Weg zum Ich : Backenzahn, sprich!

Gehört die Nase wirklich Cyrano de Bergerac? Der Amerikaner Raymond Federman entdeckt den Kosmos des eigenen Körpers.

Ulrich Rüdenauer

Ist der Körper mehr als die Summe seiner Teile? Bei Raymond Federman erscheint schon jedes einzelne Körperteil als eigener Kosmos, als vollständiges Wesen, als Erinnerungsspeicher. Seine Zehen parlieren auf Französisch ebenso gern wie auf Englisch; und die zum Cäsarenschnitt in die Stirn gekämmten Haare lösen nicht nur Depressionen, sondern auch Schreibblockaden auf magische Weise. Die Hände hingegen sind dem Autor Erweiterungen der Augen. Die imposante, krumm gewachsene Nase, Anlass für Leid und Selbstbewusstsein zugleich, hat sogar das Zeug zur Hochstapelei: Sie glaubt ganz unbescheiden, Cyrano de Bergeracs Riechorgan zu sein.

„Mein Körper in neun Teilen“ heißt Raymond Federmans charmantes Buch, in dem er auf dem Weg zum Ich alle entscheidenden anatomischen Stationen passiert und sich dabei auch seinen Narben, den Haaren, der Stimme, den Ohren, dem Geschlechtsteil und einem abgebrochenen Backenzahn widmet. Die Körperteile sind Schreibanlässe und zugleich Orte der eigenen Biografie. Das Erleben verwandelt sich bei Federman in ein assoziatives, wild ins Kraut schießendes Erzählen. Sich selbst so radikal durchs Mikroskop zu betrachten, auch die körperlichen Unzulänglichkeiten, lässt auf eine Form der Eitelkeit schließen, die sich zugleich über alles Eitle lustig macht.

Man lernt den Jungen kennen, der von der Mutter ermahnt wird, sich zu kämmen, der sein Haar mit Wasser an den Kopf klatscht, während die reichen Jungs es auftoupieren. Später begegnet man dem Schriftsteller, der in eine Schreibkrise gerät, die ihre Ursache im ersten Auftrumpfen der Vergänglichkeit hat: Die Haare werden lichter, die Anzeichen des Alters erschrecken den Mann, der eben noch in schönster Blüte stand. Seine Augen spiegelt er in denen der Frauen, die er geliebt hat, und die Frauen finden die Federman’schen Augen „tiefgründig“ und „sexy“. Und er bekennt sich dazu, nicht nur Voyeur zu sein, sondern auch „Toucheur“ – einer, der sich daran freut, die Dinge zu liebkosen. Die Freude des Berührens ist in der Freude des Beschreibens aufgehoben. „Die Geschichten, die ich schreibe, sind mein Leben“, sagte Federman einmal. Dieses Leben wäre ihm mit 14 Jahren fast genommen worden: Raymond Federman, der amerikanische Schriftsteller jüdischer Herkunft, wurde 1928 in Paris geboren; und dann ein zweites Mal am 16. Juli 1942, als französische Polizisten und Gestapo in die elterliche Wohnung eindrangen.

Die geistesgegenwärtige Mutter stößt ihn in einen Wandschrank. Die Nazischergen übersehen ihn, er kann fliehen; der Rest seiner Familie wird umgebracht. In den Vereinigten Staaten beginnt für den französischen Jungen ein neues Leben als amerikanischer Mann. Federman, der sich den Surrealisten und Samuel Beckett nahe fühlte, dem sogenannten postmodernen Roman in den USA Impulse lieferte, hat diese Geburt als ein immerwährendes Rätsel betrachtet: Warum ihn die Mutter in den Schrank stieß und er überlebte, ist die Frage, die seinen Romanen, so spielerisch sie erscheinen, ihre existenzielle Tiefe verleiht. Die Teile des Körpers fügen sich nie zum Ganzen; die schlüssige, Zusammenhang herstellende Geschichte seines Lebens wurde an jenem Julitag des Jahres 1942 Körperteil – noch der kleine Zeh, bewahrt Erinnerung. Daran muss man sich halten, wenn die große, bruchlose Erzählung zur Unmöglichkeit wird.

Die Stimme ist es, lesen wir einmal, „die dem Nichts, das uns vorangeht, und dem Nichts, das sich uns entgegenstellt, widersteht“. Sie erzählt die ganze menschliche Komödie. Man hört sie sogar noch, wenn der Körper längst der Vergangenheit gehört. Denn die Geschichten überleben.

Raymond Federman: Mein Körper

in neun Teilen. Aus dem amerikanischen

Englisch von Peter Torberg. Matthes & Seitz, Berlin 2008.

128 Seiten, 14,80 €.

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