Wassili Grossman : "Leben und Schicksal"

In der Sowjetunion verboten, jetzt zum ersten Mal vollständig auf Deutsch erschienen: Das Stalingrad-Epos "Leben und Schicksal“.

Katharina Narbutovic

Im Zentrum von Wassili Grossmans Epos „Leben und Schicksal“ findet sich eine Szene, die sofort einsichtig macht, warum dieses Buch in der Sowjetunion nicht erscheinen durfte und der Geheimdienst fieberhaft nach allen Manuskriptkopien fahndete. Es handelt sich um eine gespenstische nächtliche Begegnung, bei der SS-Obersturmbannführer Liss den russischen Lagerhäftling Michail Sidorowitsch Mostowskoi zu sich ins Arbeitszimmer bringen lässt, einen Bolschewisten der ersten Stunde, und ihm die Analogie von deutschem Nationalsozialismus und sowjetischem Sozialismus zu beweisen versucht: Beide Systeme mit ihrer Ideologie, ihrer Einparteienherrschaft, den Lagern für die Volksfeinde, der Anwendung von „nötigem“ Terror zur Durchsetzung des „Guten“ und dem latenten bzw. unverhüllten Antisemitismus sind für Liss zwei Formen ein und derselben Sache. Ein Sirenengesang, den Himmlers Stellvertreter da vor dem überzeugten Kommunisten anstimmt. Und eine Ungeheuerlichkeit in der Sowjetunion der 1960er Jahre, der Gedanke von der Gleichheit der beiden totalitären Systeme, der sich wie ein roter Faden durch den Roman zieht.

Dabei zählte Wassili Grossman nicht von vornherein zu den Dissidenten. Er war ein von Maxim Gorki und Michail Bulgakow geförderter Autor, der seine ersten Erzählungen im Rahmen des Erlaubten schrieb – bis Verhaftungen im engeren Familienkreis, die Verbringung seiner Mutter ins jüdische Ghetto des von der Wehrmacht besetzten Berditschew und ihr sicherer Tod, die Diskrepanz zwischen den eigenen Erlebnissen als Kriegsberichterstatter und der Darstellung der Ereignisse in der offiziellen Geschichtsschreibung sowie die antisemitischen Kampagnen in Moskau Anfang der 1950er Jahre ihm jede Illusion nahmen. Irgendwann während der langjährigen Arbeit an „Leben und Schicksal“ ließ Wassili Grossman alle politische Rücksichtnahme fallen und fühlte sich von da an nur noch der „gnadenlosen Wahrheit“ verpflichtet: der Wahrheit des Krieges, wie er sie in seiner dreijährigen Tätigkeit als Sonderberichterstatter von „Krassnaja Swesda“, der Zeitung der Roten Armee, an der Front erfahren hatte, der Wahrheit der Soldaten und Zivilisten, deren Geschichten er sich notiert hatte, der Wahrheit der Judenverfolgung und der deutschen Vernichtungslager, wie er sie in Treblinka gesehen hatte.

„Leben und Schicksal“ ist ein groß angelegter realistischer Roman über Russland in den Jahren 1942/43, einen Schlüsselmoment in der Geschichte des Landes, als die deutsche Wehrmacht vor Stalingrad und die Sowjetunion vor der entscheidenden Schlacht stand. Wie Leo Tolstoi in „Krieg und Frieden“ entrollt Wassili Grossman ein gewaltiges Panorama Russlands. Schilderungen vom Kriegsschauplatz Stalingrad stehen neben Szenen zivilen Lebens im Hinterland, der sowjetische Gulag neben jüdischen Ghettos und deutschen Konzentrationslagern, unberührte Wälder neben der breiten Wolga, Parteifunktionäre neben Moskauer Intellektuellen, einfache Soldaten neben Kommandeuren. Und wie Tolstoi erhebt Wassili Grossman den Anspruch, den Geist und die Mechanismen seiner Epoche in einer Gesamtschau des Lebens festzuhalten.

Im Mittelpunkt seines weitverzweigten Romans, der vom eisigen Wind des „Wolfshund-Jahrhunderts“ (Ossip Mandelstam) durchzogen ist, steht die Familie der Schaposchnikows und Strums. Sie alle werden im Alltag der Stalinzeit vor schicksalhafte Situationen gestellt: Viktor Strum, ein brillanter Kernphysiker, der aus Angst um seine staatliche Anerkennung in einem schwachen Moment einen verleumderischen Brief unterschreibt. Seine Frau Ljudmila, deren Sohn Tolja im Krieg stirbt. Ljudmilas Schwester Jewgenija Schaposchnikowa, die ihre neue Liebe aufgibt und ihrem Ex-Mann, einem eingefleischten Politkommissar, beisteht, als dieser verhaftet und in die Lubjanka verbracht wird. Ljudmilas erster Mann Abartschuk, der noch als Häftling im sowjetischen Arbeitslager den Gedanken seines politischen Lehrers Magar nicht an sich heranlassen will, dass sie alle sich geirrt und die Freiheit mit Füßen zertreten haben.

Dem Kampf, den politische Systeme und Weltreligionen im Namen des „Guten“ führen, setzt Wassili Grossman die Freiheit des Einzelnen und die „menschliche Güte“ entgegen: „Das ist die private Güte des Einzelnen gegenüber einem anderen Einzelnen, die kleine Güte, die keinen Zeugen hat und keine Idee; man könnte sie die gedankenlose Güte nennen; Güte des Menschen außerhalb des religiösen und gesellschaftlichen Guten.“ Anders als Warlam Schalamow, der in seinen „Erzählungen aus Kolyma“ die Grenze aufgezeigt hat, „jenseits deren jede Seele zerstört wird“ (Viktor Jerofejew), glaubte Wassili Grossman noch an den Menschen und ist sein Roman von einem tiefen Humanismus durchzogen.

„Ich liebe die Menschen. Mich interessiert ihr Leben“, notierte er in seinem Kriegstagebuch. Was ihn am meisten beschäftigte, das waren die Natur des Menschen und die Beweggründe seines Handelns – ohne dass Wassili Grossman dabei naiv gewesen wäre. Wie lässt es sich erklären, dass in den deutschen Lagern die Gefangenen selbst für die innere Ordnung in den Baracken sorgten und es nur weniger SS-Aufseher bedurfte? Warum halten Menschen im Ghetto ihr Alltagsleben aufrecht, auch wenn sie wissen, dass sie dort zusammengepfercht sind, um „geschlachtet“ zu werden? Nur zwei der vielen Fragen über das Wesen des Menschen, die Wassili Grossman in „Leben und Schicksal“ verhandelt und die das Buch so interessant machen.

Seinen überreichen Fundus an Figuren und Geschichten hat Grossman während seiner 1000 Tage als Kriegsberichterstatter gesammel. Alle Etappen hat er miterlebt: den Vormarsch der Deutschen und das Zurückweichen der Roten Armee bis vor die Tore Moskaus, den Häuserkampf um Stalingrad, die Panzerschlacht um Kursk, die Befreiung des Vernichtungslagers Treblinka, die Eroberung Berlins. Immer war er in vorderster Linie dabei, führte lange Gespräche mit Kommandeuren und einfachen Soldaten, hielt alles, was er sah, in dichten Momentaufnahmen fest. Ein friedliches Dorf bei Gomel an einem heißen Sommermorgen, von dem am selben Abend nicht mehr geblieben ist als zertrümmerte Häuser und umherirrende Menschen mit „Wahnsinn im Blick“; Orjol mit der nächtlichen Flut der Flüchtenden auf den Straßen, während deutsche Panzer auf die Stadt zurasen; sechs Pioniere in Stalingrad, ein jeder mit zehn Pud Sprengstoff auf dem Rücken, die sich unter Beschuss der Deutschen Meter für Meter vorarbeiten; die Stille in der kalmückischen Steppe nach dem Abzug der Deutschen, wo der Schrecken der verminten Straßen regiert.

Sprachlich brillante, eindringliche Bilder von Menschen und Landschaften, mit denen Wassili Grossman dem Krieg ein Gesicht gab. Die Soldaten liebten ihn für seine in der „Krassnaja Swesda“ veröffentlichten Reportagen, weil sie sich in seinen Porträts wiedererkannten und die Aufrichtigkeit seiner Schilderungen spürten. In seinen unerlaubten Tagebuchnotizen jedoch ging Grossman noch einen Schritt weiter und machte auch vor Tabuthemen nicht halt: dem militärischen Desaster zu Kriegsbeginn, der Hungerkatastrophe und der Zwangskollektivierung in der Ukraine, die zu einer Kollaboration der Bevölkerung mit den deutschen Besatzern führte, den Vergewaltigungen deutscher Frauen durch Soldaten der Roten Armee. Antony Beevor und Luba Vinogradova erzählen in „Ein Schriftsteller im Krieg. Wassili Grossman und die Rote Armee 1941-1945“ (aus dem Englischen und Russischen von Helmut Ettinger, C. Bertelsmann, München. 480 S., 24,95 €) eindrucksvoll davon.

Immer wieder neu beeindruckt, wie weit Wassili Grossmans Einfühlungsvermögen reicht. Doch es stockt einem der Atem, liest man seine Beschreibung des Vernichtungslagers Treblinka. Wie Wassili Grossman sich auf zwanzig Seiten die Perspektive der Opfer zu eigen macht und eine Innenansicht der Hölle von Treblinka liefert, die sich einem tief ins Mark schneidet, das ist große Literatur. Wassili Grossmans Wahrheit über den Krieg, seine Wahrheit über die Verfolgung und Vernichtung der Juden – die in der Sowjetunion nicht als solche benannt werden durften –, seine Wahrheit über die menschlichen Verbiegungen im Namen der Ideologie, sie sind zentrale Bausteine zum Verständnis des 20., des „Wolfshund-Jahrhunderts“, die uns so bisher in unserem Gesamtbild gefehlt haben.

Wassili Grossman:

Leben und Schicksal. Roman. Aus dem Russischen von Madeleine von Ballestrem, Elisabeth Markstein, Annelore Nitschke und Arkadi Dorfmann. Claassen, Berlin 2007. 1056 Seiten, 24,90 €.

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