Literatur : Wer gerne in den süßen Apfel beißt

Dagmar Leupold erzählt vom Esperanto der Liebe

Jochen Jung

Was für wunderliche kleine Wunderwerke Romane doch sein können. Wie aufregend es sein muss, sie herzustellen, wie man sich da anstrengen muss, dass sich wirklich alles so fügt, wie man es wünscht, und was für eine Freude es dann ist, wenn es gelingt, wenn all das, was man sich dazu von der Wirklichkeit ausgeliehen hat, mit seiner neuen Umgebung gut zurechtkommt.

Und was diese Wirklichkeit nicht alles an Brauchbarem hat: einen Stummen etwa und eine Archäologin, die sich ihr Geld damit verdient, dass sie sich Namen für Parfums ausdenkt. Damit die beiden dann auch zueinander finden, und das müssen sie, denn es soll ja ein Roman werden, fliegt ein Apfel Marke Grüner Engel von ihr zu ihm, wie im Paradies natürlich, aber mit deutlich freundlicheren Folgen.

Zum Beispiel der, dass er sie fragt, stumm und doch beredt, ob sie, die er vorher kaum kannte, nicht mit ihm nach Ostbelgien fahren will, für eine knappe Woche, mit dem Auto.

Was er dort vorhat? Nun, er will etwas schreiben. Es gab da nämlich mal eine Art Enklave, hundert Jahre her, die gehörte nicht zu Frankreich, nicht zum Deutschen Reich und nicht direkt zu Belgien. Neutral Moresnet hieß das, eine staatsrechtliche Absonderlichkeit. Nicht nur wäre die beinahe selbstständig geworden, sie war auch eine Sprachenklave der besondersten Art: Der Erfinder des Esperanto war nämlich dort und hat seine Sprache zu so etwas wie einer Staatssprache gemacht, und natürlich wäre es jetzt naheliegend, auch die Liebe als eine Art Esperanto auftreten zu lassen, aber so plump lesen wir es hier nicht, Dagmar Leupold ist eine kluge Autorin.

Und eine großzügige, denn sie gibt ihre Klugheit gern und immer wieder an ihre beiden Roman-Menschen weiter, die sie sich da aus der Wirklichkeit geborgt hat, und so reden die viel Gescheites, auch im Alltag, wo unsereins ja oft einfach so daherredet, und manchmal so viel, dass es ihnen selbst auffällt.

Alltag ist es aber auch gar nicht, was die beiden da erleben, es ist eher so etwas zwischen Ferien und Forschungsreise, und überhaupt ist „Grüner Engel, blaues Land“ ja ein Roman, der auch Rücksicht auf die Leser nehmen muss, die sich schließlich nichts Überflüssiges anhören wollen, und auch auf die Autorin, die viel begriffen hat, und warum sollte sie uns nicht auch daran teilnehmen lassen?

Gewiss kann das bisweilen auch ein klein wenig altklug klingen, ja, wenn alles so passt, hat es da und dort auch etwas Ikebanahaftes, aber dann steht da wieder eine Seite, auf der wir lesen, was den Stummen stumm gemacht hat, als er nämlich sieben war und seine Mutter fand, die sich gerade umgebracht hatte, das ist so erzählt oder vielmehr wahr geworden, wie es Dagmar Leupold so leicht niemand nachmacht.

Es ist übrigens nicht das einzige Unglück, von dem wir hier erfahren müssen, im Gegenteil, die Archäologin mit dem schönen griechischen Namen Sophia ist gerade herzlos im Stich gelassen worden, eine andere Frau hatte Brustkrebs, eine weitere ist eine Tschetschenin aus Grosny, was vielleicht nicht unbedingt hätte sein müssen, und eine letzte, die natürlich nur im Roman die letzte ist, stirbt, weil sie sich totgesoffen hat, und ein glücklicher Mensch tut so was ja nicht. Dann wird, aber da sind wir tatsächlich schon auf der allerletzten Seite, auch noch ihr Hund totgeschossen, was jedoch eigentlich eine gute Tat ist, nicht nur, weil man sich fragen würde, wohin mit ihm, sondern vor allem, weil mitten im Schuss die Stummheit, die der Roman selbst ja nun gar nicht kannte, auf einmal auch bei dem Stummen vorüber ist, Johannes heißt er übrigens, und natürlich hatten wir darauf die längste Zeit gewartet und wurden nun, wie es sich gehört, nicht enttäuscht.

Das gilt Gott sei Dank auch für die Liebe, obwohl das Ende da nicht ganz so deutlich ist, wir dürfen es aber doch hoffen, wohin denn auch sonst mit den beiden als zueinander? Das hatten sie auch erfreulich rasch ja schon ausprobiert, bis hin zu der Stelle, wo das Wort Hinterpommern in Versalien gedruckt sozusagen nachdrücklich zeigt, wie man auch zueinanderkommen kann.

Zueinander, ja, das ist das Thema, Dagmar Leupold, 1955 geboren und heute in München zu Hause, hat ja schon öfter, etwa in ihrem Roman „Eden Plaza“, darüber geschrieben, und wir haben es gern gelesen. Zueinander, das ist doch das Romanthema überhaupt, und zum Glück ist dies ja ein Roman, und es ist ein Roman, den alle Herzenswilligen gern lesen werden, der Verlag darf das ruhig für seine Werbung verwenden.

Vielleicht sind wir jetzt aber auch schon einen Schritt zu weit gegangen mit den beiden, denn das Kunstvolle an diesem Buch ist nicht zuletzt das, dass wir hier abwechselnd und sozusagen ohne Vorankündigung immer das Geschehen erst mit ihren Augen sehen und dann, unversehens, mit seinen.

Und nur dann und wann meldet sich die Allwissende, die Erzählerin, dazwischen und sagt etwas über die Wärme von frisch geschlossenen Freundschaften auf Reisen etwa. Weil es aber eben zumeist sie oder er sind, mit getrennter Wahrnehmung, wird das Ganze farbiger, aber natürlich auch eine Spur hoffnungsloser, also wahrhaftiger, denn jeder bleibt da eine Welt für sich, da kann der Roman machen, was er will.

Dagmar Leupold: Grüner Engel, blaues Land. Roman. Verlag C.H. Beck, München 2007. 203 S., 17,90 €.

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