Ingo Niermann lässt darin Ausländer, die in China leben, sowie Chinesen, die nach längeren Auslandsaufenthalten zurückgekehrt sind, über ihre ganz persönliche Landeswahrnehmung philosophieren. Das Ergebnis ist ein Panorama, das paradoxerweise gerade wegen seiner Widersprüche erhellender wirkt als so mancher monographische Erklärungsversuch.

Zu Wort kommen unter anderem: der letzte Militärattaché der chinesischen DDR-Botschaft, der heute in Peking einen deutschen Schlachthof mit Restaurant betreibt; ein schwedischer Schauspieler, der schon als Kind darauf bestand, mit Stäbchen zu essen; eine zwielichtige amerikanische Investment-Hasardeurin und ihr polizeilich gesuchter Ehemann; ein russischer Sinologe; ein chinesischer Self-Made-Man, der seine ersten Dollars als fliegender Händler in der transsibirischen Eisenbahn verdient, später als Sammler politisch brisanter Kunstwerke in Amerika untertaucht und heute eine Teeplantage in Südchina bewirtschaftet; der Künstler Ai Weiwei; und zwei deutsche Eheleute, die ihre mittelständische Werkzeugfirma nach China verlegen.



James Mann ist wütend. Wütend und enttäuscht. Über Phrasen, Klischees, falsche Hoffnungen und vor allem über die Politik in Washington. Weil Amerikas Regierung, wie er findet, seit Jahrzehnten eine Chinapolitik betreibt, die vielleicht kurzfristig nutzt, aber langfristig schadet – und zwar Chinesen wie Amerikanern. Nur weil in Peking oder Schanghai die Menschen ihren Kaffee wie in New York oder Los Angeles bei Starbucks trinken, sei China noch lange nicht demokratisch, wiederholt er immer wieder und warnt davor, dass mehr und mehr Handel mit Peking dort nicht automatisch zu mehr Meinungsfreiheit und Rechtsstaat führt. Ihm fehlt, und das ist die Essenz seiner Brandschrift „China Morgana“, eine echte Debatte darüber, wo es mit China hingehen kann in den kommenden Jahren und Jahrzehnten. Eine dauerhafte Autokratie, das ist es, was Mann erwartet und fürchtet, worüber aber in Washington seiner Ansicht nach niemand spricht.

Mann, der bis Mitte der 80er Jahre für die „Los Angeles Times“ als Chinakorrespondent gearbeitet hat, gibt den einsamen Rufer in der Wüste, dessen Mahnungen keiner so Recht hören mag. Früher nicht, weil China vor dem Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs als Gegengewicht zur Sowjetunion den US-Präsidenten gerade Recht kam, und heute nicht, weil jetzt kein US-Investor auf seinen Anteil am chinesischen Wirtschaftswunder verzichten mag. Dass Mann darauf hinweist, ist wichtig. Genauso wie der Gedanke, was für weltpolitische Folgen ein autokratisches China nach sich zieht, auf dessen Unterstützung andere Diktaturen auf Dauer zählen dürfen.

Nur ist Manns reiner Furor allein doch etwas mager. Warum ist China so wichtig für die US-Wirtschaft? Wie eng sind beide Länder miteinander verbunden? Wo liegen die dramatischsten Probleme im chinesischen System und wer sind dessen wichtigste Propagandisten? Und was, vor allem, wären die Alternativen für den Umgang mit China? Diese Fragen beantwortet Mann nicht. Das aber hätte aus der Polemik ein richtig spannendes Buch gemacht.

Wo anfangen, wenn die Geschichte Chinas erzählt werden soll? Beim Youanmou- Menschen, von dem Forscher glauben, er sei vor 1,7 Millionen Jahren durch Ostasien gezogen? Bei Konfuzius, dem „Lehrer Chinas“, dessen Philosophie bis heute wirkt? Bei Chinas erstem Kaiser Qin Shihuangdi? 210 vor Christus ist er gestorben, eine Armee aus 7000 lebensgroßen Tonsoldaten sollte ihn noch im Tod beschützen. Seit vor über 30 Jahren seine riesige Grabanlage entdeckt wurde, haben die irdenen Krieger vor allem die Faszination an Chinas hochentwickelter Vergangenheit weit über enge Wissenschaftszirkel wieder erweckt.

Diese Vergangenheit zu erkunden, auf dass sie zum Verstehen des heutigen Chinas helfe, nicht weniger hat sich der Sinologe Helwig Schmidt-Glintzer vorgenommen. Es kann schließlich gar nicht genug Versuche geben, die Entwicklung Chinas mit seinem Wirtschaftsaufschwung und dem unaufhaltsamen Weg zur Weltmacht verständlicher zu machen. Wer dabei nur das Land von heute sieht, das noch dem großen Vorsitzenden Mao huldigt, aber zugleich einen Kapitalismus praktiziert, der vielen Europäern unheimlich ist, dem erscheint dies alles abstrakt und wenig nachvollziehbar. Das Wissen von Tradition, Gesellschaftsstrukturen und Konflikten, die ihre Wurzeln weit vor 1949 legten, hilft da gewaltig.

Schmidt-Glintzer räumt dennoch der jüngsten Historie den meisten Platz ein, nicht aber, bevor er sich mit der „Reichseinigung“, dem bürokratischen China der Kaiserzeit und der Auseinandersetzung mit Europa beschäftigt hat. Eindrücklich sind die Fotografien und Grafiken, die den manchmal knapp geratenen Text zahlreich ergänzen. „Eine kleine Geschichte Chinas“ ist ein Appetithappen, der Lust macht auf mehr, kein umfassender Abriss der chinesischen Historie. Gerade darin liegt der Reiz des Buches, das entsprechend dem Satz „Keine Zukunft ohne Herkunft“ zugleich einen Hinweis gibt auf das, was da noch kommen kann.



Eine kurze Informationsreise, mehr hatte Mark Leonard nicht geplant. In Peking wollte sich der Direktor des „European Council on Foreign Relations“ einen groben Überblick über die chinesische Think-Tank-Szene verschaffen. Gleich die erste Station wurde zum Augenöffner: Wang Luolin, Vizechef der „Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften“, nahm Leonard in Empfang; nachdem der Brite kurz den Stellenwert seiner Institution umrissen hatte – 20 Mitarbeiter, 25 Publikationen, 50 Seminare im Jahr –, bekam er Unglaubliches zu hören: Seine Institution, erläuterte der Chinese, beschäftige in 50 Forschungszentren 4000 Mitarbeiter, die sich dem Studium von 250 Disziplinen widmeten.

Aus Leonards Kurztrip wurde eine Mission. Wenn, sagte sich der Brite, in China schon eine einzige Denkfabrik mehr Köpfe zählt als die komplette Think- Tank-Community Europas zusammen – dann sollten wir uns mit den Ideen der Chinesen tunlichst auseinandersetzen. Leonard studierte wirtschafts-, und sozialwissenschaftliche Denkströmungen und schrieb ein Buch, das in der Publikationsflut dieser Tage zu den erstaunlicheren gehört. „What Does China Think?“, bisher nur auf Englisch erhältlich, stellt unser China-Bild vom Kopf auf die Füße, indem es 2,6 Milliarden anonymen Füßen ein Dutzend prominenter Köpfe zuordnet.

Sichtbar wird dabei, dass die chinesische KP keineswegs das monolithische Gebilde ist, als das sie im Westen gerne wahrgenommen wird. Leonard fächert Strömungen auf, die um Einfluss ringen: die Rechte, die in der wirtschaftsliberalen Tradition Deng Xiaopings steht, eine „neue Linke“, die für stärkere Umverteilung plädiert, ohne dafür auf Marx zurückzugreifen. Weiter verdeutlicht Leonard, wie die KP mit punktuellen demokratischen Experimenten ihre Macht zu legitimieren sucht, etwa durch die Einführung von Direktwahlen in ausgesuchten Regionen – Deng Xiaopings Strategie der Sonderwirtschaftszonen, in denen „einige zuerst reich werden“, findet ihr politisches Echo. Die spannendsten Kapitel schildern Chinas Suche nach einer außenpolitischen Strategie: Sowohl im Ringen mit den USA als auch in der Entwicklungszusammenarbeit mit der „Dritten Welt“ zeichnen sich Leonard zufolge Ideen ab, die das westliche Verständnis der Welt stärker in Frage stellen könnten als es der Aufstieg Chinas schon heute tut.

Welche außenpolitische Strategie ist im Umgang mit China die richtige? Nicht erst seit dem Besuch des Dalai Lama in Deutschland und den Unruhen in Tibet wird im Westen erbittert über diese Frage gestritten. Soll man die chinesische Führung offen für Missstände kritisieren? Oder lieber realpolitisch mit der KP kuscheln – in der Hoffnung, dass China aus eigener Kraft der Sprung in die Zivilgesellschaft gelingt? Ein entschiedenes Plädoyer für die zweite Variante legt nun der Journalist Georg Blume vor, der seit gut zehn Jahren als Korrespondent der „Zeit“ und der Berliner „tageszeitung“ in Peking lebt.

In seinem provokanten Essay „China ist kein Reich des Bösen“ kritisiert er die in seinen Augen maßlose Rechthaberei und Arroganz des Westens im Umgang mit China – und fordert stattdessen Respekt für die enormen Transformationsleistungen der chinesischen Führung. Dass ein Land mit derart gravierenden sozialen Spannungen, ethnischen Differenzen und unbewältigten Reformaufgaben sich so weitgehend konfliktfrei entwickle, grenze an ein Wunder, schreibt Blume. Allen Unkenrufen zum Trotz sei die KP seit 30 Jahren „damit beschäftigt, den ersten modernen, wirtschaftlich entwickelten Rechtsstaat der chinesischen Geschichte aufzubauen“.

Das wiederum sollte die Agenda für Deutschlands Umgang mit dem Reich der Mitte setzen: „Den Übergang (...) gestalten helfen – das wäre die vornehmste Aufgabe westlicher Außenpolitik gegenüber China.“ Versäumnisse sieht Blume in dieser Hinsicht vor allem bei Kanzlerin Angela Merkel, die durch unüberlegtes Vorgehen die wegbereitende Politik ihrer Amtsvorgänger Schröder, Kohl und Schmidt zunichte mache.









Sun Shuyun: Maos langer Marsch.

Mythos und Wahrheit. Propyläen Verlag,

Berlin 2008,

381 Seiten, 22,90 Euro.





Georg Blume:

China ist kein Reich des Bösen. Trotz Tibet muss Berlin auf

Peking setzen. Edition Körber-Stiftung,

Hamburg 2008,

104 Seiten, 10 Euro.

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