Weimarer Geist : Briefe des Theodor Heuss

"Kronprinze müsset warte könne": Die Briefe des späteren Bundespräsidenten in Michaels Dorrmanns "Theodor Heuss - Bürger der Weimarer Republik".

Hermann Rudolph
261208_0_9897b62e.jpg

Theodor Heuss war zu Anfang der Weimarer Republik 35 Jahre alt, zu ihrem Ende fast 50. Sie umfasst mithin seine mittleren Mannesjahre und zugleich den Zeitraum, in dem sein politisches Leben einen ersten Höhepunkt erreicht – das Reichstagsmandat von 1924 bis 1928 und dann nochmals von 1930 bis 1933, seine Tätigkeit an der Hochschule für Politik, ausgebreitete Aktivitäten als Publizist und Herausgeber. Doch der zweite Band, der die Briefedition des ersten Bundespräsidenten fortsetzt, ist nicht nur ein Zeugnis eines engagierten Lebens mit dieser aufregenden Epoche. Er spiegelt auch die Anstrengung, sich als politische Existenz in ihr zu behaupten.

Immerhin weiß man nach der Lektüre ziemlich präzis, was Heuss meinte, als er in seinen Erinnerungen mit dem Blick auf diese Jahre bekannte, dass er „schrecklich fleißig“ gewesen sei. Immer ist er tätig, redend und publizierend und nicht zuletzt reisend, denn das politische Feld, das er von Berlin aus, wo er seit 1918 lebt, beackern muss, liegt in Württemberg, sofern es sich nicht über das halbe Deutschland ausdehnt. Indessen gilt ein erstaunlich großer, fast beklemmender Anteil dieser Aktivität dem Räderwerk des Partei- und Politikbetriebs. Das ersehnte Mandat auf der Reichsebene bleibt ihm zunächst versagt – „Kronprinze müsset warte könne“ bescheidet ihn der württembergische Parteipatriarch Payer –, später muss er hart mit den Vor-Ort-Größen um die Positionen ringen, auf die er ein Anrecht zu haben glaubt. Die Briefe sind voll mit krudem politischen Fuß-am-Fuß-Gerangel: Immer müssen da Kontakte gepflegt und Parteifreunde mobilisiert werden; später dann, gegen Ende der Republik, geht es um prekäre Bündnisse, die das politische Überleben sichern sollen.

"Spießertum und Steifheit in den etablierten Parteien"

Die Briefe lassen auch erkennen, auf welchem unsicheren Boden selbst die von Grund auf bürgerliche Existenz ruht, die Heuss führt. Fest verwurzelt im bildungsbürgerlichen Milieu ist er doch ein Beispiel für den Typus des freischwebenden Intellektuellen, der in dieser Zeit von der Soziologie entdeckt wird. Seine festen Einnahmen sind so begrenzt, dass er durchweg darauf angewiesen ist, sie „durch einige Publizistik … zu ergänzen“, und es fällt auch wirtschaftlich ins Gewicht, dass seine Frau Elly Heuss „munter, freilich für ein Bettelgeld, Sozialbeamtinnen und Kinderhortlerinnen unterrichtet“. Als er für den Vorsitz der Partei ins Gespräch gebracht wird, lehnt er auch aus wirtschaftlichen Gründen ab – bei noch nicht 350 Reichsmark im Monat muss „das andere eben einfach Tag für Tag hinzuverdient werden“.

Schwerer wiegt allerdings die Erosion des politischen Bodens, auf dem Heuss steht – die bürgerliche Mitte und ihre Repräsentanz in der Deutschen Demokratischen Partei, der eigentlichen Gründerpartei der Weimarer Republik. Aber auch in den letzten Jahren der Republik bleibt er ein Mann des bürgerlichen Parteibetriebs. Dabei ist er sich bewusst, „wie viel nur Spießertum und Steifheit der Gedanken in den alten Parteien, also auch den Demokraten, vorhanden sind“. Er selbst ist offen genug, zu spüren, „wie die Dinge geistig und sachlich unterwegs sind“. Die Neigung des Sohnes zu den Sozialdemokraten macht ihn allerdings ratlos. Und gegen die Störungen seiner Veranstaltungen durch die Nazis bietet er vor allem die Genugtuung auf, dass sie, wenn man sie „schwäbisch anfasst“, „nach einigem Geschrei völlig still wurden“.

Doch das Experiment der Verbindung mit völkisch-nationalen Gruppierungen zur Staatspartei, das die Demokraten 1930 unternehmen, um vom Wind des Wandels zu profitieren, erkennt er rasch als Sackgasse. Enttäuscht resümiert er, es stecke in den alten Parteien „doch mehr solide Arbeit, Kenntnis und Treue im Kleinen als in vielen sogenannten ,Bewegungen’, bei denen Anspruch und Geste in keiner Beziehung stehen zu Leistung und Bewährung“. Zwischen dem Tribut an den Zeitgeist und eigener Überzeugung postuliert er den Glauben, dass die Demokratie „erst am Beginn ihrer Aufgabe steht, die Nation zu gestalten und zwischen individualistischem Erbe und Gemeinschaftssinn die Synthese zu schaffen“. Da hat, im Herbst 1930, das Endspiel der Weimarer Republik schon begonnen. Aber niemand ahnt, dass bis zur Probe auf die Zukunftsfähigkeit der Demokratie noch ein Weltuntergang zu bewältigen ist.

– Michael Dorrmann (Hg.): Theodor Heuss – Bürger der Weimarer Republik.

Briefe 1918–1933.

Verlag K.G. Saur, München 2008.

631 Seiten, 39,80 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar