Literatur : Wer am Rand steht, tanzt mit allen

Gianni Celatis heitere Geschichten aus dem kleinstädtischen Italien

Ulrich Rüdenauer
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Wer sich auf die Literatur einlässt, ist manchmal fürs Leben verloren. Zumindest Herr Bacchini, ein solider Bankangestellter, fällt ihr zum Opfer: Seine Lektüren machen ihn sehnsüchtig. Er ist plötzlich zum Sinnieren aufgelegt und fühlt sich sogar zum Schreiben berufen. „Das Laster des Lesens“, das ihm der Vater des Ich-Erzählers einimpft, führt bei ihm zwangsläufig zum „Laster des Schreibens“: Obwohl er die schöne Urania geehelicht hat und zufrieden sein könnte, fühlt er sich plötzlich „eingezwängt“. Also fühlen sich auch seine Figuren eingezwängt. Die Lokalzeitung druckt seine Erzählungen.

Die erste nimmt Urania nicht recht zur Kenntnis, sonst hätten schon früher die Alarmglocken geschrillt: „Unangenehm wurde es, als Urania einige Sätze aus der zweiten Erzählung las. Die reichten ihr, um zu verstehen, wie viel es geschlagen hatte.“ Sie nimmt Herrn Bacchini nun beim literarischen Wort. Und verdächtigt ihn der Untreue, zumindest ahnt sie, dass er sie „zur Nachtzeit Erzählungen schreibend“ betrügt. Ein Privatdetektiv liefert dann die absurden fehlenden Beweise. Und schon ist für Bacchini das schöne kleinbürgerliche Leben dahin.

Wer sich auf die Literatur Gianni Celatis einlässt, ist fürs Lesen gewonnen: Er erzählt in „Was für ein Leben!“ auf so nonchalante, beiläufige, wundervolle Weise „Episoden aus dem Alltag der Italiener“, dass man diesen Italienern am liebsten beim nächsten Italienurlaub begegnen würde. Man hätte aber vermutlich Schwierigkeiten, sie wirklich zu treffen. Die Zeit, in der diese Zoffis, Puccis und Bordignonis, allesamt Schulkameraden des immer wieder sich einmischenden Erzählers, mit leidenschaftlichen Augen den Frauen hinterherblickten, ist vergangen.

Celatis Mentalitätsgeschichte trägt die Melancholie des Verlorenen in sich: Die kleinstädtischen Rituale und Marktplatzklatschgeschichten spielen in einem Kosmos der Nachkriegszeit. Die dörfliche Struktur ermöglicht es Celati, jene Spannung zwischen Konformitätsdruck und Ausbruchssehnsucht zu erzeugen, die seinen Figuren zuweilen den Verstand raubt. Erinnerungen an die Jugend des 1937 geborenen Autors werden hier meisterlich aufgefächert, seine Helden aus verschiedenen Winkeln betrachtet, so dass sie mal im Zentrum einer Geschichte, mal nur in Nebensätzen auftauchen.

Zoffi etwa, ein „sensibler Typ“: Er macht die ungeheuerliche Entdeckung, dass er von allem getrennt und in seine Gedanken eingeschlossen ist. Das Eingeschlossensein erzeugt umso klaustrophobischere Gefühle, als er den Tabakladen der Eltern übernehmen muss. Wenn die Rentner in den Laden kommen, um zu rauchen und zu quatschen, fühlt er sich so allein, „dass er manchmal plötzlich den Laden verlassen und hinausrennen musste, einen Gang in Richtung Stadtmauer zu machen“. Der philosophische Diskussionszirkel, den er mit Freunden gründet, bringt da kaum Linderung: Nachdenken macht alles noch komplizierter. Wenn man sich vom Überkommenen lösen und dem Normalen entfliehen will, hat man es in der Provinz nicht einfach.

Der Erzähler selbst ist sowohl Mitspieler als auch Beobachter dieser Entmystifizierung der italienischen Idylle. „Wer am Rande der Tanzfläche steht, tanzt mit allen“ – Pessoas schöne Poetologie in nuce ließe sich auch Celati in den Mund legen. Schwebend und leicht erscheinen diese heiteren, ja, plaudernden Geschichten, die in einem ebensolchen Ton von Marianne Schneider ins Deutsche gebracht sind. Ihre Leichtigkeit macht die Schwere des Alltags erträglicher – und sogar die Trauer über das Vergangene.

Gianni Celati: Was für ein Leben! Episoden aus dem Alltag der Italiener. Aus dem Italienischen von Marianne Schneider.

Wagenbach Verlag. Berlin 2008.

172 Seiten. 19,90 €.

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